Niederwil

Schülerin (8) totgefahren: Neulenker muss für ein Jahr hinter Gitter

Im September vor einem Jahr kam in Niederwil eine 8-jährige Schülerin auf dem Schulweg ums Leben. Ein 22-jähriger Bäcker-Konditor aus der Region hatte die Kontrolle über sein Auto verloren und ein Mädchen auf dem Schulweg tödlich verletzt. Das Bezirksgericht Bremgarten verurteilt ihn zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten.

Einen solchen Grossandrang gibt es am Bezirksgericht Bremgarten nicht alle Tage. Um für Ordnung zu sorgen, werden den Medienschaffenden und Zuschauern Nummern verteilt.

Gerichtspräsident Lukas Trost sagt zur Eröffnung: «Ich erwarte, dass Sie sich ruhig verhalten. Sie haben ein Gastrecht, das man Ihnen auch nehmen kann.»

Ruhig verhält sich auch der Beschuldigte Dominik (Name geändert). Seine Befragung ist nach zwei Minuten schon wieder beendet.

Der heute 23-jährige Bäcker-Konditor hatte vor einem Jahr einen tödlichen Unfall verursacht. «Ich habe schon zweimal ausgesagt, und möchte ein drittes Mal nicht mehr gross etwas sagen», erklärt Dominik dem Gericht. Auch zu seiner Person will er keine Fragen beantworten.

«Schade», verhehlt Gerichtspräsident Trost seine Enttäuschung darob nicht, «wir hätten Sie gerne ein bisschen kennengelernt. Aber das ist ihr Recht.»

Todesfahrer von Niederwil vor Gericht

Todesfahrer von Niederwil vor Gericht

Der Autolenker, der letzten Herbst eine 8-Jährige totgefahren hat, erhielt heute eine Freiheitsstrafe von 2,5 Jahren. Ein Jahr davon unbedingt.

Keine Überlebenschancen

12. September 2016: Am Mittag um 12 Uhr fährt Dominik nach getaner Arbeit mit seinem älteren Seat Ibiza von der Backstube nach Hause, von Niederwil in Richtung Nachbardorf Nesselnbach. Kinder, die in Niederwil zur Schule gehen und im nur ein Kilometer entfernten Nesselnbach wohnen, sind gerade auf dem Nachhauseweg in die Mittagspause. Der Nesselnbacherstrasse entlang führt ein Rad- und Fussweg – er ist ihr Schulweg.

In einer langgezogenen Rechtskurve kommt Dominik ins Schleudern und von der Strasse ab. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er sei viel zu schnell gefahren; über 100 statt der erlaubten 80 km/h. Das belege ein verkehrstechnisches Gutachten. 

Bremsen und Gegenlenken nützen nichts mehr, der Wagen prallt mit hoher Geschwindigkeit in ein 8-jähriges Mädchen. «Kaum eine Körperpartie blieb unverletzt», sagt der Staatsanwalt, «sie hatte nicht die geringsten Überlebenschancen.» 

Ein 9-jähriger Bub sieht den Unfall durch Zufall kommen und kann sich mit einem Sprung zur Seite vor dem schlitternden Auto retten. Seine Eltern fordern 2000 Franken Schadenersatz.

Staatsanwalt: «Bewusst voll beschleunigt»

«Er wollte einfach möglichst schnell nach Hause kommen», sagt der Staatsanwalt. Dominik sei gewissenlos, ja kamikazehaft gefahren. «Sein Verschulden wiegt deshalb äusserst schwer.» Dominik habe den Tod des Mädchens zwar nicht gewollt, aber in Kauf genommen.

Der ortskundige Beschuldigte habe aus eigener Erfahrung gewusst, dass sich zur Unfallzeit auf der Niederwilerstrasse Schulkinder befänden. Indem er trotz dieses Wissens die Geschwindigkeit massiv überschritten habe, habe er bewusst in Kauf genommen, die Beherrschung über sein Fahrzeug zu verlieren und unkontrolliert von der Strasse abzudriften. Wegen eventualvorsätzlicher Tötung fordert der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von 8 Jahren.

Das verkehrstechnische Gutachten zeige, dass er, um auf dieses Tempo zu kommen, «bewusst hat voll beschleunigen müssen». Dass er sich in der ersten Befragung nach dem Unfall noch an Details erinnert habe wie das offene Autofenster, die eingeschaltete Klimaanlage oder die gehörte Musik von Nickelback, zeige, dass Dominik nicht in einen Sekundenschlaf gefallen sei. 

