Tierschutz-Repo

Schweine in der Höhle und Kälber im Iglu: So schön haben es die Tiere bei Bauer Lüscher

Der Veterinärdienst kontrolliert regelmässig, ob sich Bauern an die Tierschutzvorschriften halten. Fast auf jedem zehnten Hof im Aargau gibt es im Bereich Tierschutz etwas zu beanstanden. Die AZ hat Sebastian Menzel bei einer Kontrolle auf dem Hof der Familie Lüscher in Muhen begleitet.

«Verhungern wird hier keine Sau», sagt Sebastian Menzel. Der Leiter des Bereichs Nutztiere des kantonalen Veterinärdienstes steht im Schweinestall auf dem Hof von Hans-Ulrich und Stefan Lüscher in Muhen und inspiziert die Futteranlage.

Seinen Besuch auf dem Betrieb, der von Vater und Sohn geführt wird, hat er angemeldet. Das ist normal bei einer Grundkontrolle, wie sie alle vier Jahre stattfindet. «Unangemeldete Kontrollen machen wir nur auf Risikobetrieben oder wenn uns jemand mögliche Tierschutzverstösse meldet», sagt er. Der Hof der Familie Lüscher ist kein Risikobetrieb.

Die Tröge im Schweinestall füllen sich automatisch. Die Tränken auch. 120 Tiere werden im Stall gemästet. Wenn sie ankommen, wiegen sie 25 Kilogramm. Wenn sie drei Monate später in den Schlachthof gebracht werden fast fünfmal so viel. Ob die Schweine genug Platz haben, muss Menzel nicht ausmessen. Er kennt den Stall von früheren Kontrollen und sieht, dass er nicht überbelegt ist.

Der Stall ist ein Höhlenstall. Das heisst, die Schweine haben neben dem harten Spaltenboden eine Rückzugsmöglichkeit. Die Höhle ist in den Hang gebaut, mit einem Plastikvorhang abgegrenzt und mit Stroh ausgelegt. Die Tierschutzverordnung verlangt das nicht. Sie verlangt für Mastschweine nicht einmal Stroh. «Das Empfinden der Bevölkerung und das, was die Verordnung vorschreibt, decken sich nicht immer», sagt Menzel.

Er geht die Stallgasse entlang und zeigt auf ein Schwein, das seitlich auf dem Boden liegt. «Es erreichen uns manchmal Meldungen von besorgten Leuten, die glauben, eine Sau sei halb tot, weil sie so liegt.» Das sei aber normal. Vor allem wenn es über 30 °C heiss ist wie an diesem Tag. Schweine können nicht schwitzen. Damit die Hitze für sie erträglicher ist, hat Hans-Ulrich Lüscher im Stall eine Vernebelungsanlage installiert, die in regelmässigen Abständen Wasser spritzt.

Menzel kontrolliert, ob die Tiere Ohrmarken tragen, ob eines hinkt, krank aussieht oder besonders dreckig ist. Er hat nichts zu beanstanden. «Die Mindestanforderungen sind bei Ihnen übererfüllt», sagt er. «Super gehalten, Herr Lüscher!»

Das ist nicht immer so. 2018 hat der Veterinärdienst 547 Grundkontrollen durchgeführt. In 47 Fällen gab es beim Tierschutz und bei der Tiergesundheit etwas zu beanstanden. Daneben besuchten die Mitarbeitenden 269 Betriebe, die in den letzten Jahren aufgefallen waren oder gemeldet wurden. Auf jedem dritten dieser Betriebe gab es Beanstandungen. In 43 besonders gravierenden Fällen wurde eine Strafanzeige eingereicht.

Zu den häufigsten Missständen gehörten stark verschmutzte Rinder oder fehlender Auslauf bei angebunden gehaltenen Kühen. Tierhalteverbote wurden letztes Jahr in Nutztierhaltungen keine verhängt. Es gab aber mehrere Bauern, welche die Tierhaltung freiwillig aufgaben.

