Bildung
Schulreform: Lehrplan 21 steht – der Widerstand im Aargau auch

Das Komitee «Ja zu einer guten Bildung, Nein zum Lehrplan 21» hat schon 2000 Unterschriften gesammelt. 1000 weitere sind für eine Volksinitiative nötig. Elfy Roca vom Komitee kritisiert, der Lehrplan 21 gehe in eine völlig falsche Richtung gehe.

Rolf Cavalli
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Elisabeth Abbassi, Präsident des Aargauer Lehrerverbandes und Elfy Roca vom Initiativkomitee gegen den Lehrplan 21.

Elisabeth Abbassi, Präsident des Aargauer Lehrerverbandes und Elfy Roca vom Initiativkomitee gegen den Lehrplan 21.

ZVG

Während die Erziehungsdirektoren letzten Freitag in Zürich den überarbeiteten Lehrplan 21 vorstellten, freute sich Elfy Roca in Oberrohrdorf gerade über Post. 130 neue Unterschriften zählte sie im Postfach ihres Komitees «Ja zu einer guten Bildung, Nein zum Lehrplan 21». Bereits 2000 Unterschriften sind es seit der Lancierung der Volksinitiative Ende August, bestätigt Roca. Bis Weihnachten, spätestens im Januar sollen die benötigten 3000 zusammen sein.

Elfy Roca ist Heilpädagogin und eine der härtesten Kritikerinnen des neuen Lehrplans. Im Aargau will sie diesen vors Volk und so zu Fall bringen. Auch dem überarbeiteten, entschlackten Lehrplan kann sie nichts Gutes abgewinnen. «Es wurden zwar bei ideologisch umstrittenen Themen wie Gender und Konsumkritik die Formulierungen abgeschwächt», sagt Roca. «Aber das ist nicht relevant und ändert nichts daran, dass der Lehrplan 21 in eine völlig falsche Richtung geht.»

Kompetenzziele in der Kritik

Die Lehrplan-Gegnerin lehnt den Wechsel zur sogenannten Kompetenzorientierung grundsätzlich ab: «Diese geht von einer falschen Theorie aus, nämlich, dass sich das Kind vorwiegend in Lernumgebungen sein Wissen selber aneignen soll.»

Roca wirft den Machern des Lehrplans 21 vor, ihre Korrekturen seien Augenwischerei. Um die Kritik an den rund 5000 Kompetenzzielen zu entschärfen, habe man einfach die Zählweise geändert. Neu ist jetzt noch von 363 Kompetenzen die Rede. Aber das sei irreführend. Es gebe weiterhin Tausende von Kompetenzen und wenig inhaltliche Zielformulierungen.

Einen Anlass, von der Volksinitiative abzurücken, sieht Roca darum nicht, im Gegenteil: «Der Lehrplan 21 ist eine pädagogische Neuausrichtung, die in der Bevölkerung gar nicht diskutiert wurde. Deshalb braucht es unsere Initiative.» Zudem werde die Ausrichtung auf Kompetenzen auch im Aargau bereits schleichend umgesetzt. «Die Folge ist das weiter sinkende Bildungsniveau. Das wollen wir ändern.»

Ursprünglich war der Lehrplan 21 (die Zahl steht für die 21 Deutsch- und mehrsprachigen Kantone) vorab ein Projekt zur Harmonisierung der Schulziele. Doch mittlerweile entzündet sich anhand des 470-seitigen Papiers ein grundsätzlicher Methodikstreit. Der neue Lehrplan rückt die Kompetenzen in den Mittelpunkt, die ein Schüler erlernen soll. Gegner erachten dies des Teufels. Sie wollen einen konkreten Fächerplan als Lerngerüst und diesen im Schulgesetz festschreiben.

«Widerstände abbauen»

Davor warnt Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauer Lehrerverbandes. «Der alte Lehrplan genügt den Ansprüchen längst nicht mehr. Würde die Volksinitiative angenommen, müsste der Kanton für viel Geld einen eigenen Lehrplan entwickeln.» Abbassi beurteilt die revidierte Version des Lehrplans 21 überwiegend positiv. Er sei weniger stark beladen, etwa im Bereich Natur, Mensch, Gesellschaft seien nun auch Inhalte beschrieben. Und vor allem komme für die Deutschschweiz endlich ein gemeinsamer Lehrplan.

Leichte Abstriche macht die oberste Aargauer Lehrerin beim Thema Fremdsprache. Da sei «kein klarer Wille zur Harmonisierung der heiklen Frage der Sprachenfolge sichtbar». Abbassi betont aber, man dürfe «die Bedeutung des Lehrplans nicht überhöhen».

Der Lehrplan 21 wird es so oder so schwer haben im Aargau. Auch der Regierungsrat zeigt bisher wenig Begeisterung und vor allem keine Eile. Er hat die Einführung des neuen Lehrplans auf das Schuljahr 2020/21 verschoben. Und der zuständige Regierungsrat Alex Hürzeler war einer der zwei Deutschschweizer Erziehungsdirektoren, die sich bei der Schlussabstimmung zum Lehrplan 21 der Stimme enthielten.

Lehrer-Präsidentin Abbassi nimmt die Regierung in die Pflicht. Der Kanton müsse die Widerstände, die es auch in der Lehrerschaft gebe, ernst nehmen und abbauen. «Sonst droht ein Debakel wie bei Mundart-Initiative.» Zur Erinnerung: Das Stimmvolk stellte sich im Mai gegen die Regierung und sagte mit 55,5 Prozent Ja zu Mundart im Kindergarten.

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