Markus Zemp
Seit 1993 ist er verliebt: Auch heute rostet die alte Liebe zur «Brown Swiss» nicht

Weil er als Präsident von Braunvieh Schweiz abtritt, kam gestern ganz Europa nach Rottenschwil.

Mario Fuchs
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Markus Zemp mit einem Kalb auf dem Steghof: «Es fühlt sich an, als hätte ich einen schweren Rucksack abgelegt.»

Markus Zemp mit einem Kalb auf dem Steghof: «Es fühlt sich an, als hätte ich einen schweren Rucksack abgelegt.»

Chris Iseli

Sie stehen im Kreis vor dem Steghof in Rottenschwil: Deutsche, Franzosen, Italiener – Rumänen, Bulgaren, Slowenen. Und natürlich die Ukrainer und die Türken, die erst am Dienstag aufgenommen wurden in den Verband der Europäischen Braunviehzüchter. Markus Zemp, Schafisheim, Präsident Braunvieh Schweiz, begrüsst die Präsidenten und Direktoren. Er spricht Englisch, das ist Verbandssprache, aber nicht alle verstehen ihn gleich gut. Die Türken haben einen Übersetzer mitgebracht. Der Slowene kann noch Russisch aus Sowjet-Zeiten und übersetzt so für den ukrainischen Kollegen. «Europas Spitzen der Braunviehzüchter», wie es in der Einladung hiess, sind ins Freiamt gekommen, um den Betrieb von Hugo Abt zu besichtigen. Vor allem aber zu Markus Zemps Ehren. 1993 hatte sich der Agraringenieur erstmals für die «Brown Swiss» engagiert, später wurde er Schweiz-Präsident, Europa-Präsident, Welt-Präsident. Der Sepp Blatter der Braunviehzucht, quasi. Nur ohne die Skandale.

Gestern folgte der grosse Abschied. In den nächsten drei Monaten wird der 62-Jährige seine Ämter nach und nach abgegeben. Im November wird er das Präsidium des Schweizer Verbands abtreten, und so lud Zemp, der im nahen Brunnwil aufgewachsen war, für seine letzte Europa-Sitzung die Delegierten in seine Heimat ein. Sie kamen alle – «das ist eigentlich selten», freut sich Zemp. In Sins im «Arcade» wurde übernachtet, im «Löwen» gabs ein Nachtessen. Doch auch wichtige Entscheidungen wurden gefällt: Die Europakonferenz 2019 wurde an Österreich vergeben, die EM 2020 an Italien. Und Markus Zemp zum Ehrenpräsidenten ernannt.

«Great in production»

Hofherr Hugo Abt macht für die internationalen Gäste eine Mini-Viehschau. «She is in second lactation», erklärt er zu einer Kuh. «I really like this cow.» Sie sei «great in production», aber habe es nicht nötig, das den anderen zu zeigen. Die Zuhörer lehnen am Gatter, schauen interessiert, fachsimpeln. Sie fragen Abt, was er den Tieren verfuttere, ob sie auch auf die Weide könnten, welche Merkmale ihm beim Züchten wichtig seien. Der Landwirt antwortet geduldig. Später wird er zum Reporter sagen: «Die Bundesrätin Leuthard war auch schon bei uns, auf ihrem Bundesratsreisli, aber so eine grosse Delegation hatten wir noch nie. Eine grosse Ehre für uns!» Im Stall bemerkt der deutsche Vertreter die Sense und den Rechen, die an der Holzwand auf ihren nächsten Einsatz warten. Abt sagt: «Ja, wir arbeiten eben noch von Hand. Manchmal.» Einige lachen, einer macht mit seinem Handy ein Foto. Jernej Vrtačnik vom Slowenischen Landwirtschaftsdepartement sagt, es sei sehr interessant. In seinem Land gebe es nur sehr kleine Parzellen, den eigenen Betrieb zu vergrössern, sei für die meisten Bauern unmöglich. «Hier scheint es einfacher zu sein.» Zehn Kühe pro Betrieb seien der Durchschnitt. Zum Vergleich: Zum Steghof gehören 38 Hektaren Landwirtschaftsland und 70 Milchkühe.

Die «Brown Swiss», oder die «Bruna», wie der Kenner sagt, hat das Leben von Markus Zemp von Kindesbeinen an geprägt. «Ich habe zu Hause schon als Bub den Besuchern die Abstammungsgeschichte unserer Tiere erklärt», erinnert er sich. Auch wenn er nun seine Vorstandsämter bei den Züchtern niederlege, werde er sich weiterhin für die Arbeit seiner Kollegen interessieren. Die noch eher neue Technik der genomischen Selektion erlaubt es, genauer vorherzusagen, welche Eigenschaften ein Zuchttier haben wird. Zemp ist gespannt. «Ich gehe natürlich auch künftig an Viehschauen. Das ist eine Liebe, die nie rosten wird.»

Die Situation des Braunviehs in Europa sei derzeit «stabil». Die «klassische Käsekuh» sei in vielen Gebieten auf dem Vormarsch, gerade wegen ihres hohen Eiweissgehalts und weil sie «sehr hitzetolerant» sei. Die grosse Diskussion drehe sich momentan darum, wie gross die Kühe noch werden sollen. Zemp sähe es gern, die Tiere würden eher wieder leichter statt immer grösser und schwerer. Die Meinungen dazu gehen bei den europäischen Vorstandsmitgliedern auseinander.

Den Rucksack bloss umgepackt

Nach der Betriebsführung gibt es draussen vor dem Stall Most, Kaffee aus der Thermoskanne und vor Ort gebackene Speckzüpfe. Man steht für ein Erinnerungsfoto zusammen, natürlich samt herausgeputzter Kuh. Kurz bevor die Fotografen abdrücken, ruft ein Schweizer Teilnehmer: «Not so serious!»

Und Zemp sagt: «Viehzucht hat immer enorm mit Emotionen zu tun . Das merke ich auch jetzt beim Abschied.» Er spüre eine gewisse Wehmut, aber auch grosse Erleichterung. «Es fühlt sich an, als hätte ich einen schweren Rucksack abgelegt.» Genau genommen hat Zemp seinen Rucksack gar nicht abgelegt, sondern bloss umgepackt. Im Juni wurde er zum Präsidenten der Branchenorganisation Fleisch Proviande gewählt, weiter ist er Präsident der Branchenorganisation Milch, des Schweizer Brauerei-Verbands und der beratenden Kommission für Landwirtschaft des Bundesrats. «Ich habe vielleicht von 150 auf 80 oder 100 Prozent reduziert», gibt Zemp zu. Er hofft dennoch, bald etwas mehr Zeit für die Familie und das «Hüüsli in Südfrankreich» zu haben.

Dann muss die Delegation weiter. Eine zweite Betriebsbesichtigung steht an. Zemp kennt den Weg, er fährt voraus.