Ambulanz

Seit 2005 haben sich die Rettungseinsätze im Aargau verdreifacht – warum ist das so?

Heiss herbeigesehnt – Ambulanzteam im Notfalleinsatz.

Heiss herbeigesehnt – Ambulanzteam im Notfalleinsatz.

Wer den Eindruck hat, immer öfter Ambulanzautos zu sehen, täuscht sich nicht. Letztes Jahr waren sie im Aargau 31'000 Mal im Einsatz – so oft wie noch nie.

Letztes Jahr waren im Aargau Ambulanzautos 31'010 mal für Primäreinsätze (Rettung) im Einsatz. Dies besagen neuste Zahlen des Departements Gesundheit und Soziales (DGS). Das sind 3244 beziehungsweise über 10 Prozent mehr Einsätze als im Jahr davor.

Noch drastischer ist die Steigerung, wenn man bis 2005 zurückblickt. Damals gab es 11'712 solche Einsätze. Deren Zahl hat sich also seither fast verdreifacht. Dazu kommen Sekundäreinsätze, also Patientenverlegungen. Auch ihre Zahl stieg von 5580 im Jahr 2005 auf 9597 im vergangenen Jahr.

KSB-Rettungsfahrzeuge: sechsmal um die Erde

Was sind die Gründe für diesen Anstieg, der weit über das Bevölkerungswachstum hinausgeht? Heini Erne, zuständiger Spezialist im DGS, führt die Entwicklung auf mehrere Ursachen zurück. Zum einen wächst die Bevölkerung, gleichzeitig nimmt der Anteil älterer Personen zu. Das gelte auch für die Verkehrsdichte. Immer öfter würden zudem risikoreiche Sportarten gepflegt, die Freizeitunfälle nähmen zu. Zudem rufe man die Ambulanz heute früher. Erne ist überzeugt, dass die Zahlen auch dieses und nächstes Jahr steigen.

Eine Nachfrage bei den Kantonsspitälern bestätigt den Trend. Der Rettungsdienst des Kantonsspitals Baden (KSB) etwa rückte letztes Jahr deutlich häufiger aus, nämlich 8264 mal, so Sprecher Omar Gisler. Sie umrundeten dabei mit 236'876 Kilometern fast sechsmal die Erde.

Rettungskräfte aufgestockt, um Vorgaben zu erfüllen

Gisler verweist auf die Vorgaben des Kantons für die Betriebsbewilligung. So muss gewährleistet sein, dass die Rettungskräfte in 80 Prozent der Notfälle innert 15 Minuten beim Patienten sind. Um dies einhalten zu können, habe das KSB seine Ressourcen um ein Team und ein Fahrzeug aufgestockt. Um die Relationen zu sehen: Tagsüber sind im KSB vier zweiköpfige Rettungsteams sowie eine Person mit einem Noteinsatzfahrzeug im Einsatz. Nachts sind es zwei Zweier-Teams sowie eine Person mit dem Noteinsatzfahrzeug.

Ein gesellschaftlicher Wandel sei für die Zunahme der Einsätze verantwortlich, sagt Gisler. Es gebe immer weniger Hausärzte, die im Notfall eine Anlaufstelle bieten. Zudem geniesse die Notrufnummer 144 eine grosse Bekanntheit. Um sich nicht dem Vorwurf unterlassener Hilfeleistung ausgesetzt zu sehen, «greifen viele Leute rasch zum Handy, wenn sie sich mit einem vermeintlichen Notfall konfrontiert sehen».

Das führe dazu, dass der Rettungsdienst oft auch für Bagatell-Einsätze aufgeboten wird. Gisler verweist beispielsweise auf Jugendliche, «die wegen Fieber oder Erkältung den Rettungsdienst rufen, oder Leute, die sich beim Gemüserüsten in der Küche zu Hause in den Finger schneiden».

Kantonsspital Aarau musste auch um ein Fahrzeug aufstocken

Die Beobachtung stark steigender Ambulanzfahrten (10 Prozent mehr im letzten Jahr) macht laut Sprecherin Isabelle Wenzinger auch das Kantonsspital Aarau (KSA). Das grösste Aargauer Spital hat jüngst die Zahl seiner Rettungsfahrzeuge von neun auf zehn erhöht, und ebenso um ein Rettungsteam aufgestockt, um die Vorgabe, in 80 Prozent der Fälle innert 15 Minuten vo Ort zu sein, trotz der Zunahme an Einsätzen weiterhin erfüllen zu können, sagt Wenzinger.

Die beiden Ambulanzfahrzeuge des Spitals Leuggern hatten laut Direktor René Huber letztes Jahr ebenfalls über 10 Prozent mehr Rettungseinsätze. Ein Ausbau in ihrem Rettungsdienst sei derzeit aber nicht nötig, sagt Huber. Er sieht keinen eindeutigen Grund für die massive Steigerung, abgesehen von der Bevölkerungszunahme und von mehr älteren Menschen. Auch komme es vor, dass vor Ort eine angeforderte Ambulanz zurückgewiesen wird, etwa wenn ein Nachbar angerufen hat, der Betroffene dann aber sagt, es sei nicht nötig. Viele Ausländer, die das Hausarztsystem von daheim nicht kennen, kämen zudem meist direkt ins Spital.

Rettungseinsätze kosten 25 Millionen Franken im Jahr

Dass es am Hausarztmangel liegt, glaubt Huber nicht: «Da gingen die Menschen wenn schon öfter direkt in den Spitalnotfall, was ja – auch bei uns – geschieht.» Vielen sei aber nicht bewusst, dass sie unter Umständen einen Teil der Ambulanzfahrt selbst bezahlen müssen, so Huber: «Hier haben wir die meisten Abschreibungen von Geldforderungen gegenüber Patienten, die dies nicht bezahlen können.»

Ein solcher Ambulanz-Einsatz des KSB kostet im Durchschnitt zwischen 800 und 1000 Franken, sagt Omar Gisler. Im KSA ist die Grössenordnung ähnlich. Rechnet man dies auf den ganzen Kanton Aargau hoch, kommt man – konservativ gerechnet – auf Kosten von 25 Millionen Franken im Jahr.

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