Kantonsschulen
Schwänzen: Aargauer Kantonsschulen kämpfen gegen den «Absentismus»

Die einzelnen Schulen haben unterschiedliche Wege entwickelt, um dem «Absentismus» zu begegnen. Die einen müssen Absenzhefte führen, die anderen haben ein Absenzenkontingent. In Wettingen werden die Schülerabsenzen sogar ins Netz gestellt.

Hans Fahrländer
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Der Chefredaktor der aufmüpfigen «Neuen Aargauer Kantizeitung Troubadour» hat sich in seinem jüngsten «Editorial» eines heissen Eisens angenommen: des Absenzenwesens an den Kantonsschulen. Zunächst beklagt er die uneinheitliche Handhabung an den einzelnen Schulen, zwischen «diktatorisch» und «Laisser faire». Dann wird er grundsätzlich: «Letztlich sollten sowohl die Lehrer als auch die Schulleitungen einsehen, dass die Kantonsschule die Vorstufe zur Universität ist. Dort gilt: Wer den Unterricht verpasst, ist selbst schuld.» Ist Unterrichtsbesuch an der Kanti tatsächlich freiwillig?

«Nein», kontert Bettina Diem, Sektionschefin Mittelschulen im Bildungsdepartement, und zitiert den Paragrafen 4 der kantonalen Mittelschulverordnung: «Die Schülerinnen und Schüler sind verpflichtet, den Unterricht in den obligatorischen Fächern und in den gewählten Freifächern zu besuchen.»

Natürlich besuche man die Mittelschule, im Gegensatz zur Volksschule, grundsätzlich freiwillig; man könne sie auch wieder verlassen (bis zum Erreichen der Volljährigkeit allerdings nur mit elterlicher Einwilligung). «Wer sich aber zum Bleiben entschliesst, verpflichtet sich auf die Einhaltung der gültigen Regeln. Dazu gehört auch die Anwesenheitspflicht.» Im Übrigen stimme die Einschätzung auch für die Universitäten nicht mehr: «Seit Einführung des Bologna-Modells ist die Anwesenheitspflicht an den Hochschulen vielerorts verschärft worden.»

Kanton lässt bewusst Freiraum

Und die uneinheitliche Handhabung an den einzelnen Schulen? Bettina Diem zitiert nochmals die Verordnung, diesmal Paragraf 6: «Das Absenzen- und Urlaubswesen ist in der von der Schulleitung zu erlassenden Schulordnung geregelt.» Der Gesetzgeber verlangt also keine Einheitlichkeit. Die Sektionschefin findet das richtig: «Der Kanton soll den Fächerkanon und die wichtigsten Rahmenbedingungen einheitlich regeln. Daneben hat es bewusst Gestaltungsraum für die Schulen. Die Regelung des Absenzenwesens hat auch etwas mit der Schulkultur zu tun.»

Alte Kantonsschule Aarau hat ein Kontingent

«Wir setzen auf die Selbstverantwortung der Studierenden», sagt Martin Burkard, Rektor der Alten Kanti Aarau. Zitat aus dem Schulreglement: «Da ein lückenloser Besuch des Unterrichts kaum verwirklicht werden kann, wird den Studierenden im Rahmen des Obligatoriums ein gewisser Freiraum gewährt (Kontingent).» Jede Schülerin und jeder Schüler kann einer nach Stufen differenzierten Anzahl Lektionen fernbleiben, ohne dafür eine Entschuldigung beibringen zu müssen. Pro Semester stehen im Schnitt 30 Punkte zur Verfügung, eine verpasste Lektion gibt 1 bis 3 Punkte Abzug. Wer sein Kontingent mit «nicht triftigen» Absenzen vergeudet und gegen Ende des Semesters krank wird, darf nicht auf Milde hoffen, der Katalog der Sanktionen, vom Kanton einheitlich geregelt, trifft ihn voll: Verweis, angedrohte oder vollzogene Wegweisung. Umgekehrt gehen längere Krankheit und Unfall nur begrenzt auf Kosten des Kontingents. Bei Proben und anderen Anlässen zur Leistungsbeurteilung darf man nicht unentschuldigt fehlen. (FA)

Kantonsschule Wettingen stellt Absenzen ins Netz

«Wir haben das Thema Absenzen in den letzten zwei Jahren intensiv diskutiert», sagt Kurt Wiedemeier, Rektor der Kanti Wettingen. «Grundsätzlich finde ich: Wenn etwas vorgegeben ist, hat es die Schulleitung durchzusetzen und zu kontrollieren. Das gilt auch für die Präsenzpflicht.» Man habe das Aarauer Modell geprüft, sich aber gegen seine Einführung entschieden. Die Wettinger Lösung lautet nun, vorerst versuchsweise: Alle Absenzen werden elektronisch erfasst. Fehlt ein Schüler, schreibt der Lehrer die Abwesenheit ins «Schulnetz», der Schüler schreibt seinen Entschuldigungsgrund dazu. Damit wird die Absenz quasi in den schulöffentlichen Raum gestellt, die Hemmschwelle für unmotiviertes Schwänzen steigt. Wiedemeier: «Wir wollen mit diesem Modell zwei Ziele erreiche: erstens, dass die Verbindlichkeit punkto Unterrichtsbesuch zunimmt, und zweitens, dass Auffälligkeiten schneller erkannt werden. Unser Grundsatz lautet: hinschauen, nicht wegschauen.» (FA)

Kantonsschule Wohlen geht traditionellen Weg

«Unsere Schülerinnen und Schüler führen ein Absenzenheft«, sagt Franz Widmer, Rektor der Kanti Wohlen. Der Schüler trägt seine Absenz samt Entschuldigungsgrund ein, der Lehrer quittiert es, der Klassenlehrer führt Kontrolle, um Auffälligkeiten zu erkennen. «Mitunter braucht es ein Telefon ins Elternhaus, um einen angegebenen Grund zu bestätigen. Natürlich gibt es auch Eltern, die ihren Nachwuchs aus Prinzip decken.» Probleme mit (zu vielen) Absenzen gibt es laut Widmer nur mit einer kleinen Minderheit. Das Aarauer Modell hat für Franz Widmer einen Nachteil: «Es gibt auch ‹sinnvolle› Absenzen: zum Beispiel wenn Schülerinnen und Schüler Studienorientierungen besuchen. Wenn sie ihr Kontingent aufgebraucht haben, können sie da nicht hingehen und das ist schade.» Widmer ist auch Präsident der Mittelschulrektoren-Konferenz. Er bestätigt, dass das Absenzenwesen in der Konferenz «sporadisch» ein Thema sei. Kantonsweite Einheitlichkeit sei aber noch nie gefordert worden. (Fa)