Grossübung

Schwitzen und Spritzen für die gute Nachbarschaft: Feuerwehren proben das Horrorszenario

Im Steinbruch der Jura-Cement-Fabriken wurde ein Horrorszenario geprobt. Was in der Kiesgrube Jakobsberg auf Auensteiner und Veltheimer Boden passierte, wa eine Premiere: Die grösste Rettungsübung, die hier je durchgeführt wurde.

«Haaaalloooo! Hiiiiilfeeee!» Die Schreie aus dem roten Bus, der in einer Rampe aus Kies steht und abzurutschen droht, werden immer lauter. Die Schiebetür steht offen, eine Frau ruft verzweifelt heraus: «Hey chunnt denn do niemer gopfertaminomal!? Do sind bewusstlosi Lüüt!» Unter dem Bus tritt Rauch hervor. Flammen sind keine zu sehen – dafür eine Rauchmaschine, angeschlossen an einen Benzingenerator. Dann hornt ein Feuerwehrauto, kommt zügig angefahren, es staubt, dahinter folgen ein zweites, drittes, viertes Fahrzeug.

Was hier in der Kiesgrube Jakobsberg auf Auensteiner und Veltheimer Boden passiert, ist eine Premiere: Die grösste Rettungsübung, die hier je durchgeführt wurde. Solche Grossübungen gibt es im Aargau nur alle ein bis zwei Jahre. Das Ziel: Die benachbarten Feuerwehren der Region proben gemeinsam den Einsatz mit Partnern. Übungsleiter Guido Reijnen, Kommandant der Feuerwehr Chestenberg und Leiter der Sicherheitskommission der Jura-Cement-Fabriken, hat die Übung geplant.

Er sagt: «Wichtig ist, dass sich die Organisationen zwischendurch sehen. Dass wir unabhängig von der Farbe unserer Einsatzkleider gut zusammenarbeiten.» An diesem Montagabend sind es 180 Angehörige der Betriebsfeuerwehr der Jura-Cement-Fabriken, der Feuerwehren Schenkenbergertal, Rupperswil-Auenstein und Chestenberg, des Rettungsdiensts Aargau West. Auch der Helikopter der Alpine Air Ambulance und der Kantonale Einsatzleiter Sanität stehen im Einsatz. Die Samaritervereine Schinznach und Umgebung sowie Rupperswil stellen die Figuranten.

Die Flammen breiten sich aus

Einsatzleiter René Deubelbeiss, Kommandant der Betriebsfeuerwehr der Jura-Cement-Fabriken, ist der Chef auf Platz. Er sagt, was zu tun ist. Nach und nach kommen Offiziere zu ihm gerannt, melden sich mit ihrer Funktion an, werden mit konkreten Aufträgen sofort auf den Schadenplatz geschickt.

«Du machsch mir Off Front», befehligt er einem angerannten Feuerwehrmann, «gohsch mer en Öberblick go verschaffe!» Im schwierigen Gelände sind zwei vollbesetzte Kleinbusse auf einer Betriebsbesichtigung mit einem Radlader kollidiert. Treibstoff hat sich entzündet.

Weiter hinten lagern tausende Altreifen, die als Brennstoff bei der Zementproduktion verwendet werden. Die Flammen greifen auf das Pneulager über, gleichzeitig sitzen Mitarbeiter auf einer Förderbandbrücke fest und müssen mit Seilen aus der Höhe gerettet werden. Der Rettungsoffizier meldet: 31 Verletzte, 6 davon schwer.

Reden hilft

Die Verletzten – respektive: Figuranten – sind verzweifelt. Sie haben offene Brüche, Quetschungen, Rückenverletzungen, alles mit Spezialstoffen aufgeschminkt. «Hälfed doch minere Schwöschter, sie hät so Buuchweh!», klagt ein junger Mann. Die Retter tragen die Opfer ins Verwundetennest. Priorität haben die Schwerverletzten.

Panik und Verzweiflung im Steinbruch: Eindrücke von der Katastrophenübung.

Panik und Verzweiflung im Steinbruch: Eindrücke von der Katastrophenübung.

An diesem warmen Sommerabend in voller Feuerwehrmontur eine schweisstreibende Arbeit. Wer nur eine Schürfwunde hat, wird in der Nähe zwischengelagert. So wie Jenny. Damian Käppeli von der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein begleitet sie an den Rand der Grube, setzt sich mit ihr auf den Boden. «Mir sind vor Ort. Din Kolleg isch au betreut. Du chasch würkli obenabefahre», beruhigt er.

Fragt sie: «Gohts mit em Schnuufe?» Im Moment gehe es gut, sagt sie. «Ich weiss nöd, wenn ich söll bewusstlos wärde. Sie hend gseit, nume wenns zlang goht, bis ihr mi holed.» Beide müssen lachen. Käppeli fragt Jenny nach ihrem Wohnort, nach den Tieren auf ihrem Hof, nach ihren Lieblingstieren. «Redä hilft!»

20 Beobachter, 13 Kategorien

Überall sind Retter schnellen Schrittes unterwegs, mit Geräten, Schläuchen, Patienten. Auf das Pneulager wird Wasser gespritzt. Der Heli landet. Von der Förderbandbrücke wird ein Verletzter langsam abgeseilt. Wer jetzt mittendrin steht, verliert den Überblick. «Im Einsatz hast du den auch nicht», sagt Philipp Strähl, «du musst einfach deinen Auftrag abarbeiten, sonst funktioniert es nicht.»

Strähl, Feuerwehr Schenkenbergertal, trägt statt Helm und Schutzjacke Sonnenbrille und ein weisses Gilet mit Aufschrift «Übungsleiter». Er ist einer von 20 Beobachtern, die am Schluss die Arbeit der Retter in 13 Kategorien beurteilen. Ihr Fazit fällt übers Ganze gesehen positiv aus. Aber es gibt auch Verbesserungspotenzial.

Aus dem Bereich Pionier heisst es: «Genial gsi! Es wurde sauber und fein gerettet!» Fahrzeugsicherung: «Ganz schlecht!» Das Problem: Es wurde quasi zu früh gerettet – bevor die Busse stabilisiert waren.

Premiere und Abschied in einem

Zum Schluss stehen alle 180 Einsatzkräfte im Halbkreis. Die Offiziere geben die wichtigsten Learnings weiter: «Patienten nicht nur bringen, sondern auch Infos übermitteln!» – «Wartet nicht auf Infos, schaut, dass ihr sie selber bekommt. Vor allem wenns brennt, hä!» Das Fazit von Einsatzleiter Deubelbeiss: «absolut gelungen».

Für ihn war es Premiere und Abschiedsgeschenk in einem: Ende Jahr gibt er das Kommando der Betriebsfeuerwehr nach zehn Jahren ab – an Guido Reijnen. Der verkündet dem Halbkreis: «Gesamtbilanz auf Stufe Mannschaft ist ein ganz klares ‹erfüllt›!»

Und sein Chef, Jura-Produktionsleiter Marcel Bieri, meint: «Ich hoffe, wir brauchen Sie nie. Aber wenn, dann wissen wir, dass ganz gute Leute kommen.» Dann gibt es für alle ein kühles Getränk und eine Wurst vom Grill.

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