Bildung
Schulschrift: Heute schreibt sich nicht mehr alles wie am Schnürchen

Im Aargau schreiben die Schüler immer mehr Basisschrift – sie macht damit gegenüber der «Schnürlischrift» Boden gut. In einigen Kantonen ist geregelt, welche Schrift verbindlich ist. Im Aargau überlässt es der Kanton den Schulen, welche Schrift gilt.

Hans Fahrländer
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Luzerner Basisschrift mit den unverbundenen Formen, wie sie die 1.-Klässler lernen, und den Verbindungen, wie sie 2.-Klässler erarbeiten.

Luzerner Basisschrift mit den unverbundenen Formen, wie sie die 1.-Klässler lernen, und den Verbindungen, wie sie 2.-Klässler erarbeiten.

Im Jahr 1937 erklärte der Regierungsrat die «erste Schweizer Schulschrift» an Aargauer Schulen für obligatorisch. Eine Weiterentwicklung davon setzte die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren 1947 in Kraft. Die heute noch im Grundsatz gültige «Schnürlischrift» war geboren. Massgeblich entwickelt wurde sie vom Aargauer Lehrer und Schriftkünstler Eugen Kuhn, gebürtig aus Sins, tätig in Zofingen.

Nicht mehr kindgerecht

Kurz nach der Jahrtausendwende hat die Schnürlischrift Konkurrenz erhalten: Der Glarner Grafiker Hans Eduard Meier hat die so genannte Basisschrift entwickelt. Die Schulschrift von 1947 sei veraltet und entspreche nicht mehr der heutigen Anforderung an eine schnell schreibbare und doch leserliche Handschrift, fand Meier.

Konkret warf er der Schnürlischrift vor, sie sei motorisch anspruchsvoll, führe zu verkrampfter Schreibhaltung und sei anfällig für den Formenzerfall. Sie habe überdimensionierte Grossbuchstaben, unnötig geschwungene Formen und zwinge die Kinder zu unnötigen «Umwegen». Die Anforderung, alle Wörter verbunden, das heisst in einem Zug zu schreiben, sei ohnehin nicht zu erfüllen.

Warten auf den Lehrplan 21

Luzern hat als erster Kanton 2011 die – allerdings seit Meier weiterentwickelte – Basisschrift für verbindlich erklärt. Der Kanton Aargau überlässt es den Schulen, ob sie den Kindern die Schnürli- oder die Basisschrift lehren wollen.

«Seit der letzten Lehrplanrevision haben die Lehrpersonen der 1. und 2. Primarklasse die Möglichkeit, anstelle der Schweizer Schulschrift eine andere Schrift einzuführen», bestätigt Victor Brun, Leiter der Sektion Organisation im Bildungsdepartement.

Diese «liberale, föderalistische Schriftfreigabe» (Brun) teilt der Aargau mit einigen Nachbarkantonen (Bern, Basel). Im Kanton Zürich ist die Basisschrift nicht zugelassen. «Der Lehrplan 21 wird zur Frage der Schrift Stellung beziehen», sagt Brun, «wir wissen noch nicht, wie. Klar ist aber, dass wir auf dieses Dokument warten und bis dann sicher keine Entscheide fällen.»

Spezialistin in Grafomotorik

Marianne Schneitter ist ausgebildete Lehrerin und Psychomotorik-Therapeutin in Zofingen. Ihr Spezialgebiet ist die Grafomotorik, das heisst die Entwicklung der Schreibfähigkeit auf der Basis der Feinmotorik. Sie ist an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz Kursleiterin in der Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen – Thema: die Basisschrift. Auch beim Pionierkanton Luzern hat sie ein Mandat in der Weiterbildung.

Marianne Schneitter – eine Kämpferin für die Basisschrift? «Nicht Kämpferin, das Wort passt mir nicht, ich will nicht kämpfen, ich will überzeugen», sagt sie. Ihre Überzeugung: Die Basisschrift ist leichter zu erlernen und führt die Kinder auf einfacherem Weg zur persönlichen, gut lesbaren, automatisierten Handschrift. Auch sei der Bruch zwischen der Blockschrift und der verbundenen Schrift kleiner als bei der Schnürlischrift.

 Seit 1947 offizielle Schweizer Schulschrift: Die Schnürlischrift für die Unterstufe, entwickelt vom Aargauer Lehrer Eugen Kuhn.

Seit 1947 offizielle Schweizer Schulschrift: Die Schnürlischrift für die Unterstufe, entwickelt vom Aargauer Lehrer Eugen Kuhn.

Marianne Schneitter hat eine Liste jener Aargauer Gemeinden, die auf die Basisschrift umgestiegen sind: Es sind 44, plus 2 Sonderschulen – «ohne Garantie auf Vollständigkeit». Für die Grafomotorik-Spezialistin ist es wichtig, «dass die Schulen sauber, gut vorbereitet und vollständig umstellen».

 Und so sieht die Praxis aus: Handschriftprobe eines Aargauer Drittklässlers.

Und so sieht die Praxis aus: Handschriftprobe eines Aargauer Drittklässlers.

Es müssten unbedingt die Lehrpersonen aller Klassen und Stufen mit an Bord sein, aus Überzeugung, sonst klappe es nicht. Als nicht ideal bezeichnet sie im Moment noch die Lehrmittel-Situation. Und auf dem PC gibt es auch noch keine standardisierte, allgemein anerkannte Basisschrift.

Und wo sitzt der Widerstand? Marianne Schneitter: «Wer mit der Schnürlischrift begonnen hat, für den ist die Umstellung halt nicht ganz einfach. Das gilt für die Kinder – und für die Lehrpersonen, die ja alle selber mit der Schnürlischrift aufgewachsen sind.

Für die Kinder heisst das: Es ist von Vorteil, wenn sie ab Schuleintritt mit der gleichen Schrift konfrontiert sind. Und die Lehrpersonen kann man nur ermuntern, sich neugierig und mutig und nicht abwehrend dem Neuen zu nähern. Es kommt bestimmt den ihnen anvertrauten Kindern zugute.»