Umwelt- und Naturschutz
Seit 40 Jahren WWF Aargau: «Wir provozieren nicht absichtlich»

Präsidentin Regula Bachmann spricht über 40 Jahre WWF Aargau und die grössten Aufgaben.

Mathias Küng
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Regula Bachmann, WWF-Präsidentin. ZVG

Regula Bachmann, WWF-Präsidentin. ZVG

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Frau Bachmann, was war der Anlass zur Gründung des WWF Aargau 1977?

Regula Bachmann: Damals wurde heftig über die Luftverschmutzung debattiert und um das einige Jahre später in Kraft getretene Umweltschutzgesetz gerungen. Wir wollten bereits mehr Ökologie in der damals sehr intensiv betriebenen Landwirtschaft, und traten gegen die Zersiedelung an. Mit unserer Sektion wollten wir all denen, die sich für bessere Umweltbedingungen einsetzen, eine Stimme geben, und ihnen ermöglichen, vor Ort aktiv zu werden.

Fühlen Sie sich vor den gewaltigen Aufgaben nicht manchmal ohnmächtig?

Wir stehen vor immer neuen Herausforderungen. Aber der Einsatz fruchtet auch. Erinnern Sie sich an die vor Phosphat schäumenden Bäche in den Siebzigern? Heute kann man in unseren Seen wieder baden. Auch im Kampf gegen die Luftverschmutzung kommen wir voran. Das sind Entwicklungen in die richtige Richtung.

Aber beim CO2 ist eine Lösung fern.

Ja, das Klimaproblem erfordert unseren Einsatz. Eben hat das Volk aber den ersten Schritt hin zur Energiestrategie 2050 getan, die auch ein Verbot neuer AKW beinhaltet. Vor zwei Jahren hat der Grosse Rat die Initiative der Umweltverbände «Aargau effizient und erneuerbar» zwar abgelehnt. Wir haben sie danach zurückgezogen. Aber wir haben damit im Aargau eine Energiestrategie bewirkt, die derjenigen des Bundes entspricht. Wir sind auf dem richtigen Weg. Leider werden viele Effizienzgewinne durch Mengenausweitungen wieder zunichtegemacht.

Gewiss auch, weil jedes Jahr Zehntausende mehr in der Schweiz leben?

Das kann man nicht so anschauen. Das CO2-und Umweltproblem ist weltweit anzugehen und zu lösen.

Der WWF führt im Logo einen Panda. Sie bringen jetzt aber vorab Umweltthemen vor. Wofür steht der WWF genau?

Der WWF International wurde einst zum Schutz der Wild- und Grossraubtiere gegründet. Wir verstehen uns aber als eine Umweltorganisation im umfassenden Sinn. Mit uns helfen viele Freiwillige, die Menschen für Umweltthemen zu sensibilisieren. Das kann ein Lachs-Wiederansiedlungsprojekt sein, bei dem WWF, Kanton und Fischer zusammenarbeiten, oder Naturschutz in der Siedlung. Junge WWF-Riverwatcher beobachten Flüsse und Bäche, und sorgen für deren Renaturierung.

So feiert der WWF die ersten 40 Jahre

Der WWF Aargau feiert heute Samstag ab 15 Uhr im Pontonier-Vereinshaus in Aarau das 40-Jahr-Jubiläum. Dabei gibt es nebst einem Rück- und Ausblick von Präsidentin Regula Bachmann Grussworte von Regierungsrat Urs Hofmann, der Aarauer Stadtpräsidentin Jolanda Urech sowie vom CEO des WWF Schweiz, Thomas Vellacott. Symbolisch wird dabei eine junge Stieleiche gepflanzt.

Die WWF-Sektion Aargau wurde am 11. Juni 1977 in Zofingen unter dem Namen «WWF Rüebliland» gegründet. Heute hat der parteipolitisch unabhängige Verband im Aargau knapp 18 000 Mitglieder.

Greenpeace macht mit spektakulären, manchmal gesetzeswidrigen Aktionen Schlagzeilen. Warum der WWF nicht?

Wir suchen die Zusammenarbeit mit den Behörden, mit der Wirtschaft und mit anderen Verbänden – natürlich auch mit Greenpeace – provozieren aber nicht absichtlich. Manche unserer Mitglieder wünschen sich indes schon, der WWF würde manchmal härter auftreten.

Wo zum Beispiel?

Manche Mitglieder möchten aufgrund der Überfischung der Weltmeere am liebsten den Fischfang verbieten. Stattdessen handeln wir mit der Fischerei Labels für nachhaltigen Fischfang aus. Wir streben machbare Lösungen an, was ich richtig finde.

Die Verbandsbeschwerderecht ist ein mächtiges Instrument. WWF und VCS setzen es bei der Umfahrung Mellingen ein. 2012 hiess das Volk diese Umfahrung gut, es wurde aber noch kein Stein bewegt. Das macht viele zornig.

Wir suchen nicht die Konfrontation. Wir ergreifen die Verbandsbeschwerde nur, wenn wir überzeugt sind, dass ein Projekt nicht umweltverträglich ist, dass gewisse Rechtsgrundlagen verletzt werden. Dann haben wir die Pflicht zum Einspruch, um bessere Lösungen zu fordern. Das beste wäre ein Tunnel unter der Reuss.

Regula Bachmann (73)...

...ist Biologin und verheiratet. Sie wohnt in Magden und ist seit 2009 Präsidentin des WWF Aargau. Von 2006 bis 2016 war sie CVP-Grossrätin. Sie macht Beratung in Energie- und Umweltfragen.

Aber ist das verhältnismässig? Das kostet enorm viel mehr, und man müsste nochmals ganz von vorn beginnen.

In Zürich unter der Sihl ging das auch. Man kann nicht einfach Nein sagen. Ein Tunnel ist wenigstens seriös zu prüfen, was nicht getan wurde. Die Reusslandschaft um Mellingen ist bundesrechtlich geschützt. Der Kanton ist zu schonenden Eingriffen verpflichtet. Man könnte Probleme umgehen, wenn man uns früher einbeziehen würde. So könnte man Alternativen finden.

Welches ist unsere grösste Herausforderung der Zukunft?

Das CO2-Problem, verbunden mit der Frage, welches und wie viel Wachstum wir wollen, wie wir kostbare Energie sorgsam nutzen. Uns Umweltverbände braucht es künftig sogar noch mehr. Wir halten hartnäckig den Finger drauf, wenn unsere Lebensgrundlagen gefährdet werden, bis alle dies erkennen, und entsprechend handeln. Unsere Nachkommen müssen auch noch auf unserer Erde leben können. Wir haben nur diese eine!