National- und Ständerat

Seit 171 Jahren schickt der Aargau Politiker nach Bern – welche Bezirke zu kurz kommen

Aarau dominiert, Rheinfelden wartet am längsten, Zurzach bildet das Schlusslicht. Das sind die Erkenntnisse der Auswertung der Wohnorte aller Aargauer National- und Ständeräte seit 1848. Der grösste «Sesselkleber» war ein Wohler.

Augustin Keller nimmt am 6. November 1848 an der ersten Versammlung der eidgenössischen Räte in Bern teil. Schwarze Kleidung ist Pflicht. Rednerpult und Bundeshaus gibt es nicht. Keller ist einer der ersten zwei Aargauer Ständeräte und wohnt in Aarau. Heute würde er staunend feststellen: Der Bezirk Aarau ist seit zehn Jahren nicht mehr im Bundesparlament vertreten. Der heutige Regierungsrat Urs Hofmann war 2009 der letzte Aarauer in Bern.

Der Bezirk kann sich indes nicht über mangelnde Präsenz beklagen, zumindest in der Gesamtschau. Die Auswertung der Wohnorte aller Aargauer National- und Ständeräte seit 1848 zeigt: Kein anderer Bezirk war auch nur annähernd gleich gut vertreten wie Aarau. 11 Jahre pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner sassen Aarauer Parlamentarier in den eidgenössischen Räten. Überdurchschnittlich gut vertreten waren auch Baden, Zofingen und Kulm. Das Schlusslicht bildet Zurzach mit 3,3 Jahren pro 1000 Einwohner.

Lesebeispiel: Die kumulierte Amtszeit aller Parlamentarier mit Wohnistz im Bezirk Baden beträgt pro 1000 Einwohner 6,9 Jahre.

Ein Eindruck davon, welche Gemeinde im Parlament bisher wie gut vertreten war, gibt folgende Karte. Darauf sind alle Parlamentarier als Punkte in ihrer Wohngemeinde verzeichnet, die Grösse entspricht der Amtsdauer (die Punkte sind nicht an der exakten Wohnadresse positioniert, sondern rund um den Gemeindenamen angeordnet).

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Die Punkte auf der Karte repräsentieren jeweils nicht den exakten Wohnort, sondern nur die Gemeinde, in dem die Kandidatin oder der Kandidat wohnt. Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

Die Zurzibieter SP brachte die Regionenverteilung im Januar bei der Nomination der SP-Nationalratskandidaten zur Sprache. Ihr Antrag, kleinen Bezirken mehr Gewicht zu geben, scheiterte.

Die Aarauer Dominanz geht vor allem auf frühere Jahrzehnte zurück (siehe Grafik unten). Sie überrascht Silvio Bircher nicht. Er ist selbst Aarauer, politisierte für die SP fast 14 Jahre im Nationalrat und später in der Aargauer Regierung. «Aarau samt Umland war eine Beamtenstadt und Hochburg der Liberalen, die damals die politische Schweiz prägten», sagt der Kenner der Aargauer Politgeschichte. Vermutlich seien damals viele Vertreter der freien Berufe in der Kantonshauptstadt wohnhaft gewesen: Anwälte, Ärzte, Gewerbetreibende. Hinzu komme, dass Kandidaten aus überregionalen Zentren bessere Karten hätten. In dieser Hinsicht war Aarau konkurrenzlos. Bircher sagt: «Baden hatte nicht die starke Stellung, die die Stadt heute hat.»

In Wahljahren wurden abtretende und neugewählte Parlamentarier gezählt. Deshalb können die Zahlen in diesen Jahren höher sein als die tatsächliche Anzahl Sitze.

Das hat sich allerdings geändert. Im Bezirk Baden wohnen heute fast doppelt so viele Menschen wie in Aarau. Davon profitierten Badener Politiker. Der Osten des Kantons hat Aarau bei der absoluten Anzahl der Bundesparlamentarier überholt. Von den aktuellen 16 National- und zwei Ständeräten sind sechs im Bezirk Baden zuhause – das ist jeder dritte. Noch grösser war die Badener Vertretung zwischen 2011 und 2015 mit zehn Sitzen. Bircher sagt:

Allerdings habe sich die Bindung zum Wohnbezirk gelockert. Die Zugehörigkeit sei früher wichtiger gewesen, ist Bircher überzeugt. Mit einer Ausnahme: Zofingen. Der «wilde Westen» im Aargau, wie Bircher den Bezirk bezeichnet, sei eine Hochburg in sich. Die regionale Eigenständigkeit und der Zusammenhalt seien grösser als in anderen Bezirken. Bircher sagt: «Zofinger wählen eher Zofinger Kandidaten.» Als Beispiel nennt er FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger. Sie habe bei ihrer Wahl 2007 eher überraschend aussichtsreiche Kandidaten anderer Bezirke überrundet. Bircher will die regionale Zugehörigkeit aber nicht übergewichten: «Bei Wahlen ist sie ein Faktor unter vielen.»

Am längsten wartet nicht Aarau, sondern der Bezirk Rheinfelden auf einen Bundesparlamentarier. «HD Läppli»-Darsteller Alfred Rasser war 1975 der letzte.

Diese 5 Aargauer sassen am längsten in Bern

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