Wo ist Nico? Plötzlich taucht das Flugzeug wieder über dem Birrfeld auf. Lautlos zieht es seine Kreise wie ein grosser weisser Raubvogel. Am Steuerknüppel sitzt Nico Zobrist, 15, Lernflieger aus Unterentfelden. Unten neben der Landepiste steht der 74-jährige Kurt Widmer, ebenfalls Flugschüler, und schaut in den Himmel. Enkel und Grossvater lassen sich zu Segelflugpiloten ausbilden. Eine Premiere in der Fliegerschule auf dem Flugplatz Birrfeld.

Ihr Ziel: Gemeinsam im Segelflugzeug die Schweiz aus der Vogelperspektive erkunden. Dabei hatte Kurt Widmer eigentlich gar nie vor, Pilot zu werden. Aber weil der Kurs wegen zu wenig Teilnehmern sonst nicht hätte stattfinden können und sich sein Enkel ein weiteres halbes Jahr hätte gedulden müssen, meldete er sich an. «Statt an die Seniorenuni zu gehen», sagt Widmer und lacht. «Ein Abenteuer, das Spass macht.»

An 19 Abenden fuhren sie im letzten Herbst und Winter gemeinsam ins Kurslokal auf dem Flugplatz Birrfeld. Kurt Widmer trägt Lederjacke, Nasa-Baseballcap, Sonnenbrille und zeigt auf seinem Smartphone, in welchen Fächern sie Bescheid wissen müssen: Luftrecht, Meteorologie, Sprechfunk, Navigation zählen dazu. Neun Bücher sind es, fast 1000 Seiten. Nico Zobrist, der im Sommer die Kantonsschule in Aarau beginnt, lässt sich davon nicht abhalten. Er sagt: «Wenn man fasziniert ist, macht man das gern.»

Enkel und Grossvater lassen sich zu Segelflugpiloten ausbilden. Die az hat Nico Zobrist und Kurt Widmer auf dem Flugplatz Birrfeld begleitet.

Warten auf den 16. Geburtstag

Und fasziniert vom Fliegen ist er, schon seit der Kindheit. Damals besuchte er mit seinem Grossvater Airshows, heute fotografiert er seltene Flugzeugmodelle. Traumberuf Pilot? «Das wäre cool», antwortet Zobrist. Doch bis dahin ist der Weg noch weit – nicht nur, weil er für die Lizenz seinen 16. Geburtstag im September abwarten muss. Zuerst steht an diesem sonnigen, aber kalten Aprilnachmittag die nächste Flugstunde an. Zum 19. Mal wird er abheben, wie Nico Zobrist kurz in seinem Logbuch nachzählt, das er aus der schwarzen Umhängetasche mit der Aufschrift «Pilot» herauszieht. Über dem Birrfeld herrscht viel Verkehr, er nimmt das Funkgerät hervor und schaltet es ein. Ein Pilot meldet, nun im «Downwind» zu sein. Nico Zobrist – blaues Gilet, korrigierte Sonnenbrille, blondes gescheiteltes Haar – sitzt auf einer Bank am Rand des Flugplatzes, zeigt auf einen Segelflieger und erklärt, wie dieser sich nun langsam nach unten tragen lassen muss.

Kurz darauf startet im Hintergrund ein kleines Motorflugzeug durch. Der Pilot habe zu früh abgeflacht, analysiert der 15-Jährige. «Start und Landung sind am schwierigsten», sagt er. «Fliegen ist üben, üben, üben», bestätigt sein Grossvater, der noch deutlich weniger Flugstunden absolviert hat als der Enkel.

Segelflug im Sinkflug

Wenn sie abheben wollen, reservieren sie online einen Flieger. «Warten müssen wir fast nie», sagt Widmer. Der Segelflug befindet sich im Sinkflug – und das seit Jahren. Das zeigt sich an den schweizweit vergebenen Lizenzen: Innert zehn Jahren ist deren Zahl um über einen Drittel auf rund 1700 geschrumpft. Anfang der 90er-Jahre wurde hingegen noch die 3000er-Marke geknackt. Besonders der Nachwuchsmangel macht den Segelflugvereinen zu schaffen. Rund 80 lizenzierte Piloten sind unter 20 Jahre alt und Mitglied beim Schweizer Segelflugverband. Dessen Präsident Marc Inäbnit sagt, den jungen Frauen und Männer fehle neben Lehre oder Studium vielfach die Zeit.

Das ist eine Entwicklung, die Fluglehrer Guido Schmid auch im Kanton Aargau beobachtet. «Segelfliegen ist sehr aufwendig. Kurz abheben und danach gleich wieder verschwinden ist nicht möglich.» Dazu kommen die Kosten: Für einen Schulflug werden zwischen 45 und 100 Franken verrechnet; allein der Schlepper, der den Segelflieger in Position zieht, kostet sieben Franken pro Minute. Die Zahl der Ausbildungsflüge schwankt von Person zu Person: Erfahrungsgemäss sind bis zum ersten Alleinflug ungefähr 50 nötig, bis zur Prüfung folgen um die 75 weitere. Nico Zobrist hat im Coop Regale eingeräumt, um sein Hobby mitzufinanzieren. Und: An Weihnachten, Geburtstag, Konfirmation sind die Geschenkwünsche klar.

