Aargau-Solothurn

Schwere Vorwürfe: Werden im Frauenhaus Mitarbeiterinnen schlecht behandelt?

Im Frauenhaus erhalten Opfer häuslicher Gewalt vorübergehend ein sicheres Zuhause.Sandra Ardizzone

Im Frauenhaus erhalten Opfer häuslicher Gewalt vorübergehend ein sicheres Zuhause.Sandra Ardizzone

Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Aargau-Solothurn üben Kritik an den Arbeitsbedingungen im Frauenhaus und sehen deshalb den Betrieb gefährdet. Die Leitung wehrt sich gegen die Vorwürfe. Jetzt untersucht das Arbeitsinspektorat die Zustände im Frauenhaus.

Die Liste der Kritikpunkte, die eine Gruppe von ehemaligen und aktuellen Mitarbeiterinnen des Frauenhauses Aargau-Solothurn vorbringen, ist lang: Die Arbeitspläne würden so kurzfristig verschickt, dass das Privatleben stark leide. Nachtdienste seien zu häufig und zu schlecht entschädigt. Vakante Stellen würden monatelang nicht ausgeschrieben. Abgänge und Krankheitsausfälle häuften sich. Und die Angestellten seien überarbeitet, worunter auch die betreuten Frauen zu leiden hätten.

Kurz: «Der Betrieb ist gefährdet», sagt eine der Mitarbeiterinnen, die wie alle Kolleginnen anonym bleiben will. Ein Teil von ihnen ist nach wie vor im Frauenhaus angestellt. Die Namen der Betreuerinnen und Beraterinnen werden genauso geheim gehalten wie der Standort des Hauses. Die Mitarbeiterinnen betonen, ihnen gehe es nicht darum, über ihre eigene Situation zu jammern. «Wir sorgen uns um die Zukunft des Frauenhauses.» Fünf Mitarbeiterinnen hätten für sich die Konsequenzen gezogen und die Kündigung eingereicht. «Wir können es nicht mehr verantworten, dort zu arbeiten.» Anderen wurde gekündigt oder das Pensum reduziert.

Kritik von der Gewerkschaft

Unterstützung gibt es von der Gewerkschaft VPOD, an die sich sieben Angestellte gewandt haben. Regionalleiterin Silvia Dell’Aquila kritisiert insbesondere die arbeitsrechtlichen Verstösse sowie die Änderungskündigungen, die mit Pensenreduktionen gegen den Willen einzelner Mitarbeiterinnen einhergingen. Einige seien dadurch in ihrer Existenz bedroht. «Sie können mit diesem tiefen Pensum und Lohn nicht überleben.» Dell’Aquila sagt, Ziel sei es, die Situation in Bezug auf die Arbeitsbedingungen für die einzelnen Betroffenen, aber auch für aktuelle und künftige Mitarbeiterinnen zu verbessern.

Die Gewerkschaft hat rechtliche Schritte eingeleitet, weil die ausgesprochene Kündigung missbräuchlich ausgesprochen worden sei.

Bildliche Eindrücke aus dem Frauenhaus Aargau-Solothurn:

Dem widerspricht die Geschäftsführerin der Stiftung, Züsi Born. «Wir haben alle Einzelfälle durch einen auf Arbeitsrecht spezialisierten Juristen beurteilen lassen. Unser Vorgehen ist korrekt.» Sie stellt aber nicht in Abrede, dass die vergangenen Monate für das Frauenhaus-Team schwierig gewesen seien. Zeitweise seien für die Betreuungsarbeit, die rund um die Uhr erbracht werden muss, nur gerade vier Mitarbeiterinnen zur Verfügung gestanden, die sich abwechseln und die Nachtschichten aufteilen mussten.

Born erklärt dies mit krankgeschriebenen Angestellten sowie offenen Stellen, die inzwischen vergeben wurden, weshalb ab September wieder alle 17 Stellen besetzt seien. Das Team der Betreuerinnen werde personell verstärkt, um die Lage zu normalisieren. Die Arbeitspläne seien tatsächlich zu spät verschickt worden, räumt die Geschäftsführerin ein. Dieser Missstand sei inzwischen aber behoben worden. Auch die Entschädigung von 50 Franken pro Nachtdienst sei zu gering, werde aber mit dem Personalreglement in der zweiten Jahreshälfte angepasst.

Die letzte Zeit habe dem Frauenhaus-Team viel abgefordert, sagt Born. «Wir sind alle müde.» Der Grund für die intensive Zeit liege in der Reorganisation, die dem Frauenhaus aus einer «existenziell bedrohlichen Situation» helfen soll, wie es in einem Schreiben der Stiftung heisst. Wie kritisch die finanzielle Lage des Frauenhauses ist, zeigt die Höhe des Defizits: 260 000 Franken fehlten der Stiftung Ende letzten Jahres. Züsi Born erklärt dies mit der tiefen Belegung der zwölf vorhandenen Plätze im zweiten Halbjahr. Wie viele Opfer häuslicher Gewalt Schutz suchen im Frauenhaus, schwankt stark.

Tagespauschalen vom Kanton erhält die Stiftung nur für belegte Plätze, die Löhne der Mitarbeiterinnen müssen trotzdem bezahlt werden. Gespräche über höhere Beiträge liefen zwar, doch ohne Reorganisation wäre es nicht gegangen, sagt Born. 100 000 Franken sollen dadurch pro Jahr eingespart werden, dazu tragen auch die angeordneten Pensenreduktionen bei. «Wir können die Stiftung nicht finanziell ausbluten lassen, sonst gibt es das Frauenhaus irgendwann nicht mehr.»

Arbeitsinspektorat im Einsatz

Die Gruppe der Mitarbeiterinnen vermutet, dem Frauenhaus entgehe selbst verschuldet viel Geld. Die Leitung habe wiederholt einen Aufnahmestopp angeordnet. «Wie ein Hotel, das leere Zimmer nicht vermietet», sagt eine der Frauen. Fehle doch das Personal, da freie Stellen nicht besetzt worden seien. Geschäftsführerin Born erklärt die Massnahme mit der derzeitigen Umbruchphase. «Ein Aufnahmestopp macht niemandem Freude, doch nur so können wir zurzeit die Qualität der Betreuung sicherstellen.» Born betont, Frauen in Not würden nicht sich selbst überlassen, sondern an ein ausserkantonales Frauenhaus verwiesen.

Doch die Argumente der Leitung lassen die Kritik einiger Mitarbeiterinnen nicht verstummen: «Wir sind um den Schutz und um die professionelle Begleitung der Opfer häuslicher Gewalt bemüht. Dazu sind gute Arbeitsbedingungen unabdingbar.» Der Stiftungsrat komme dem Wunsch nach einer konstruktiven Diskussion nicht entgegen. Diese Woche wird nun das kantonale Arbeitsinspektorat die Zustände im Frauenhaus untersuchen.

Lesen Sie auch die Reportage aus dem Frauenhaus.

Autor

Manuel Bühlmann

Manuel  Bühlmann

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