Verteidiger: «Sekundenschlaf mit fatalen Folgen»

Ein solcher ist das Argument der Verteidigung. Es sei «nicht auszuschliessen», dass Dominik mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren sei. Und den Tod des Mädchens sei ohne Frage eine Folge davon, dass er die Kontrolle über sein Auto verloren habe, sagt der Verteidiger.

Dass das passiert sei, könne sich sein Mandant aber nur damit erklären, dass er «während eines winzigen Moments eingenickt» sei. «Es war ein Sekundenschlaf mit schrecklich fatalen Folgen.»

Dem Gericht zeigt der Verteidiger ein Video, auf dem ein vergleichbares Auto mit 80 km/h die fragliche Strecke problemlos befährt. Damit sei bewiesen, dass das verkehrstechnische Gutachten nicht stimme.

Die Experten des Dynamic Test Centers waren zum Schluss gekommen, dass man maximal mit 67 km/h in die Kurve fahren dürfe, um nicht auf die Gegenfahrbahn zu geraten. Inzwischen hat die Gemeinde Niederwil reagiert und die Höchstgeschwindigkeit auf 60 km/h heruntergesetzt.

Natürlich müsse Dominik dennoch geradestehen für das, was passiert sei. Das sei aber keine eventualvorsätzliche Tötung, sondern fahrlässige Tötung. Und somit höchstens mit einer bedingten Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu ahnden. «Er hats ja nicht extra gemacht!»

Letztes Wort nicht gewünscht

Bevor sich das Gericht zur Urteilsberatung zurückzieht, erhält Dominik die Möglichkeit zum letzten Wort. «Möchten Sie davon Gebrauch machen?», fragt Gerichtspräsident Lukas Trost. «Nei, isch guet», nuschelt der Beschuldigte.

Das Bezirksgericht Bremgarten nimmt sich für das Urteil viel Zeit: zweieinhalb Stunden dauert die Beratung. Der Entscheid fällt denn auch nicht einstimmig, sondern mehrheitlich. 

Dominik wird der fahrlässigen Tötung der Schülerin zu einer Freiheitsstrafe von 2,5 Jahren verurteilt. 12 Monate davon muss er im Gefängnis absitzen, die weiteren 18 Monate werden bedingt ausgesprochen bei einer Probezeit von 3 Jahren.

Schuldig ist er zudem des qualifizierten Verstosses gegen das Strassenverkehrsgesetz (Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit). Dafür spricht das Gericht eine bedingte Geldstrafe von 18'000 Franken. Die Familie des Buben, der sich mit einem Sprung retten konnte, erhält eine Genugtuung von 2000 Franken zugesprochen.

Gerichtspräsident: "Schwer aushalt- und beurteilbar"

Gerichtspräsident Lukas Trost sagt in der Urteilsbegründung, die Frage, wo Fahrlässigkeit aufhöre und wo Vorsatz beginne, sei eine schwierige Frage, da diese in keinem Gesetz geregelt sei.

Zwar gebe es zahlreiche Bundesgerichtsurteile dazu, doch Vergleiche mit anderen Fällen seien nur bedingt möglich. Das Zünglein an Justizias Waage spielte letztlich eine Aussage Dominiks, die er in der ersten Einvernahme nach dem Unfall gemacht hatte: Er sei zu schnell unterwegs gewesen und habe zu spät gebremst, deshalb sei er aus der Kurve geflogen.

«Sie haben aus Unsorgfalt zu wenig oder zu spät gebremst», stellte Trost in Richtung des Beschuldigten fest, «deshalb haben wir auf Fahrlässigkeit entschieden.» Aussagen, wonach er in einen Sekundenschlaf gefallen sei, seien hingegen "vollends unglaubhaft". 

Es liege eine gravierende Sorgfaltspflichtverletzung vor: «Wie Sie Auto gefahren sind, als junger Neulenker zu schnell in dieser S-Kurve, ist am oberen Ende der Fahrlässigkeit», mahnte der Gerichtspräsident. Zudem habe man keine Worte der Reue oder Einsicht gehört. Das dürfe man aber weder positiv noch negative auslegen. 

«Dieser Fall hat uns alle am Gericht sehr betroffen gemacht», gab Trost Einblick in die wochenlangen Vorbereitungen. Der Unfall sei eine sehr tragische Geschichte, die «schwer aushalt- und beurteilbar» sei. 

Zum Schluss wünschte der Gerichtspräsident den betroffenen Familien «die nötige Kraft, in den kommenden Tage damit zurecht zu kommen.»

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Autor

Mario Fuchs

Mario Fuchs

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