Besorgte Bürger halten Veterinärdienst auf Trab

Unterwegs zu den Kühen schaut sich Menzel die zwei Geissen an. Sie haben Futter, Wasser und Schatten. Fehlender Schatten oder fehlendes Wasser sei ein häufiger Grund für Anrufe von besorgten Bürgerinnen und Bürgern, sagt er. Oft entpuppten sich die Meldungen nach einer Begehung vor Ort aber als unbegründet. Für die Mitarbeitenden ist das nicht einfach: «Wir sind natürlich dankbar für jede Meldung, weil wir unsere Augen nicht überall haben können», sagt Menzel. «Aber wir müssen uns auch abgrenzen, wenn etwa überbesorgte Bürger immer wieder anrufen oder sich Nachbarn gegenseitig anschwärzen.»

Vor dem Laufstall mit den Milchkühen werden die jüngsten Kälbchen in Iglus gehalten. Sie sind erst wenige Tage alt. «Die haben ja bereits Ohrmarken», stellt Menzel fest. Die ungenügende Kennzeichnung sei ein häufiger Beanstandungsgrund. Letztes Jahr haben 84 Bauern die Anforderungen nicht erfüllt, das entspricht 15 Prozent der kontrollierten Betriebe.

Menzel hält den Daumen in die Luft. «Das muss ich nicht nachmessen», sagt er. Das Iglu ist gross genug für das Kalb. Er erzählt von einzelnen Bauern, die einjährige Rinder im Kälberiglu halten. «Schade ist vor allem, wenn der Bauer nicht einsieht, dass es nicht gut ist für das Tier, wenn es mit dem Widerrist am Dach anstösst.»

Das Mastkalb ist ein paar Tage zu alt

Das passiert in Muhen nicht. Die Kälbchen kommen nach drei Wochen in die Gruppenhaltung. Dort werden sie mit Vollmilch und Milchpulver gemästet. Der Mix kommt aus einem Automaten. Für diesen interessiert sich Menzel. Er weiss: «Da sieht man manchmal gruusige Sachen.» Bei Lüschers ist alles tipptopp sauber. Es scheint, als müsste sich Menzel etwas bemühen, wenn er auf diesem Betrieb noch etwas beanstanden möchte.

Er mustert die Mastkälbchen in der vordersten Box. «Die stehen nur auf Stroh, oder?», fragt er. – «Genau.» – «Sind die schon älter als fünf Monate?» – «Der älteste wird wohl gerade so fünf Monate alt sein.» – «Also ich habe jetzt den 5178 im Auge», sagt Menzel mit Blick auf die Ohrmarke. Er kontrolliert auf seinem Datenblatt, wann das Tier geboren wurde. «Ja, der ist ein paar Tage älter», sagt er. – «Der geht morgen in die Metzg», antwortet Stefan Lüscher.

Der Kontrolleur hat einen geringfügigen Mangel gefunden. Mastkälber dürfen nur bis sie fünf Monate alt sind auf Stroh stehen, danach brauchen sie einen Stall, in dem es auch harten Boden gibt. Wegen der Klauen, damit sich diese abreiben. Weil das Kalb am nächsten Tag zum Metzger geht, lässt es Menzel bei einem Hinweis. «Das ist keine gravierende Sache. Dem Tier geht es deswegen nicht schlechter. Aber die Verordnung verlangt das.»

Im Laufstall mit den 75 Milchkühen läuft alles automatisch. Die Tiere entscheiden selber, was sie wann machen möchten. Fressen, liegen, nach draussen gehen, sich melken lassen. Ein Roboter schiebt einmal pro Stunde das Futter näher an die Kühe, damit diese stets ausreichend Silage erhalten. Die Stallgasse wird mit einem automatischen Schieber vom Mist befreit.

An der Decke hängen Ventilatoren gegen die Hitze. Auf dem Auslauf läuft eine Beregnungsanlage. «Das verlangt der Tierschutz nicht», sagt Menzel. «Aber für die Tiere ist es natürlich angenehm. Den Kühen macht die Hitze zu schaffen. Temperaturen über 30 °C sind für sie viel schlimmer als Minustemperaturen.» Stefan Lüscher sagt, ihm sei es wichtig, dass es seinen Tieren gut gehe. «Wir arbeiten täglich mit ihnen. Wenn es ihnen nicht gut geht, leisten sie auch nichts.»

