Herr Grolimund, was halten Sie grundsätzlich von der pauschalen Ressourcierung der Volksschule, wie sie der Regierungsrat beschlossen hat?

Philipp Grolimund: Unser Verband hat das Projekt von Beginn weg begleitet. Wir befürworten die Neuressourcierung im Grundsatz. Wir sehen die Chancen, aber doch auch einige kritische Punkte und es bleiben einige offene Fragen.

Wo sehen Sie Probleme?

Hauptproblem ist, dass es nicht mehr Ressourcen gibt. Aargauer Schulen haben heute für diverse Angebote zu wenig Ressourcen. Daran wird sich nichts ändern. Die Schulen können künftig einfach autonomer entscheiden, wo und wie sie die vorhandenen Mittel einsetzen wollen. Aber für effektive Verbesserungen bleibt wenig oder gar nichts übrig. Man kann nicht zusätzliche Pensen aus einem Topf nehmen, der oft schon leer ist.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Jede Schule kann selber entscheiden, ob sie eine Einschulungsklasse führen will oder nicht. Aber eine solche Klasse beansprucht Ressourcen, die der Schulleiter vielleicht lieber in die Informatik stecken möchte. Es ist unbestritten, dass eine Einschulungsklasse und die Stärkung der Informatik notwendig wären. Aber beides geht nicht. Die Schule muss sich entscheiden. Das ist unbefriedigend. Solche Beispiele gibt es verschiedene.

Gibt es weitere Kritik?

Ja. Das neue System kann dazu führen, dass weniger Logopädie oder heilpädagogische Unterstützung angeboten wird. Dies, weil aus Mangel an Ressourcen andere Schwerpunkte gesetzt werden. Das kann so weit gehen, dass eine Schule künftig ganz auf Logopädie oder schulische Heilpädagogik verzichtet, weil sie die Ressourcen anderweitig braucht.

Warum ist das ein Problem, wenn sich eine Schule dafür entscheidet?

Das ist schlecht für Kinder, die auf heil-pädagogische Massnahmen angewiesen sind, und es ist schlecht für betroffene Lehrpersonen. Die Pensensicherheit und damit auch die Attraktivität dieses Berufs nehmen ab, der aktuelle Mangel kann sich noch verstärken. Dies wiederum wird dazu führen, dass es noch schwieriger wird, Lehrpersonen für den heilpädagogischen Bereich zu finden. Bereits jetzt haben auch verschiedene Behindertenverbände ihre Besorgnis geäussert.

Was bedeutet das neue Modell der Ressourcierung für die Schulpflegen?

Die Schulpflegen sind in einer ziemlich schwierigen Situation. Einerseits müssen sie davon ausgehen, dass sie im Jahr 2022 abgeschafft werden. Anderseits sind sie bis dahin besonders gefordert, weil sie entscheiden müssen, welchen Kurs die einzelnen Schulen gehen wollen, wofür sie ihre Ressourcen einsetzen wollen und wo gespart werden muss. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Schulpflegen unterdotiert sind oder ihre Mitglieder über wenig Erfahrung in der anspruchsvollen Thematik verfügen.

Wo sehen Sie die Vorteile des neuen Modelles für die Schulleiterinnen und Schulleiter im Aargau?

Die Arbeit wird zwar komplexer, aber der Gestaltungsspielraum steigt. Es wird möglich, pädagogische Schwerpunkte zu setzen und die Schule weiter zu entwickeln. Eine längerfristige, nachhaltige Entwicklung kann aber nur gelingen, wenn die Ressourcen möglichst rasch wieder etwas reichlicher fliessen.