Fachkräftemangel
Schneider-Ammann beeindruckt von Aargauer Vorzeige-Altersheim

Gerade im Pflegebereich ist die Rekrutierung von qualifiziertem Fachpersonal ein grosses Thema. Der Wirtschaftsminister machte sich im Aargauer Pflegezentrum vor Ort ein Bild der Situation.

Urs Moser
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Bundesrat Johann Schneider-Ammann und Nationalrätin Ruth Humbel mit Pflegedienstleiterin Monica Heinzer in der betriebseigenen Kindertagesstätte.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann und Nationalrätin Ruth Humbel mit Pflegedienstleiterin Monica Heinzer in der betriebseigenen Kindertagesstätte.

Chris Iseli

Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat 2011 die Fachkräfteinitiative lanciert, um im Hinblick auf die demografische Entwicklung das einheimische Potenzial an Fachkräften besser auszuschöpfen. Mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative hat das Thema zusätzlich an Brisanz gewonnen. Ein besonderer Fokus wird für das neue Programm für Bildung, Forschung und Innovation 2017/20 auf dem Gesundheitswesen liegen. Sicher beim medizinischen Personal.

Ob speziell auch der Pflegebereich priorisiert werden soll, sei im Moment Gegenstand der Diskussionen, so Bundesrat Schneider-Ammann. Das erklärte er am Montag bei einem Besuch im Aargau. Gerade im Pflegebereich ist die Rekrutierung von Fachpersonal ein grosses Thema. Schneider-Ammann wollte sich deshalb im Pflegezentrum Reusspark in Niederwil ein Bild vor Ort machen.

Druck auf die Nachwuchsförderung wirkt

Laut einem Bericht der Gesundheitsdirektorenkonferenz und der Organisation der Arbeitswelt Gesundheit werden in der Schweiz jedes Jahr rund 4600 Pflegefachleute zu wenig ausgebildet. Im Aargau hat man mit einer Ausbildungsverpflichtung für Spitäler, Heime und Spitexorganisationen auf den drohenden Pflegenotstand reagiert: Für einen Platz auf der Spitalliste bzw. die Betriebsbewilligung für eine Pflegeinstitution ist ein bestimmtes Soll an Ausbildungsplätzen gefordert. Zur Durchsetzung der Ausbildungsverpflichtung wurde ein Bonus/Malus-Punktesystem entwickelt. Wer auf zu wenig Punkte kommt, muss den dreifachen Frankenbetrag seiner Minuspunkte in einen Ausbildungspool zahlen, aus dem über dem Soll liegende Ausbildungsleistungen abgegolten werden. Massgebend ist der Dreijahres-Durchschnitt, das System kommt 2016 erstmals zum Tragen. Eine Bilanz zeigte letzten Herbst, dass der Druck wirkt: Gegenüber dem Vorjahr war in allen Versorgungsbereichen ein Anstieg der Ausbildungsleistungen zu verzeichnen. Die Spitäler lagen bei 85, die Pflegeheime bei 70 Prozent des für dieses Jahr zu erreichenden Solls. Am grössten ist der Nachholbedarf bei den Spitexorganisationen, die erst knapp auf die Hälfte des Solls kamen. (mou)

Beispiel, das Schule machen soll

Der Reusspark ist punkto Personalpolitik so etwas wie ein Vorzeigebetrieb. Die Ausbildung von Berufsnachwuchs ist das eine, hier ist der Aargau mit der Ausbildungsverpflichtung für Spitäler und Heime schon ein gutes Stück vorwärtsgekommen (vgl. Box). Das andere ist, das Personal – überwiegend Frauen – auch im Beruf zu halten.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für den Wieder- und den Quereinstieg sind hier Stichworte. Der Reusspark gehört (wie im Aargau auch das Alterszentrum am Buechberg in Fislisbach und demnächst die Spitäler der Asana-Gruppe), zu den Betrieben, die über das Prädikat der Fachstelle «UND» für Familien- und Erwerbsarbeit verfügen. Pflegedienstleiterin Monica Heinzer hat selber ihr Pensum auf 80 Prozent reduziert, nachdem ihr Kind zur Welt kam. Und 10 Prozent ihres Pensums leistet sie von zu Hause aus.

Im Reusspark werden Teilzeitmodelle gefördert, es gibt eine eigene Kindertagesstätte für das Personal, von den insgesamt 353 Beschäftigen (266 Vollzeitstellen) absolvieren 11 eine berufsbegleitende Nachholbildung zur Fachfrau Gesundheit und 14 eine Fachweiterbildung in Langzeitpflege.

Die Arbeitspläne wurden so angepasst, dass es keine sogenannten geteilten Dienste mit drei- und mehrstündigen Pausen mehr gibt. Es gelten nur die gesetzlichen neun Feiertage, dafür gibt es sechs Wochen Ferien für alle. Viele der Massnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf seien nur eine Frage der Organisation und würden nichts kosten, so Direktor Thomas Peterhans.

Bundesrat Schneider-Ammann zeigte sich am Ende des Rundgangs und nach einer Diskussionsrunde beeindruckt: «Ein vorbildliches Beispiel, wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit privater Initiative gefördert werden kann. Wenn diesem Beispiel nachgeeifert wird, geht es in die richtige Richtung.»

Und das (dass das Beispiel Schule macht) ist für Landammann und Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann eine zwingende Forderung. Es sei kein Zufall, dass man sich in Niederwil treffe. In manchen anderen Branchen würden Anstrengungen zum Wiedereinstieg in die Berufswelt und zur Weiterbildung auch älterer Fachkräfte fehlen. Hier seien die Betriebe nicht allein, aber mit in der Pflicht. Die Gesamtwirtschaft müsse von den Überlegungen, wie man sie im Reusspark machte, profitieren und sie sich zum Vorbild machen. «Sonst verhallt der Ruf nach einer besseren Ausschöpfung des Fachkräftepotenzials wirkungslos», so Hofmann.

Bürokratischer Ballast

In der Diskussion wollte Bundesrat Schneider-Ammann vor allem vom Pflegepersonal direkt hören, wo der Schuh drückt und welche Verbesserungsvorschläge es gibt. Um die Verweildauer im Beruf zu erhöhen, sollte man vor allem Quereinstiege fördern, war hier eine Meinung: Wer sich direkt nach der obligatorischen Schulzeit für eine Ausbildung in Pflegeberufen entscheide, steige viel eher wieder aus.

Und aus dem Herzen sprach der Bundesrat den Anwesenden, als er bürokratische Belastungen im Beruf ansprach: Die seien stark gewachsen. Eine Angestellte schilderte es anschaulich: Das Ziel ihrer Arbeit sei das Wohlergehen der Bewohner. Sie dürfe aber auf keinen Fall rapportieren, ein Demenzpatient fühle sich wohl. Denn dann würde es von der Krankenkasse heissen, in dem Fall käme er ja auch mit weniger Pflegeleistungen aus.