Einen Oldtimer zu fahren, ist nicht bloss Beschäftigung, Ablenkung, Freizeitvertreib. Es ist, je nach eigener Herkunft, eine Verpflichtung einer älteren Generation, der Kultur eines Landes oder dem Erbe raffinierter Ingenieure, Designer oder Fahrer gegenüber.

Wer einen Oldtimer besitzt, ist fasziniert von dessen Geschichte, Herkunft oder Bauart oder allem und hat keine Scheu, das offen zu zeigen. Keine Schwärmerei ist so unversteckt wie die für ein Auto.

So sind die 60 Aargauer Oldtimerbesitzer und ihre rund 70 Mitfahrenden, die an diesem Sonntagmorgen um 8 Uhr langsam vor dem AZ-Mediencenter in Aarau eintreffen, mehr als Teilnehmende einer netten Rundfahrt.

Sie sind Botschafter eines offiziellen Kulturguts, und viele haben sich auch so gekleidet, jeder «seinem» Traditionsverständnis entsprechend: mit ausgefranstem Keith-Urban-Strohhut und Palmen-Route-66-Hemd; mit blauer Chinohose und handgemachten mailändischen Ledermokassins; mit originalgetreu nachgenähter US-Army-Uniform und ganzer Familie im Rockabilly-Look im Fonds. Das Lichtbild der transportierten Zeit muss auch dann weiterleuchten, wenn man aussteigt.

Heisse Motoren und heisse Köpfe an AZ-Oldtimer-Tour

Heisse Motoren und heisse Köpfe an AZ-Oldtimer-Tour

Heute kamen nicht nur die Fahrer ins Schwitzen. Auch den Motoren, der alten Gefährten, hat die Hitze zugesetzt.

60 Wagen können mit der AZ rund um den Kanton fahren an diesem heissen Augustsonntag – mehr als doppelt so viele hatten sich beworben. Die Auswahl wurde von der Redaktion getroffen, nicht nach persönlichem Geschmack, sondern nach Verteilung: aus allen Epochen, allen wichtigen Autobaunationen, allen Bauarten sollte etwas mit dabei sein. Ein Best-of des Best-ofs.

Wenn den Profis nur Warten bleibt

Wer pilotiert, erhält einen weisungsbefugten Umschlag: mit Startnummer (auf das Auto kleben), Datenblatt (am Ziel unter den Scheibenwischer klemmen), Fahrtbeschrieb (dem manuellen Navigator auf dem Beifahrersitz geben).

Fast scheint es, als müssten vor Abfahrt nicht nur die verbauten, sondern die angeborenen Motoren warmlaufen: Sofort wird auf dem AZ-Parkplatz gegenseitig gelobt, gefachsimpelt, gewoherkennenwirunseret. «So eine het dä Vater früehner au gha!», heisst es beim Mercedes 280 SL (Baujahr 1980).

Das Live-Tracking:

«Isch das d’Original-Lackierig?», fragt man sich beim türkis-cremefarbenen Ford Fairlane Skyliner (1959). «Ganz dünn mit Aluminium zwäg gschnitte und mit däm Läder öberzoge», erklärt der Besitzer im Cockpit des Jaguars XK 150 S (1959).

Dann gibt Erich Schürmann, Emil Frey Classics, Leadfahrzeug, das Startzeichen. Im weissen Wolseley 18/85, einer britischen Limousine (1969), fahren wir voraus – und schon bald vorneweg. Die Hitze, das zeigt sich schnell, macht heute nicht nur dem einen oder anderen Passagier, sondern auch gewissen Bijous zu schaffen.

Beim einen will der Anlasser nicht mehr, beim andern der Motor. Die Profis im Patrouillenfahrzeug des Automobilclubs der Schweiz sind in jedem Fall schnell zur Stelle. Tun können sie nicht viel. Das einzig wahre Rezept gegen die Hitze: abwarten, abkühlen. Brumm brumm, von allein gehts wieder.

