Aargauer Obergericht

Schwerbehinderte Frau im Thermalbad geschändet: Betreuer akzeptiert Urteil

Hier sorgte das Verhalten des Angeklagten für Aufsehen: Thermalbad Sole Uno in Rheinfelden.

Hier sorgte das Verhalten des Angeklagten für Aufsehen: Thermalbad Sole Uno in Rheinfelden.

Ein Mann kam einer behinderten Frau im Thermalbad Rheinfelden viel zu nahe. Der geplante Prozess vor Obergericht fand nicht statt.

Der Fall hat eine lange Vorgeschichte und kommt nun wohl zu einem Ende. Im April 2015 musste sich ein Sozialpädagoge zum ersten Mal vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf ihm Schändung vor.

Der Mann war zwei Badmeistern im Rheinfelder Thermalbad Sole Uno ausgefallen. Sie beobachteten, wie er eine schwerbehinderte Frau auf den Mund küsste und ihr über die Haare strich. Nach dem Bad verschwanden die beiden in die Umkleidekabine. Es dauerte eine Stunde, bis der Betreuer und die Frau umgezogen wieder rauskamen.

Was in der Zwischenzeit passierte, lässt sich nur noch ansatzweise rekonstruieren. Der Betreuer verweigert die Aussage. Die Frau sagte bei der Befragung, er habe sie geküsst und sie hätten sich gegenseitig im Intimbereich angefasst.

Eltern des Opfers zogen Urteil ans Obergericht

Für die Staatsanwaltschaft ist klar, dass es sich bei der Frau um ein «wehrloses Opfer» handelte. Sie sei nicht in der Lage gewesen, sich zu wehren oder ihrem Betreuer zu widersprechen. Dieser habe ihre Abhängigkeit «schamlos ausgenutzt». Die Staatsanwaltschaft verlangte eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren wegen Schändung und als Denkzettel eine Busse von 5000 Franken.

Der Verteidiger hingegen plädierte auf Freispruch. Nachweisen liessen sich nur die Küsse. Das sei keine Schändung. Das Bezirksgericht Rheinfelden sprach den Mann frei – mit der Begründung, die Frau sei urteilsfähig.

Ihre Eltern akzeptierten den Freispruch nicht und zogen das Urteil ans Obergericht weiter. Dieses wies den Fall ans Bezirksgericht Rheinfelden zurück. Die Oberrichter waren der Meinung, es brauche ein psychiatrisches Gutachten zur Urteilsfähigkeit und Aussagetüchtigkeit der Frau.

Aus dem ursprünglichen Freispruch wird ein Schuldspruch

Die Gutachter attestierten ihr eine Urteils- und Willensfähigkeit für einfache Fragestellungen, aber nicht für komplexe Bereiche, wozu etwa die Einwilligung in sexuelle Handlungen gehört. Die Frau ist seit der Geburt schwer hirngeschädigt und auch motorisch komplett eingeschränkt. Ihre kognitiven Fähigkeiten siedelten die Gutachter zwischen Vorschulalter und Schulalter an. Sie sei fähig, Erlebtes realitätsgetreu wiederzugeben, sei aber nicht in der Lage, Erlebnisse zu produzieren, die nicht auf Erlebtem beruhen.

Vor diesem neuen Hintergrund verurteilte das Bezirksgericht Rheinfelden den Mann im September 2018 wegen Schändung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Damit war der inzwischen 70-Jährige nicht einverstanden. Er zog das Urteil ans Obergericht weiter.

Doch zur Verhandlung kam es nicht. Wenige Tage vor dem Prozess zog er seine Berufung zurück. Damit ist der Schuldspruch rechtskräftig und das Verfahren abgeschlossen, wenn innert 30 Tagen keine Partei den Beschluss des Obergerichts am Bundesgericht anficht.

Etwas gekostet hat den Betreuer die Sache dennoch. Weil er seine Berufung erst kurz vor der Verhandlung zurückgezogen hat, muss er die obergerichtlichen Verfahrenskosten von 3000 Franken tragen. Ausserdem muss er seine Anwaltskosten und die Anwaltskosten der Frau tragen – insgesamt 3150 Franken.

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