Jedes Jahr kommen auf dem Hof 80 Kälbchen zur Welt

Damit die Milch überhaupt fliesst, braucht eine Milchkuh regelmässig Nachwuchs. Auf dem Hof der Lüschers kommen jährlich etwa 80 Kälber zur Welt. Zwei Kühe stehen bereits getrennt von der Herde im Stall. «Da gibt es heute noch ein Kalb», sagt Hans-Ulrich Lüscher.
Menzel lobt die Abkalbebox. Diese ist in Laufställen Pflicht. Auch sonst hat er nichts zu mäkeln. «Die Kühe sehen gesund aus, sind sauber und haben genug Platz zum Liegen.» Das Futter sei frisch, Wasser hätten sie genug. «Es geht ihnen super gut.» Er spritzt sich zufrieden den Dreck von den Gummistiefeln.

Der Weg ins Melkhäuschen führt am Melkroboter vorbei. Bevor die Saugnäpfe angesetzt werden, werden die Beine gewaschen und die Euter gebürstet. Der Roboter weiss, welche Kuh er zu melken hat, weil alle einen Responder um den Hals tragen. Flavia steht ruhig da und frisst Kraftfutter. 12,8 Liter Milch meldet der Roboter. Er desinfiziert das Euter, das Tor öffnet sich und Flavia kann zurück in die Herde. Ihre Milch landet im Milchtank im Melkhäuschen, wo sie gekühlt wird. Menzel blickt in den Tank und kontrolliert, ob die Gummidichtung sauber ist. «Alles tipptopp.»

Abgelaufene Medikamente sind bei Kontrollen häufig ein Thema

Zum Schluss will er das Medikamentenlager sehen. Beim Arzneimitteleinsatz gibt es die meisten Beanstandungen. 105 Betriebe haben die Anforderungen 2018 nicht erfüllt, das entspricht fast 20 Prozent. Menzel nimmt eine Packung nach der anderen in die Hand. Er kontrolliert, ob sie zugelassen sind und von einem Tierarzt verschrieben worden sind. Auch das Ablaufdatum interessiert ihn.

Auf dem Hof in Muhen ist die Apotheke in einem guten Zustand. Fehlt nur noch die Tierarzneimittelvereinbarung, die jeder Betrieb, der Medikamente lagert, bei Kontrollen vorweisen muss. Diese und weitere Bestätigungen sowie das Journal, in dem jede medikamentöse Behandlung dokumentiert wird, lässt sich Menzel im Büro zeigen. Lüschers können ihm alles vorlegen. Der Kontrolleur kann nicht anders, als bei allen Kriterien «erfüllt» anzukreuzen. Bis auf den Hinweis zum Mastkalb, das drei Tage zu lang ausschliesslich im Stroh stand. Zeit für viele Worte bleibt nicht. Hans-Ulrich Lüscher öffnet die Tür: «Das Kalb kommt.»

Willkommen auf der Welt, Sahara

Hans-Ulrich Lüscher und sein Mitarbeiter haben bereits ein Seil um die Beine des Kälbchens gebunden. Sie unterstützen die Kuh bei der Geburt. Ihr Bauch wölbt sich, während die Helfer hinten vorsichtig am Seil ziehen, bis das kleine Kälbchen ins Stroh flutscht. Sie befreien es von den Resten der Fruchtblase und binden das Seil los. Die Kuh steht auf, beschnuppert ihren Nachwuchs und leckt das Kälbchen trocken.

Hier kommt ein Kalb zur Welt – und macht seinen ersten Gehversuch

Hier kommt ein Kalb zur Welt – und macht seinen ersten Gehversuch

Die AZ hat Sebastian Menzel bei einer Kontrolle auf dem Hof der Familie Lüscher in Muhen begleitet. 

Dass während einer Tierschutzkontrolle ein Kalb zur Welt kommt, ist selten. Sogar Menzel macht ein Erinnerungsfoto. Das Kalb würde eigentlich keinen Namen bekommen. Es ist ein Mastkalb und bleibt nur fünf Monate auf dem Hof. Dann wird es geschlachtet. Weil es während einer Tierschutzkontrolle zur Welt kam, an einem der heissesten Tage noch dazu, beschliessen die Lüschers, dass es trotzdem einen Namen bekommen soll. Was würde bei Temperaturen über 35 °C besser passen als Sahara?

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