6500 Alstom-Angestellte im Kanton Aargau bangen um ihre Jobs. Sie sind zum Spielball geworden im Übernahmepoker um ihren Arbeitgeber, den Kraftwerkhersteller Alstom. Der US-Konzern General Electric hat die besten Karten, den Zuschlag zu bekommen – und er hat Signale ausgesendet, dass er Arbeitsplätze nach Frankreich verlagern könnte.

Schweizer Politiker kämpfen nun um den Erhalt der Standorte Baden und Birr – hoffentlich auch! –, allen voran Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann und der Aargauer Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann.

Als Glücksfall könnte sich alt Bundesrat Joseph Deiss herausstellen. Er ist seit zwei Jahren Präsident von Alstom Schweiz und hat damit einen Posten mit normalerweise geringem Einfluss: Deiss’ Vorgänger Andreas Koopmann wurde bei der letzten Abbaurunde von der Konzernzentrale in Frankreich vor vollendete Tatsachen gestellt.

Deiss jedoch ist von anderem Kaliber: Er profilierte sich im Ausland stets als eloquenter und gewiefter Taktiker (im Inland galt er zu Unrecht als blasser Bundesrat), zudem dürfte ihm im hierarchiegläubigen Frankreich der Status des ehemaligen Wirtschaftsministers, Bundespräsidenten und Präsidenten der UNO-Generalversammlung helfen.

Der Grüne Stadtammann von Baden, Geri Müller, ist naturgemäss kein Mann der Wirtschaft. Er sagt: «Wir müssen uns bewusst sein, dass der Entscheid unabhängig von uns in den USA und in Frankreich gefällt wird.»

Das mag stimmen, bloss: Neben allen patriotischen Gefühlen, die jetzt aufflammen, hat die Schweiz handfeste Gründe, optimistisch zu sein. Denn die entscheidenden Manager haben allen Grund, die Schweizer Standorte zu erhalten:

1. Jahrzehntelange Erfahrung: In Baden und Birr vereinigt sich unschätzbar wertvolles Wissen über den Bau und die Wartung von Kraftwerkanlagen. Das lässt sich nicht einfach so an einen anderen Standort zügeln.

2. Top-Fachleute: Alstom braucht hoch qualifizierte, weltweit begehrte Spezialisten. Und die ziehen, das bestätigt jeder internationale Konzern, lieber in die Schweiz als anderswo hin.

3. Liberaler Arbeitsmarkt: Unternehmen können relativ einfach auf-, um- und abbauen. Gerade der Standort Baden ist geprägt von einem Unternehmergeist, der sich den Märkten immer wieder anpasst. Das zeigt die Industriegeschichte Badens eindrücklich auf. Das verbürokratisierte, gelähmte Frankreich hingegen ist das Gegenteil: Wer Arbeitsplätze dorthin verlagert, ist selber schuld.

4. Hohe Produktivität: Schweizer Arbeitnehmer mögen teurer sein als anderswo. Sie arbeiten jedoch im internationalen Vergleich länger und fallen seltener aus.

5. Funktionierende Infrastruktur: Die Schweiz bietet Sicherheit, funktionierende Strassen und Bahnen, attraktive Flugverbindungen in die ganze Welt – also alles, was die Wirtschaft braucht. Wenn wir jammern, dann auf hohem Niveau.

6. Wirtschaftsfreundliches Umfeld: Unternehmen sind in der Schweiz willkommen. Sie finden attraktive Bedingungen vor, etwa in Sachen Steuern und Regulierungen.

Das alles scheint man auch bei Alstom erkannt zu haben, wie das Top-Management gestern in Zürich sagte. Möglicherweise kommt Baden mit einem blauen Auge davon und verliert «nur» einige hundert Stellen.

Bloss ist das kein Grund zur Beruhigung. Denn das tiefer gehende Hauptproblem ist dies: Die Schweiz läuft Gefahr, ihre Trümpfe aufzugeben.

In der Schweiz hat sich die Stimmung in den vergangenen Jahren gegenüber der Wirtschaft verschlechtert – und wir müssen aufpassen, dass wir nicht wegen ein paar Abzockern unser bewährtes System gefährden.

Eine Minder-Initiative allein macht den Standort nicht kaputt, auch für die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative wird sich eine Lösung finden. Sorgen bereiten muss die Zunahme solcher Initiativen, die primär ein Zeichen setzen wollen.

Wenn mehr und mehr wirtschaftsschädigende Vorlagen angenommen werden, dann schadet das dem Standort Schweiz. Und einige solche stehen noch an: Mindestlöhne in einer Woche, eine nationale Erbschaftssteuer später, ebenso das Referendum gegen die Unternehmenssteuerreform III.

Diejenigen, die jetzt im Fall Alstom aufschreien, sollten sich bewusst sein: Wir haben es an der Urne in der Hand, wie attraktiv wir die Schweiz für internationale Unternehmen gestalten.