Blei unter dem Sitz

Der Start rückt näher. Zobrist steigt auf das Quad, mit dem er das Segelflugzeug ASK-21 zur Startposition fährt. Zwei mit Blei gefüllte Säcke legt er sich unter den Sitz; sie helfen ihm dabei, das Mindestgewicht von 70 Kilo zu erreichen. Bevor er sich ins enge Cockpit setzt, schnallt er sich den roten Fallschirm an den Rücken. Für den Notfall. Unfälle kommen vor, haben meist schlimme Folgen. Daran denkt Zobrist nicht. Ist Fliegen gefährlich? Nein, findet er.

Angst hat auch seine Mutter Denise Widmer nicht, die unten auf dem Flugplatz steht und ihrem Sohn beim Fliegen zuschaut. «Fährt er mit dem Velo zur Schule, ist das Risiko grösser.» Stolz schauen Grossvater und Mutter in den Himmel hoch. «Abkreisen», meldet er über den Funk. Kurz darauf setzt er das Kleinflugzeug sicher auf dem Rasen auf. Kaum ausgestiegen und den Rückmeldungen des Fluglehrers gelauscht, will er wieder starten. Üben, üben, üben.

Der erste Flugplatz im Aargau ist seit 80 Jahren in Betrieb

Der Flugplatz Birrfeld, auf dem Nico Zobrist und Kurt Widmer ihren Segelflugkurs machen (siehe Artikel links), ist der älteste Flugplatz im Aargau. Er wurde im Jahr 1937 gegründet und hat sich seither «zum bedeutendsten Flugsport- und Ausbildungszentrum im Kanton entwickelt», wie es auf der Website des Flugplatzes heisst. Der Flugplatz ist Heimat der Fliegerschule Birrfeld und verschiedener Fluggruppen. Gegen 230 Motor- und Segelflugzeuge, vom Oldtimer bis zum modernen Schulflugzeug, haben ihre Basis im Birrfeld. Entsprechend hoch ist dort die Zahl der Flugbewegungen: 2016 wurden 68 370 Starts und Landungen registriert, im Jahr zuvor gar 69 987. Betrieben wird der Flugplatz vom Aero-Club Aargau, seit der Gründung wurde im Birrfeld die Infrastruktur immer wieder ausgebaut. Zuletzt wurde für rund 2 Millionen Franken ein neuer Hangar erstellt, zudem das Restaurant umgebaut und im letzten Jahr bewilligte die Generalversammlung den Bau einer neuen Werkstatt.

Neben dem Birrfeld gibt es im Aargau zwei weitere Flugplätze: Buttwil im Freiamt und Schupfart im Fricktal. Der Flugplatz Buttwil wurde Ende der 1960er-Jahre als Ersatz für den Flugplatz Spreitenbach gebaut. «Dank dem Einsatz von Rudolf und Werner Eichenberger sowie unzähligen Freiwilligen konnte der Flugplatz im Jahre 1970 eröffnet werden», heisst es auf der Website. Mit seiner 675 Meter langen Graspiste kann er von kleineren Flugzeugen und Helikoptern das ganze Jahr über benützt werden. Einst gab es Pläne für eine feste Betonpiste, diese wurden aber vor Jahren begraben.

Der Flugplatz Schupfart wurde im Jahr 1967 eröffnet, nachdem der ehemalige Flugplatz Sisslerfeld aufgehoben worden war. Besitzer und Betreiber des Flugplatzes ist der Regionalverband Fricktal des Aero-Clubs der Schweiz. Vor gut einem Jahr prüfte die Rega den Bau einer Helikopterbasis in Schupfart. Im Februar 2016 teilte die Rettungsflugwacht dann mit, dass der Standort in Basel beibehalten werde.
Lärm ist auch bei den Aargauer Flugplätzen ein Thema. So gab es in Schupfart Widerstand gegen die Ausweitung der Flugzeiten und den Pachtvertrag zwischen den Ortsbürgern und dem Aero-Club. Erst im zweiten Anlauf stimmte die Gemeinde einer Verlängerung um 25 Jahre zu. Lärmklagen von Anwohnern gab es auch im Birrfeld – die Betreiber reagierten mit Kontrollen der Flugrouten und dem Kauf von leiseren Flugzeugen. Eher unproblematisch ist die Situation in Buttwil, dank dem guten Verhältnis zu den Anwohnern und der geografischen Lage, heisst es auf der Flugplatz-Website. von Fabian Hägler