Leserbriefe 2014: Teil 2

«Sehen Sie Ihre begangene Dummheit ein!»

Beim Jahresrückblick haben die Leserinnen und Leser das Wort. Wir haben für jeden Monat eine Zuschrift zu einem Thema ausgesucht, das für Gesprächsstoff sorgte und erzählen, wie die Geschichte weiterging. Teil 2: Mai bis August.

Mai: «Freikauf für 100'000 statt für 3650 Franken»

Die Nachricht: Gemeinden können sich von der Aufnahmepflicht von Asylbewerbern freikaufen - für 10 Franken pro Asylbewerber und Tag. Das will der Regierungsrat in dieser Form abschaffen.

Der Leserbrief vom 28.5:
«Es war zu lesen, dass die Gemeinden nicht mehr die Möglichkeit haben sollen, sich für 10 Franken pro Tag und Asylbewerber von der Aufnahmepflicht freizukaufen. Dieser Betrag ist schlicht lächerlich und wird locker aus jeder Gemeinde-Portokasse berappt. Meiner Meinung nach sollte sich der Betrag auf happige 100›000 Franken jährlich pro Asylbewerber belaufen. Von diesen Einnahmen sollen dann jeweils 3650 Franken (wie bis anhin) beim Kanton bleiben und die restlichen 96350 Franken gerecht an die Gemeinden ausgeschüttet werden, welche ihr Pflichtsoll übertroffen haben. Ich schreibe das nicht, weil ich ein Aarbiger bin, aber ich bin überzeugt, dass sich so auf einmal viele bislang Ersatzleistungen zahlende Gemeinden finden lassen, die plötzlich doch Platz für die Unterbringung von Asylbewerbern haben…»
Thomas Widmer, Aarburg

So ging es weiter:
Etwa die Hälfte aller Gemeinden nutzt immer noch die Möglichkeit sich von der Aufnahmepflicht freizukaufen. Die Situation hat sich verschärft. Denn die Zahl der Asylbewerber, die dem Aargau zugewiesen werden, steigt weiter. 2012 zählte der Aargau im Durchschnitt knapp 2700 Personen im Asylprozess, 2014 sind es im Schnitt 2900.

Senioren am Steuer sind seit einigen Jahren ein Politikum. Bei der Fahrtauglichkeitsprüfung kann der Hausarzt zum Vertrauensarzt werden. Walter Schwager/Archiv az

Senioren am Steuer sind seit einigen Jahren ein Politikum. Bei der Fahrtauglichkeitsprüfung kann der Hausarzt zum Vertrauensarzt werden. Walter Schwager/Archiv az

Juni: «Diskriminierte Senioren im Rüeblikanton»

Die Nachricht: Autofahrende Senioren im Aargau fühlen sich ungerecht behandelt, weil der Kanton ihre Fahrtauglichkeit offenbar strenger als anderswo beurteilt. 1129 Führerausweise wurden bei Rentnern im Aargau 2013 eingezogen, dreimal mehr als noch fünf Jahre zuvor.

Der Leserbrief vom 3.6:
«Die über 70-Jährigen sind nicht schuld, dass der 82-jährige Diabetiker in Brugg 2005 eine Schülerin totgefahren hat. Versagt hat seinerzeit der Vertrauensarzt vom Amt. Aus diesem Grund zog das Aargauer Strassenverkehrsamt die Schrauben an. Alzheimer-Test, eine Uhr mit Zeiger und Zeitangabe zeichnen und beschreiben, auf einem A4-Blatt Zahlen mit Buchstaben verbinden, mit Stoppuhr der 5-Ecken-Test, Augen-Test, Bewegungs-Test und so weiter. Will das Strassenverkehrsamt mit diesen Methoden den Strassenverkehr reduzieren, wenn man wie letztes Jahr 1129 Führerausweise entzieht? Vorschlag: Alle vier Jahre ab dem 70. Geburtstag eine verkehrsmedizinische Untersuchung sollte genügen, man könnte Geld sparen. Die Fahrtauglichkeits-Untersuchung sollte in allen Schweizer Kantonen gleich durchgeführt werden, der Kanton Aargau muss sich nicht hervorheben, bitte an die Regeln anderer Schweizer Kantone anpassen.»
René Keller, Wohlen


So ging es weiter:
Die vermehrten Entzüge erklärt der Regierungsrat in einer Interpellationsantwort mit der Sensibilisierung der Hausärzte. Das Strassenverkehrsamt erhalte vermehrt Anhaltspunkte über gesundheitliche Probleme bei über 70-jährigen Lenkern. SVP-Nationalrat Maximilian Reimann, 72-jährig, schlägt einen «Fahrausweis light» vor, der Senioren ermöglichen soll, kurze Wege, etwa ins nahe Einkaufszentrum, auch in hohem Alter und bei intakter Gesundheit noch fahren können.

