Wahlkampf
Schule wie vor 30 Jahren: SVP-Regierungsrat Hürzeler distanziert sich von Parteikollegin Roth

Der amtierende SVP-Bildungsdirektor fährt eine andere Linie als Parteikollegin und Mitkandidatin Franziska Roth.

Fabian Hägler
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Bei der Nomination von Franziska Roth klatschte Alex Hürzeler (rechts), für die schulpolitischen Forderungen seiner Parteikollegin gibt es keinen Applaus. ASP

Bei der Nomination von Franziska Roth klatschte Alex Hürzeler (rechts), für die schulpolitischen Forderungen seiner Parteikollegin gibt es keinen Applaus. ASP

Alex Spichale

Auf seinen Wahlplakaten empfiehlt Alex Hürzeler seine Parteikollegin Franziska Roth als Regierungsrätin. Gemeinsam lächeln die zwei SVP-Kandidaten auch auf dem Titelbild der Facebook-Wahlgruppe von Roth. Doch wenn es um Schulpolitik geht, haben der Bildungsdirektor und die Gerichtspräsidentin das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Dies zeigte sich an einem Anlass der Aargauischen Offiziersgesellschaft am Samstag in Aarau. Hürzeler überbrachte dort eine Grussbotschaft der Regierung, die es in sich hatte.

«Da werde ich unfreiwillig Zeuge, wie der SVP-Regierungsrat öffentlich die anwesende SVP-Regierungsratskandidatin abwatscht: Lehrpläne von vor 30 Jahren taugten heute nichts mehr, sagt Alex Hürzeler, nachdem sich Franziska Roth öffentlich für eine Schule wie vor 40 Jahren ausgesprochen hatte», schrieb Dieter Wicki, CVP-Grossratskandidat und ehemaliger Präsident der Offiziersgesellschaft, auf Facebook. Auf eine Nachfrage der az bestätigt Wicki seinen Eintrag. «Für mich war völlig klar, dass sich die Aussage von Herrn Hürzeler auf die Forderungen von Frau Roth zur Schule bezog.»

Roth: «Nicht auf mich bezogen»

Franziska Roth war mit ihrem Mann, dem Brigadier und ehemaligen SVP-Zürich-Kantonsrat Rolf Siegenthaler, am Anlass der Offiziersgesellschaft. «Ich habe von Alex Hürzeler bei seinem Grusswort die Aussage gehört, bei der Armee gehe es auch nicht mit Methoden wie vor 30 oder 40 Jahren», sagt Roth auf Anfrage. Sie habe dieses Statement des Parteikollegen jedoch nicht auf ihre schulpolitischen Ansichten bezogen. Die SVP-Frau hatte bei einem Podium im Juli mit Forderungen nach grösseren Klassen, mehr Disziplin, weniger Heilpädagogik und Schulsozialarbeit sowie strikter Konzentration auf Lesen, Schreiben und Rechnen für Wirbel gesorgt. «Meine schulpolitischen Aussagen sind immer wieder ein Thema, meistens sind die Reaktionen positiv, aber am Samstag hat mich niemand darauf angesprochen», hält Franziska Roth fest.

Doch was hat Alex Hürzeler nun tatsächlich gesagt? Auf Anfrage lässt seine Sprecherin Simone Strub der az das Grusswort des Regierungsrats zukommen. Darin befasst sich Hürzeler mit der Frage, warum eine Weiterentwicklung der Armee nötig sei.

Hürzeler: «Weit hergeholt»

Der SVP-Bildungsdirektor kommt in seiner Begrüssung zum Schluss, heute herrsche eine neue, sich ständig verändernde Bedrohungslage, zudem gebe es moderne Techniken, daran müsse sich die Armee anpassen. Dies gelte analog zur Volksschule, vergleicht Hürzeler: «Auch diese kann auf die heutige Gesellschaft, deren Ansprüche, Haltungen und Erwartungen nicht mit Lehrplänen, Techniken und Schulmaterialien wie vor 30, 40 Jahren antworten.»

Sprecherin Strub sagt, «dies mit den Aussagen von Frau Roth in Zusammenhang zu bringen, ist etwas weit hergeholt und entspricht keineswegs der Absicht von Regierungsrat Hürzeler». Wenn dies Dieter Wicki so interpretiert und auch weiterverbreitet habe, sei das seine Sache. Hürzeler habe wohl in einem halben Satz die notwendige Weiterentwicklung von Lehrplänen und den Einsatz von modernen technischen Hilfsmitteln erwähnt, sei aber nicht auf andere Punkte aus Roths schulpolitischen Forderungen eingegangen.

