Bedrohung
Seelenlose Billig-Hostien bedrängen Hermetschwiler Klosterbäckerei

Konkurrenz aus Polen, Italien und sogar China gefährdet die Hostienherstellung im Benediktinerinnenkloster St. Martin Hermetschwil.

Jörg Meier
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In den Hostienbäckereien der Klöster werden die Hostien in kontemplativer Handarbeit gebacken, sortiert und verpackt – so wie hier im Kloster Namen Jesu in Solothurn. Archiv

In den Hostienbäckereien der Klöster werden die Hostien in kontemplativer Handarbeit gebacken, sortiert und verpackt – so wie hier im Kloster Namen Jesu in Solothurn. Archiv

Hanspeter Bärtschi

Seit 1082 werden, mit Unterbrüchen im bewegten 19. Jahrhundert, im Kloster St. Martin Hermetschwil Hostien hergestellt. Auch heute noch ist die Hostienbäckerei die wichtigste Einnahmequelle des Klosters. Bis zu fünf Nonnen backen, stanzen, sortieren und verpacken rund 700'000 Hostien pro Jahr.

Wie viele Hostien es genau sind, kann Oberin Schwester M. Angelica nicht sagen. Denn Produktion und Absatz sind starken saisonalen Schwankungen ausgesetzt. So ist die Nachfrage an Weihnachten, Ostern, dem Weissen Sonntag oder an den Firmsonntagen deutlich höher als im Rest des Kirchenjahres. Was aber die Oberin deutlich feststellen kann: Die Nachfrage nach Hostien aus der Hermetschwiler Klosterbäckerei geht immer mehr zurück. War in früheren Jahren noch jede zweite Woche eine Backwoche, gibt es heute diese Regelmässigkeit nicht mehr; die Nonnen müssen in flauen Hostienzeiten gelegentlich die Backwoche verschieben oder ausfallen lassen.

Abnehmer der Hermetschwiler Hostien sind die katholische Kirchgemeinden im ganzen Aargau und einige grenznahe Kirchgemeinden im Kanton Zürich. Die glutenfreien Hostien, eine Hermetschwiler Spezialität, finden gar Abnehmer in der ganzen Schweiz.

Oberin M. Angelica kennt die Gründe für den schwindenden Absatz: «Es gehen leider immer weniger Menschen in die Kirche und zur heiligen Kommunion, es gibt immer weniger Messen, also braucht es auch weniger Hostien.»

Doch das ist nur ein Grund. Der zweite: Die freie Marktwirtschaft hat inzwischen auch das stille Benediktinerinnen-Kloster St. Martin eingeholt. Die Oberin erzählt, dass polnische Anbieter mit industriell gefertigten Hostien auf den Schweizer Markt drängen und sie den Kirchgemeinden zu Dumpingpreisen anbieten. Doch die Oberin bleibt diskret: Konkrete Beispiele von abtrünnigen Kirchgemeinden mag sie nicht nennen.

«Hostienkartell» ohne Wirkung

Eine Hostie kostet im Verkauf sieben Rappen. Dieser Preis gilt im Jahr 2017 für alle Hostien, die in den sieben Frauenklöstern der Deutschschweiz, die noch Hostien backen, hergestellt werden. Der Preis wird alljährlich von der Vereinigung der Oberinnen kontemplativer Orden (Vokos) festgelegt. Die Vereinbarung soll verhindern, dass sich die Klöster gegenseitig konkurrenzieren. So kostet auch die braune Priesterhostie überall 21 Rappen, die grosse weisse Priesterhostie 50 Rappen.

Doch leider nützt das «Hostienkartell» der Klöster nur beschränkt. Denn die einheimische Hostienproduktion werde durch ausländische Billigprodukte bedrängt, bestätigt Vokos-Präsidentin Schwester Scholastica vom Kloster St. Josef in Muotathal. Der Preis von sieben Rappen pro Hostie sei kaum kostendeckend. «Aber wir sind bewusst bei den sieben Rappen geblieben, damit die Differenz zu den Import-Hostien nicht noch grösser wird», erklärt die Präsidentin. Denn die Hostien, die vor allem aus Polen und Italien kommen, kosten nur drei bis vier Rappen pro Stück.

Schwester Scholastica wundert sich, dass die Hostieneinkäufer einzelner Kirchgemeinden auf billige Hostien umschwenken, nur weil sie damit ein paar Franken sparen können. «Unsere Hostien entstehen in meditativer Stille und in einem mehrtägigen Prozess. Jede Hostie wird von Hand kontrolliert, sortiert und verpackt», sagt die Vokos-Präsidentin.

Wer ihr zuhört, kommt unweigerlich zum Schluss: Im Vergleich zu diesen klösterlichen Hostien wirken die maschinell hergestellten geradezu billig, profan und fast schon vulgär.

Ehret einheimische Hostien

Auch Martin Donat, Sakristan der Kirche St. Leonhard in Wohlen, weiss vom Angebot der Anbieter aus Polen und Italien. Für ihn ist aber klar, dass man in Wohlen der Hermetschwiler Hostienbäckerei treu bleibt. Zwar braucht man auch in Wohlen immer weniger Hostien. Aber das habe mit dem allgemeinen Rückgang der Kirchgänger zu tun.

Donat bestellt, je nach Saison, alle sechs bis acht Wochen rund 3500 Hostien im Kloster St. Martin in Hermetschwil. Kein Thema sind die billigeren Hostien auch in Baden und Brugg. Sowohl Brigitte Lehmann vom Sekretariat des katholischen Pfarramtes in Baden als auch Silvia Schneider vom Pfarramt in Brugg bestätigen, dass ihre Kirchgemeinden nicht im Traum daran denken, mit der Hermetschwiler Hostientradition zu brechen.

Bereits haben einige Klöster wie das Kloster Scholastika in Tübach die Hostienproduktion einstellen müssen, alle leiden unter dem starken Absatzrückgang und den schlechten Preisen. In einem Aufruf, der in der Schweizer Kirchen- und in der Sakristanenzeitung veröffentlicht wurde, wiesen die Klöster auf die Gefährdung durch die Billig-Hostien aus Polen, Italien und sogar China hin und baten die Kirchgemeinden, doch weiterhin das einheimische, qualitativ hochstehende klösterliche Hostienschaffen zu berücksichtigen.

Im Kloster Hermetschwil hat die Oberin im Klosterlädeli ebenfalls einen Aufruf mit der gleichen Bitte aufhängen lassen.

In Hermetschwil werden die Nonnen weiterhin und wenig beeindruckt von den Zumutungen der freien Marktwirtschaft Hostien backen, so, wie sie es schon seit Jahrhunderten tun. Denn die Bäckerei hilft, den Unterhalt der neun Schwestern zu finanzieren. Und wenn es noch schlimmer kommt? Oberin M. Angelica ist nicht bange: «Wir danken den Pfarreien für ihre Treue. Und wir setzen weiter auf Qualität. Zudem haben wir noch unser Klosterlädeli.»