Der Streckenplan – von Aarau nach Safenwil:

Oldtimer-Strecke 2018

Oldtimer-Strecke 2018

Sinnieren am Rotlicht

Immer wieder stehen, sitzen, lauern Dutzende Zuschauer in freudiger Erwartung am Strassenrand. Sobald wir in ihr Blickfeld geraten, geben wir uns mit Hupzeichen zu erkennen. Und sie schiessen los, mit Handy, Fotoapparat, Camcorder. Winken, rufen «hooo!», «nei lueg au!», «haaaai, so schön!». In Frick begegnen wir einer Gruppe Rennvelofahrer. Sie halten, greifen zum Bidon, grüssen mit Handbewegung. Die Tour winkt der Tour.

Kurzer Zwischenstopp in Benzenschwil. Familie Heggli hat Wasser, Schorle und den von ihr produzierten einzigartigen Saft aus Aroniabeeren paratgestellt. Wer bis in Ziel nicht in den roten Bereich kommen will, tankt auf. Schwitzen, winken und trinken.

In weiser Voraussicht wurden drei Aufholstopps in die Route eingebaut, damit der Korso zusammenbleibt und vor allem gemeinsam in Safenwil ins Ziel einfahren kann. Denn zur Hitze als grösster Bremsfaktor kommen Kreuzungen, Kreisel, Kanalisationserneuerungsbaustellenlichtsignale. Das Warten schafft Raum zum Sinnieren.

Der Start zur az-Oldtimer-Tour 2018

Der Start zur az-Oldtimer-Tour 2018

Die Teilnehmer der az-Oldtimer-Tour 2018 versammeln sich auf dem Parkplatz vor dem Mediengebäude in Aarau und starten um 9 Uhr auf die Strecke.

Warum fahren heutzutage so viele Menschen Oldtimer wie nie zu vor? «Uns geht es wirtschaftlich recht gut», weiss Experte Schürmann. «Und viele investieren ihr Geld inzwischen lieber in Sammlerobjekte. Sie sind morgen noch gleich viel oder sogar mehr wert, wenn man ihnen Sorge trägt.»

Warum macht es mehr Freude, einen Oldtimer zu fahren als einen Neuwagen? Die Oldtimerfahrer, die er kenne, sagten, heute sei alles Einheitsbrei auf der Strasse. «Gerade ältere Leute vermissen die Vielfalt, das Kantige, den Charakter eines Wagens. Und sie können und wollen sich so etwas leisten.»

Aber die schönsten Geschichten, die ein Fahrzeug schreiben kann, hat immer mit den Menschen dahinter zu tun. Wie beim Armstrong Siddeley Sapphire 346 (1955). Das Ehepaar Klemm-Brun aus Rheinfelden konnte ihn, da familiär involviert, vom Fahrer der Brauerei Feldschlösschen erben.

az-Oldtimertour 2018: Die Oldtimer sind unterwegs

az-Oldtimertour 2018: Die Oldtimer sind unterwegs

Von Aarau fahren die Oldtimer über Frick, Brugg, Bremgarten, Benzenschwil, dann Richtung Seengen und Suhr. Die Tour endet in Safenwil. Hier einige Impressionen von unterwegs.

Die schwarze Limousine war eine Spezialanfertigung: höher gebaut, damit die Herren Verwaltungsräte ihre Hüte anbehalten konnten, wenn sie sich nach den Sitzungen auf Kundenbesuch (sprich Beizenbesuch) ins Fricktal hinaufchauffieren liessen. Es waren die Zeiten, als man wirklich noch Hut trug, wenn man eins am Hut hatte.

Und zwischendurch immer wieder das, was das Oldtimerfahren für alle Nichtschrauber, Nichtautoliebhaber, Nichtstilpäpste ausmacht: zurücklehnen. Den Aargau an sich vorbeiziehen lassen. Fahrtwind im Haar, Sommerluft in der Nase, Kirchengeläut, Vogelgezwitscher, Grashüpfergezirpe im Ohr.

So muss der Begriff der Sonntagsfahrt einst erfunden worden sein.
Einen Oldtimer zu fahren, ist nicht bloss Beschäftigung, Ablenkung, Freizeitvertreib. Es ist Schwärmerei. Und wann liesse sich schöner schwärmen als im Hitzesommer?

Alle Oldtimer im Überblick:

Falls Sie noch nicht genug schöne Autos gesehen haben – hier die besten Bilder der 2. AZ-Oldtimer-Tour vor einem Jahr: