Bildung

Schulleiter: «Das Loblied auf das duale System macht uns blind»

Rektor Rudolf Siegrist im zum Schulhaus umfunktionierten Gemeinschaftshaus Martinsberg, erbaut von Armin Meili.

Berufsbildung an einem industriegeschichtlich spannenden Ort:

Rektor Rudolf Siegrist im zum Schulhaus umfunktionierten Gemeinschaftshaus Martinsberg, erbaut von Armin Meili.

Rudolf Siegrist, Rektor der Berufsfachschule Baden, ist überzeugter Verfechter des dualen Systems mit der Lehre in einem Betrieb und dem parallelen Besuch einer Berufsschule. «Die Berufsbildung befindet sich in einer gefährlichen Kurve.»

Herr Siegrist, die ganze Welt lobt unser duales Berufsbildungssystem – Sie auch?

Rudolf Siegrist: Unser Berufsbildungssystem ist im Grundsatz sehr gut. Eben wurde ihm von einem US-amerikanischen Forschungsinstitut wiederum der Gold-Standard verliehen. Doch mich plagt eine Befürchtung: Der ständige Lobgesang auf das duale Bildungssystem macht uns blind für dringend notwendige Verbesserungen. So wird es uns nicht gelingen, das System zukunftsfähig zu halten.

Sie wurden im vergangenen Jahr von Bundesrat Schneider-Ammann zu einem Brainstorming mit dem Titel «Berufsbildung 2030» eingeladen. Haben Sie dort diese Befürchtung auch geäussert?

Ja, ich habe offen und ehrlich referiert. Leider habe ich seither von Herrn Schneider-Ammann und seinem Departement nichts mehr gehört. Vielleicht war ich zu kritisch…

In welche Richtung gehen denn Ihre Befürchtungen?

Die Berufslehre unterliegt einem enormen Anpassungsdruck durch die globale Wirtschaft, es entstehen neue Anforderungen, neue Bildungsgänge sind gefordert. Wir bräuchten einen kräftigen Innovationsschub. Doch leider sind die Strukturen des Systems zu schwerfällig und zu kleinteilig.

Damit ist als erstes der Gesetzgeber angesprochen.

Ja. Im Jahr 2002 trat ein neues Berufsbildungsgesetz in Kraft. Ich war bei der Erarbeitung als Experte dabei, doch was schliesslich herausgekommen ist, hat mich schockiert. Zuvor lagen die meisten Kompetenzen beim Bund, er war mit seinem Bundesamt für Berufsbildung und Technologie direkt für die Bewilligung von Innovations- und Fördermitteln zuständig. Das Gesetz von 2002 hat viele Kompetenzen an die Kantone abgegeben. Damit verdoppelte sich der bürokratische Aufwand. Und die Hürde, um Unterstützung für Innovationen zu erhalten, ist deutlich höher geworden.

Wie kam es zu dieser Kantonalisierung?

Sie geschah nach dem Grundsatz «Wer zahlt, will auch befehlen». Die Kantone tragen rund 45 Prozent der Berufsbildungskosten, der Bund steuerte damals nur rund 18 Prozent bei. Der Bund macht zwar immer noch Vorgaben, doch diese müssen von den Kantonen nicht zwingend umgesetzt werden.

Die Berufsschule und –lehre steht in direkter Konkurrenz zu den Mittelschulen, vor allem zu den Gymnasien. Obwohl die Berufsbildung überall gelobt wird und eine starke politische Lobby hat, steigen zurzeit vor allem die Eintrittszahlen in die Mittelschulen. Warum ist das so?

Die «Königsmeinungsmacher» sind die Eltern. Sie wollen nur das Beste für ihr Kind. Und sie glauben, dieses Beste sei das Gymnasium. Sie übersehen dabei, dass man auf dem Berufsbildungsweg heute genauso Karriere machen kann: über die Berufsmaturität an die Fachhochschule und von da an die ETH oder eine Universität. Der Berufsbildungsweg hat indessen einen grossen Vorteil: Man wird bereits mit 16 mit dem realen Berufsleben konfrontiert, kann selber mit den Händen anfassen und mit 25 bereits einen eigenen Betrieb führen.

Sie orten Informationsdefizite an der Schnittstelle zwischen Volksschule und Sekundarstufe II?

Es gibt Bezirksschulen, die messen ihre Erfolge immer noch an der Anzahl der Jugendlichen, die sie ins Gymnasium bringen. Da wäre noch viel Aufklärungsarbeit notwendig.

Gefördert gehört, wenn ich Sie richtig verstehe, vor allem die Berufsmaturität, weil sie Wege sowohl in die Praxis wie auch in akademische Berufe öffnet?