Strub ergänzt, die Haltung des Regierungsrats zu Themen wie integrativer Schule, Lehrplänen und Klassengrössen sei weitgehend bekannt. «Regierungsrat Hürzeler wird sie an Wahlanlässen wie auch bei anderen Auftritten entsprechend vertreten», kündigt sie an. Ob der Bildungsdirektor bereits das Gespräch mit seiner – in Schulfragen sehr konservativen – Parteikollegin gesucht hat, lässt seine Sprecherin offen. Franziska Roth bleibt derweil vage: «Wir reden immer wieder über verschiedene Themen miteinander.»

Franziska Roth (SVP)
22 Bilder
Regierungsratskandidatin Franziska Roth im Fokus Was bedeutet die Nomination der Brugger Bezirksgerichtspräsidentin und wie wird sie versuchen, ihren Bekanntheitsgrad zu verbessern? (April 2016)
Yvonne Feri (SP)
Die 50-jährige Nationalrätin kämpft um einen zweiten SP-Sitz in der Aargauer Regierung. Feri ist noch bis Ende Jahr Gemeinderätin von Wettingen und unter anderem Präsidentin von "Kinderschutz Schweiz" sowie des "Vereins für Soziale Gerechtigkeit".
Die Aargauer Regierungsratskandidaten 2016 Markus Dieth (CVP)
Der 49-jährige Wettinger sitzt seit 2009 im Grossrat und präsidierte diesen im Jahr 2015. 2006 wurde er in den Gemeinderat von Wettingen gewählt, wo er seit 2008 das Amt des Gemeindeammanns ausübt.
Alex Hürzeler (SVP)
Der 51-Jährige sitzt seit 2009 im Aargauer Regierungsrat und hat dort das Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) inne. Der Fricktaler stellt sich diesen Oktober für eine weitere Amtsperiode zur Wahl.
Maya Bally: «Die Chancen stehen gut für eine Frauenkandidatur aus der Mitte» (8.8.2016)
Die 55-jährige Hendschikerin ist seit 2012 Mitglied der kantonalen Parteileitung und Präsidentin der Bezirkspartei Lenzburg. Im Oktober 2012 wurde sie in den Grossen Rat gewählt, seit 2013 ist sie Präsidentin der Fraktion. Als Schulpflegepräsidentin liegen ihre politischen Schwerpunkte in der Bildung aber auch bei Wirtschaft und Finanzen.
Stephan Attiger (FDP)
Der 49-Jährige steht im Regierungsrat seit 2013 dem Departement für Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) vor. Am 23. Oktober kandidiert er für seine Wiederwahl.
Urs Hofmann (SP)
Der 59-jährige Aarauer leitet im Regierungsrat seit 2009 das Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI). Im Oktober will er den SP-Sitz in der Aargauer Regierung verteidigen.
Mia Jenni, Ariane Müller und Mia Gujer: Dieses Trio zieht für die Juso in den Regierungsrats-Wahlkampf. Mia Jenni (21) ist Vorstandsmitglied der Juso Aargau und studiert Germanistik und Kunstgeschichte. Ariane Müller (23) studiert zurzeit Geschichte und Geologie und ist Präsidentin der Juso Freiamt. Mia Gujer (22) ist Präsidentin der JUSO Aargau und arbeitet als Kampagnen-Mitarbeiterin.
Robert Obrist (Grüne)
Der 58-jährige Schinznacher sitzt seit Januar 2014 im Grossen Rat. Als Agronom und Departementsleiter am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Frick (FiBL) sind Umwelt und Bildung die Themen, die Obrist am meisten umtreiben.
Ruth Jo. Scheier (GLP)
Die 40-Jährige wohnt seit 2005 in Wettingen. Sie ist alleinerziehende Mutter einer 17-jährigen Tochter. Sie arbeitet als kaufmännische Angestellte in einer Schmuck-Grosshandelsfirma. Die Grossrätin ist auch Vize-Präsidentin der GLP Aargau.
Die transsexuelle Jil Lüscher kandidiert als Parteilose.
Pius Lischer (IG-Grundeinkommen)
Der 53-jährige Pius Lischer wohnt in Oberrüti und ist schon bei mehreren Wahlen angetreten – jeweils ohne Erfolg.

Franziska Roth (SVP)

Alex Spichale

CVP-Kandidat Dieter Wicki äusserte sich auf Facebook deutlich zu den Dissonanzen zwischen den Parteikollegen. «Liebe SVP! Macht das doch bitte zuerst untereinander aus.» Roth sieht dies gelassen: «Wir kommen recht gut miteinander aus, und da ist es auch kein Problem, wenn Alex Hürzeler und ich nicht bei allen Themen gleicher Meinung sind, das kommt auch innerhalb einer Partei durchaus vor.»

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