Juli: «Eine vulgäre ,Verarschung› des Stoffes»

Die Nachricht: Die Wettinger Freilicht-Aufführung «Viel Lärm um nichts» nach William Shakespeares spaltet das Publikum. «Es wird kopuliert, geduscht, gebadet, ejakuliert, Popel abgewischt, aus- und angezogen, geschrien, gesungen, krampfartig geheult und gespuckt», schildert az-Rezensent Christian Berzins das Stück an den Klosterspielen.

Der Leserbrief vom 12.7:
«Ich beziehe mich auf die Berichterstattung im Kulturteil, welche die Klosterspiele Wettingen zum Inhalt hat. Man merke, dass ich bewusst die Bezeichnung «Berichterstattung» und nicht das Wort Theaterkritik verwende. Mit den Worten, die in diesem Beschrieb verwendet werden, ist diese ganzseitige «Berichterstattung» eher als Marketing-Tool für den Verkauf der Vorstellungen zu werten. Mit sachlicher Kritik hat das nach meinem Befinden nicht viel zu tun. Sollte eine ejakulierende Brunnenröhre als moderne Theaterkultur gelten, so bin ich wahrscheinlich zu dumm, diesen Zeitgeist zu verstehen. Für mich waren grosse Teile dieser Vorführung eine vulgäre «Verarschung» des Stoffes von Shakespeare. Sollte mein Unverständnis auf meine Dummheit zurückzuführen sein, so akzeptiere ich diese Einstufung gerne als Privileg.»
Ulrich Krebs, Wettingen

So ging es weiter:
Es folgte eine Flut weiterer Kommentare zur umstrittenen Shakespeare-Aufführung. Die az führte die Debatte unter der Frage «Wie vulgär darf Theater sein?» fort. Primitiv, genial oder viel Lärm um Nichts? Das nächste Theater-Skandälchen kommt bestimmt.

Geri Müller stellt sich in Baden den Fragen der Journalisten.

Geri Müller stellt sich in Baden den Fragen der Journalisten.

August: «Sehen Sie Ihre begangene Dummheit ein»

Die Nachricht: Es war eine Enthüllung im wahrsten Sinne des Wortes, was die «Schweiz am Sonntag» am 17. August unter dem Titel «Nationalrat Geri Müller: Nackt-Selfies im Stadthaus» berichtete.

Der Leserbrief vom 19.8:
«Es liegt mir nicht daran, Geri Müller zu verurteilen, weil in jedem Menschen die dunkle Seite vorhanden ist. Als öffentlicher Mensch muss man sich dessen bewusst sein und kann diese Seite nicht ausleben. Es scheint, dass er seine Anständigkeit bewahren will und dabei Gefahr läuft, sich der Ex-Geliebten gegenüber frauenfeindlich zu verhalten. Ich gebe ihm eine Aussage von Immanuel Kant zum Überdenken: «Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen.» An Geri Müller: «Sehen Sie Ihre Dummheit, die Sie begangen haben, ein, sehen Sie ein, dass Sie der Stadt Baden mit Ihrem Verhalten schaden, sehen Sie ein, dass Sie der jungen Frau schon genügend Ungemach bereitet haben, und ziehen Sie in Ihrem Interesse mithilfe des Verstandes die Konsequenzen und treten Sie als Stadtammann und Nationalrat zurück.» Er gebe Christian Dorer nicht recht, der schreibt: «Bloss merkt das meistens jene Person als letzte, die es direkt betrifft.»
Walter Franzetti, Rütihof

So ging es weiter:
Die Geschichte nahm fortan als «Gerigate» ihren Lauf. Kaum ein Tag, an dem nicht neue Details ans Licht kamen. Auch eine Debatte über die Rolle der Medien (was ist öffentlich, was privat?) setzte ein. Der Stadtammann von Baden gab sein Amt (bisher) nicht auf, obwohl sich seine Stadtratskollegen von ihm abwendeten, Rücktrittsforderungen von allen Seiten laut wurden und er zunehmend bei Veranstaltungen ausgeladen wird. Das eine oder andere Kapitel wird in dieser Causa 2015 wohl noch geschrieben werden.

Teil 1 des Jahresrückblicks finden Sie hier, Teil 3 hier.

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