Ja – nur leider: Was mit der Berufsmaturität zurzeit geschieht, ist ein Musterbeispiel für Innovationsverhinderung. Die Umsetzung der Verordnung zum neuen Gesetz erstickt im Rollenkonflikt zwischen Bund und Kantonen. Von 2006 bis 2009 arbeitete man an dieser Verordnung, seit 2012 kennen wir den Rahmenlehrplan – er besteht mehrheitlich aus altem Wein in neuen Schläuchen –, die Umsetzung der Schullehrpläne dauert bis 2015, das heisst: Die ersten Berufsmaturanden nach neuem Lehrplan verlassen die Schule 2019, 13 Jahre nach dem Start zu dieser «Innovation». Da kann man gleich wieder von vorne beginnen…

Sie haben von weiteren Verantwortlichen für die fehlende Weiterentwicklung gesprochen. Das wären?

Wenn wir noch bei der Berufsmaturität bleiben: Es gibt viele Lehrmeister – neu: Ausbildner –, die dagegen sind, dass ihre Lehrlinge in die Berufsmaturität einsteigen. Denn dadurch gehen sie einen Tag mehr pro Woche in die Schule und fehlen dem Betrieb. Und nachher verabschieden sie sich in die (Fach-)Hochschule und fehlen als Arbeitskräfte in den Ausbildungsbetrieben. Eine Langfrist-Rechnung sähe freilich anders aus: Von den Absolventen der höheren Berufsbildung profitieren alle, Betriebe, Branchen, ja die gesamte Wirtschaft.

Wer bildet eigentlich die Ausbildner aus?

Da sind die Kantone und die Berufsverbände gefordert. Die hohe Anzahl von Lehrabbrechern gibt mir in diesem Zusammenhang zu denken – die Schuld liegt nicht immer bei den Jugendlichen. Bei den Berufsverbänden gibt es riesige Unterschiede, was die Arbeit für die Berufsfachschulen nicht einfacher macht. Einige Verbände haben die Zeichen der Zeit erkannt, sie beginnen mit uns zusammenzuarbeiten. Doch was passiert dort, wo noch keine Verbände gegründet sind, aber attraktiver Berufsbildungsbedarf besteht? Warum haben Berufsfachschulen keine Rechtspersönlichkeit, können somit keine AG gründen und Geschäftsfelder mit Businessplänen am Markt eröffnen?

Der Kanton Aargau arbeitet gegenwärtig an einem Standort- und Raumkonzept und will auf diesem Weg eigentliche Kompetenzzentren der Berufsbildung schaffen. Was halten Sie davon?

Der Ansatz ist richtig. Unsere Berufsschule BBB ist diesen Weg bereits gegangen, wir verfügen über Kompetenzzentren zum Beispiel in Informatik oder in der Gastronomie. Die Frage wird sein: Genügt der politische Wille für echte Konzentrationsprozesse oder bleibt man wieder auf halbem Weg stehen, aus Rücksicht auf die Verlustängste in den Regionen?

Konnten Sie sich in den Erarbeitungsprozess einbringen?

Nein. Diese Reform verläuft ganz top-down. Ich finde das noch speziell. Normal wäre: Man holt sich das gesammelte Expertenwissen des Kantons in eine Arbeitsgruppe und lässt die Eingeladenen Vorschläge erarbeiten. Diese Vorlage aber entsteht fast ausschliesslich in der Verwaltung – und wenn sie dann im Juni «draussen» ist, wird sie von echten und vermeintlichen Experten, die sich zuvor nicht einbringen konnten, zerzaust.

Herr Siegrist, Sie waren lange Jahre eine Leaderfigur in der kantonalen, ja sogar in der schweizerischen Berufsbildung. Nun tönen Sie etwas resigniert. Haben Sie aufgehört, für eine bessere Berufsbildung zu kämpfen?

Nein. Ich habe bloss aufgehört, mich am politischen und taktischen Hickhack zu beteiligen. Ich konzentriere mich lieber auf «meine» Schule, die BBB. Ich will zusammen mit meinen Schulleitungsmitgliedern und den engagierten Lehrpersonen erreichen, dass man die BBB als Taktgeber wahrnimmt und genau hinsieht, was da passiert. Das ist das letzte Ziel meiner Berufslaufbahn.

Was passiert denn da?

Wir müssen nicht ständig an den Strukturen arbeiten, sondern endlich an den Inhalten. Man kann das auch, wenn Geld spärlicher fliesst. Oft braucht es nicht Geld, sondern gute Ideen. Wir sind die einzige Berufsfachschule der Schweiz, in der alle Lernenden mit dem eigenen Computer zum Unterricht erscheinen. Die meisten Lerninhalte sind zentral erfasst und standardisiert und können auch von den Lehrmeistern und Eltern abgerufen werden. So ist es möglich, dass Berufslernende drei Monate in Indien in einer globalisierten Unternehmung arbeiten, ohne dass sie den Unterrichtsstoff der Berufsmaturität verpassen. Solche Dinge machen die Berufslehre wieder attraktiv. Wir arbeiten täglich an unserer Zukunftsfähigkeit, auch mit der konsequenten Förderung der englischen Sprache. Wir haben hier in Baden einen einmaligen Standort, inmitten eines Industriecampus. Wir wollen unseren Teil zu seinem Erfolg beitragen.

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