Der Verteidiger sprach aus, was alle irritierte: «Wenn man ein Raserdossier vor sich hat, denkt man nicht unbedingt an eine 27-jährige schwangere Frau.» Seine Mandantin, eine heute 29-jährige Mutter zweier kleiner Kinder, musste sich vor dem Bezirksgericht Zofingen wegen massiver Geschwindigkeitsüberschreitungen verantworten.

Ihr Vergehen: In der Nacht auf den 28. April 2013 war die damals im zweiten Monat schwangere Zeitungsverträgerin mit 160 Kilometern pro Stunde auf der Strasse von Rothrist nach Murgenthal unterwegs gewesen.

Auf der Strecke, wo sie von der Polizei erwischt wurde, gilt Höchstgeschwindigkeit 60 km/h. «Ich habe verschlafen und wollte nicht zu spät zur Arbeit kommen», so die Frau. Und erklärte, ihr Tacho habe etwa 120 km/h angezeigt. Doch die zwei Polizisten auf Patrouille, die sie mit Blaulicht und Sirene verfolgten, hatten sie auch mit Tempo 160 km/h nicht einholen können.

Als die Frau die Patrouille bemerkte, hielt sie ihr Fahrzeug an. Der geleaste Audi A4 wurde einge- und der Frau der Führerausweis entzogen. Fast hätte sie die Nacht im Gefängnis verbringen müssen – hätte es eine freie Zelle für Frauen gehabt.

22 Monate bedingt

Die Beschuldigte mit serbischen Wurzeln wurde von der ersten Instanz schuldig gesprochen gemäss Anklage der Staatsanwaltschaft: Sie habe durch grobe Verletzung der Verkehrsregeln «eine ernstliche Gefahr für die Sicherheit anderer hervorgerufen oder in Kauf genommen», urteilte das Gericht. Es handle sich in diesem Fall um eine «besonders krasse Missachtung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit». Das Gericht verurteilte die Frau zu 22 Monaten Freiheitsstrafe bedingt bei einer Probezeit von vier Jahren. Sie muss eine Busse von 1500 Franken bezahlen oder ansonsten 15 Tage Freiheitsstrafe in Kauf nehmen. Zudem werden ihr die Verfahrenskosten angelastet.

Die Beschuldigte hatte im Strafregister bereits mehrere Einträge wegen Tempoüberschreitungen. So fuhr sie etwa einmal mit dem Lieferwagen ihres Ex-Freundes massiv zu schnell. Ohne Führerausweis fühle sie sich wertlos, sagte sie. Und dieser Audi A4 sei ihr absolutes Traumauto. «Für mich ist es aber kein Rennauto, sondern ein Familienauto.»

Reue zeigte sie nicht wirklich. Das Gericht zog das bald abbezahlte Auto – entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft – nicht ein. Die Frau muss aber für die Einstellgebühren aufkommen. Wann und ob sie ihren Führerausweis wieder bekommt, ist unklar.

Der Testosterontrieb

Extreme Geschwindigkeitsüberschreitungen sind gemäss Stefan Krähenbühl von RoadCross Schweiz sonst ein Männerphänomen. «Meistens handelt es sich bei Rasern um Junglenker zwischen 18 und 24 Jahren», sagt er. Diese seien oftmals übertrieben risikofreudig, auch eine gewisse Machokultur führe nicht selten zu schweren Gesetzesverstössen. «Bedeutend ist das soziale Umfeld. Die Raser kommen aus unterschiedlichen Bildungsschichten.» Mit dem Alter würden die Geschwindigkeitsüberschreitungen geringer.

«Derart extreme Fälle sind sehr selten», so Krähenbühl zu der 29-jährigen Beschuldigten. Wie viele Raserinnen in der Schweiz effektiv gefasst wurden, wisse er nicht. Grundsätzlich seien Geschwindigkeitsdelikte jedoch rückläufig, was sich sowohl in den Unfall- als auch in den Ausweisentzugsstatistiken zeige.
Im Jahr 2014 wurden gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) 283 Personen wegen Raserdelikten verurteilt – davon sind 13 weiblich und 270 männlich. «Viel dazu sagen kann man aber noch nicht, da die Zahlen erst seit einem Jahr erhoben werden», sagt Isabel Zoder vom BFS.

Raserinnen im Aargau

«Wir führen bei der Kantonspolizei nicht Buch darüber, wie viele Raserinnen wir erwischen», sagt Kapo-Sprecher Bernhard Graser zu der Situation im Kanton Aargau. Verbindliche Aussagen könne er deshalb nicht machen. Nur so viel: Unter den Rasern habe es durchaus auch Frauen. «Und bei den Lasermessungen ist etwa eine von fünf Personen, die zu schnell fahren, weiblich.» Tempolimiten überschreiten würden oftmals auch die sogenannten Eltern-Taxi-Fahrerinnen in Quartieren oder auf dem Schulhausplatz.

Konkretere Angaben hat die Staatsanwaltschaft eruiert. Gemäss Oberstaatsanwaltschafts-Sprecherin Sandra Zuber hat die Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau seit Einführung des neuen Gesetzes (siehe Kontext) 33 Strafverfahren im Jahr 2013 wegen Raserdelikten eröffnet. Die Beschuldigten waren zu 11 Prozent weiblich und zu 89 Prozent männlich. Im Jahr 2014 hat die Staatsanwaltschaft 19 Strafverfahren wegen Raserdelikten eröffnet. Beschuldigt waren hier zu 5 Prozent (eine) Frauen und zu 95 Prozent Männer. «Es handelt sich bei diesen Zahlen nicht um Verurteilungen, sondern um eröffnete Strafverfahren», betont Sandra Zuber.

Im Jahr 2013 wurden 25 Prozent der weiblichen Beschuldigten und 45 Prozent der männlichen Beschuldigten verurteilt. Im Jahr 2014 waren es keine Frau und 28 Prozent der männlichen Beschuldigten. Die restlichen Verfahren sind noch hängig.

Zwar ist der Frauenanteil bei den eröffneten Strafverfahren gesunken. Die rasende Zeitungsverträgerin ist aber dennoch kein Einzelfall.