Respekt vor dem Amt und Freude auf das Grossratspräsidium überwiegen bei Kathrin Scholl-Debrunner (SP/Lenzburg) vor dem heutigen grossen Tag in Aarau. Sie war ein Jahr lang zweite, dann erste Vizepräsidentin. Heute soll sie turnusgemäss zur Präsidentin des kantonalen Parlaments gewählt werden.

Sie löst Theo Voegtli (CVP/Kleindöttingen) in diesem hohen Amt ab. Kathrin Scholl ist froh, dass sie beim Leiten der Sitzung an zwei Tagen, an denen Voegtli verhindert war, schon Erfahrungen sammeln konnte. So konnte sie sich gezielter vorbereiten, sagt die designierte neue Präsidentin im Gespräch mit der az Aargauer Zeitung.

Vierteljährlich Wochenende für sich

Sie weiss, dass mit dem neuen Amt mehr Sitzungsvorbereitung und viele Repräsentationspflichten verbunden sind. Scholl hat als stellvertretende Geschäftsführerin des Aargauischen Lehrerverbands (alv) eine Teilzeitstellung. Sie erfahre viel Unterstützung und es sei akzeptiert, dass sie im Bedarfsfall Prioritäten setzen wird, sagt sie. Das halbe Pensum beim alv wird sie nicht reduzieren, dafür im Bedarfsfall andere Engagements zurückstellen und auch das Wochenende entsprechend nutzen. Vierteljährlich reserviert sie indes ein Wochenende gänzlich für sich und ihren Mann: «Da werden wir auch physisch weg sein. Ich brauche dies für meine Regeneration.»

Kathrin Scholl hat sich zum Ziel gesetzt, das natürlicherweise bestehende Spannungsfeld zwischen Regierung, Verwaltung und Parlament konstruktiv zu nutzen. Scholl: «Es geht darum, auf jeder Seite Verständnis für die andere Seite zu wecken und Probleme im Dialog zu lösen.» Sie wünscht sich von der Regierung, sich die Zeit zu nehmen und zusammen an einen Tisch zu sitzen, wenn es einen grösseren «Knopf» zu lösen gilt – und so eine Lösung auszuhandeln, statt Mails hin und her zu schicken. Im Rat selbst ist ihr nebst einer gut vorbereiteten, effizienten Ratsarbeit und einer strikten Führung wichtig, dass die Parlamentsmitglieder respektvoll miteinander umgehen.

Keine Kommissionssitzung im Rat

Sie selbst will zu einer sachlichen Debatte beitragen. Wenn jemand (was sehr selten geschieht) persönlich und/oder unter der Gürtellinie angegriffen wird, wird sie verbal eingreifen. Gefällt ihr etwas nicht im Grossen Rat? Scholl ärgert sich, wenn sie beobachtet, dass zunehmend Kommissionsdebatten im Plenum stattfinden – was man eigentlich nicht mehr will. Das Wichtigste im Rat seien das Ausloten der Meinungen auf der Suche nach einer tragfähigen Lösung. Scholl: «Die Qualität eines Parlaments bemisst sich daran, ob es das kann.» Für eine effiziente Ratsarbeit würde sie sich manchmal kürzere Voten wünschen – und dass weniger oft dasselbe wiederholt wird. Ihr ist aber bewusst und sie findet es auch wichtig, dass das Parlament vor Entscheiden natürlich zum Reden da ist.

Leute nicht unnötig belasten

Scholl will nur so viele Sitzungen anberaumen wie nötig: «Wir sind ein Milizparlament. Da kann und soll man die Leute nicht unnötig belasten. Im Zweifelsfall werde ich eher eine Sitzung ausfallen lassen.» Reichen ihr die Instrumente des Parlaments? Scholl fände es gut, wenn die Verfasser eines Vorstosses künftig – so wie im Solothurner Kantonsrat – sagen können, ob dieser angepasst werden darf oder ob er unverändert bleiben soll. Diese Möglichkeit würde das Gespräch miteinander noch mehr fördern, ist Kathrin Scholl überzeugt.

Keine nationalen Aspirationen

Das Grossratspräsidium war schon oft Sprungbrett für eine spätere Wahl in den Nationalrat. Dieses Ziel hat Scholl nicht: «Mir gefällt die Tätigkeit auf der kantonalen Ebene. Da ist man nahe bei den Menschen. Wäre ich im Parlament in Bern, müsste ich im Beruf zu viele Abstriche machen. Aber natürlich will ich im Herbst wieder für den Grossen Rat antreten.»