Schweiz-Serbien
Das WM-Spiel? Der Präsident des serbischen Folkloreverbands Schweiz sagt: «Ich bin froh, wenn es vorbei ist»

Heute kickt die Schweizer Nati gegen Serbien. Erneut – nach dem Match 2018, der vor allem durch Doppeladler-Gesten in Erinnerung geblieben ist. Wie blicken serbische Vereine dem Spiel entgegen?

Livia Häberling
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Der Wettinger Folklore-Tanzverein Abrasevic mit dem Präsidenten Nenad Milenkovic (hinterste Reihe, Mitte).

Der Wettinger Folklore-Tanzverein Abrasevic mit dem Präsidenten Nenad Milenkovic (hinterste Reihe, Mitte).

zvg

Heute Freitag entscheidet sich, ob die Schweizer Nationalmannschaft an der Fussball-WM in Katar den Sprung in die Achtelfinals schafft. Das Spiel findet ausgerechnet gegen Serbien statt – denselben Gegner, dem man bereits an der WM 2018 in Russland im letzten Gruppenspiel gegenübergestanden hatte. Jedoch war es damals nicht der 2:1-Sieg, der nachhallte, sondern die Gesten, die mehrere Nationalspieler im Torjubel gemacht hatten. Sie wuchsen sich rasch zur «Doppeladler»-Affäre aus. Dieser gilt als Symbol der Abgrenzung des Kosovos gegenüber Serbien.

Mit welchem Gefühl blicken serbische Kulturvereine dem Match entgegen? Im Folkloreverein Polet, der in Suhr seinen Sitz hat, bleibt die Leinwand dunkel, wie Präsident Dragan Mateljic am Telefon sagt: «Es ist leider kein Anlass geplant.» Vor der Pandemie hätten noch 62 Kinder und Jugendliche regelmässig die traditionellen Volkstänze geübt, doch mit dem Ausbruch der Pandemie sei das Vereinsleben fast komplett eingedöst.

Um die Traditionen reut ihn das. Dass deshalb kein Public Viewing zum Match Schweiz-Serbien stattfindet, stört ihn weniger, wie es am Donnerstagmorgen am Telefon scheint. Denkt er an den Freitag, hat er keinen Ball vor Augen, sondern die Baustelle, auf der er momentan arbeitet. Auf ihn warte ein normaler Arbeitstag, sagt Mateljic, der einräumt, kein grosser Fussballfan zu sein.

Ein künstlicher Graben durch «reisserische Medien»

Auch Nenad Milenkovic, der den Wettinger Folklore-Tanzverein Abrasevic leitet, ist nicht fussballvernarrt. Den Match verfolgt er trotzdem. Ob mit Bürokollegen oder Vereinsmitgliedern, sei offen, erzählt er am Telefon. Und eigentlich mag er, der zudem den serbischen Folkloreverband Schweiz präsidiert, sich gar nicht öffentlichkeitswirksam zum Aufeinandertreffen zwischen der Schweiz und Serbien äussern. So wie man das auch verbandsintern vereinbart hat. «Ich bin froh, wenn das Spiel vorbei ist», sagt der eingebürgerte Schweizer. Zu viel ist seinem Empfinden nach seit 2018 geschrieben worden, zu viel reisserische Presse, die Hass geschürt und einen «künstlichen Graben» zwischen den beiden Ländern aufgerissen habe.

Serbien ist sein Heimatland, die Schweiz ist sein Zuhause. Also wünscht Nenad Milenkovic beiden Mannschaften Glück. In die passende Floskel gegossen: Möge das bessere Team gewinnen. Es ist ja nicht so, dass er dem Fussball rein gar nichts abgewinnen könnte. Als ihm vor einigen Wochen am Flughafen in Zürich zufällig Murat Yakin über den Weg lief, hat er die Gunst der Stunde genützt und sich mit dem Nationaltrainer ein gemeinsames Erinnerungsfoto gesichert.

Nenad Milenkovic mit Murat Yakin, dem Trainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft.

Nenad Milenkovic mit Murat Yakin, dem Trainer der Schweizer Fussballnationalmannschaft.

zvg

Ein bisschen mehr Patrioten sein

Andererseits... Als stolzer Schweizer, der sein Land liebe und den 1. August selbstverständlich feiere, würde er sich von der Schweizer Nationalmannschaft schon wünschen, dass die Spieler vor dem Match die ganze Hymne mitsingen, und nicht nur die ersten beiden Zeilen. Dass sie von politischen Neckereien absehen und sich auf dem Feld voll in den Dienst der Schweiz stellen. «Ein bisschen mehr Patrioten» – im besten Sinn – dürften die Spieler nach seinem Empfinden schon sein, findet Milenkovic. So würde auch er sich mehr repräsentiert fühlen.

Am meisten liegt Nenad Milenkovic am Herzen, dass sich die Schweiz und Serben einen «schönen» Match liefern – ohne wüste Szenen. Wobei, nein: Am allermeisten ist ihm gedient, sobald das Spiel abgepfiffen wird. Und wenn das Match Schweiz-Serbien vom 2. Dezember kein Aufreger mehr ist, sondern bloss eine weitere Fussnote der Sportgeschichte.