Verbraucherschutz im Aargau
Schnaps aus dem Aargau hats in sich – wird er sauber genug gebrannt?

In Brennereien hat man Giftstoffe, falschen Alkoholgehalt und mangelnde Deklarationen gefunden. Bei einem fünftel der untersuchten Steinobstbrände wie Kirsch oder Zwetgschen überschritt der Urethangehalt den Grenzwert. Urethan gilt als krebserregend.

Urs Moser
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Gebrannte Wasser sind mit Bedacht zu geniessen, solche aus kleinen Brennereien erst recht.

Gebrannte Wasser sind mit Bedacht zu geniessen, solche aus kleinen Brennereien erst recht.

Keystone

Hochprozentiges ist sowieso mit Vernunft und in Massen zu geniessen. Aber wenn schon, dann kann es doch wieder einmal ein Kirsch oder Pflümli sein statt Grappa oder Whisky.

Der Ruf von Obstbauern und Schnapsbrennern nach mehr Heimatschutz ist den Politikern Befehl, mit Steuervergünstigungen und Finanzspritzen für das Marketing will die eidgenössische Alkoholverwaltung der Spirituosenbranche unter die Arme greifen.

Doch bei einem Blick in die Berichte des Aargauer Amts für Verbraucherschutz kann einem der Griff zur Flasche erst recht vergehen. Schon 2012 nahmen die Lebensmittelkontrolleure kleine und mittelständische Direktvermarkter im Kanton unter die Lupe: Von 33 Proben mussten sie nicht weniger als 30 beanstanden, also fast alle. Besonders bezüglich der gesetzlich erforderlichen Produktangaben habe sich ein «düsteres Bild» ergeben, so der Befund.

Da sich zeigte, dass die Brennereibetriebe den lebensmittelrechtlichen Anforderungen nicht die nötige Beachtung schenken, hatte man auch im vergangenen Jahr wieder ein Augenmerk auf sie. Die Beanstandungsquote ist bei 34 untersuchten Schnäpsen und Likören zwar von 91 auf 62 Prozent gesunken, ein gutes Zeugnis stellt der gestern erschienene Jahresbericht 2013 des Amts für Verbraucherschutz aber nach wie vor nicht aus.

Lebensmittelkontrolle Kebab frisch von der Baustelle

Von der Badewasserqualität über den Bleigehalt im Rehpfeffer bis zu allergenen Stoffen im Lippenstift: Das Amt für Verbraucherschutz prüft alles Mögliche.

2013 haben die Mitarbeiter des Lebensmittelinspektorats Kontrollen in über 3600 Betrieben durchgeführt und 1,3 Prozent der Betriebe mit der Risikostufe «hoch» beurteilt - was ein tiefer Wert ist.

Die Beanstandungen bewegten sich im Bereich der Vorjahre. Ungewöhnlich: Die Zustände waren in neun Betrieben so, dass grössere Mengen Lebensmittel beschlagnahmt wurden.

So stiessen die Kontrolleure auf eine Kebab-Produktion auf einer schmutzigen Baustelle. Wiederum gaben hohe Pestizidrückstände in asiatischen Früchten und Gemüsen zu denken. Ebenfalls nicht verbessert hat sich die Qualität vieler Kosmetikprodukte für Kinder. (mou)

Wiederum wurden bei über der Hälfte der getesteten Produkte «fehlende, täuschende und/oder mangelhafte Informationen» gerügt. Zu Vergleichszwecken nahmen die Kontrolleure auch Steinobstbrände aus spezialisierten Schweizer Grossbetrieben unter die Lupe. Mit einer Ausnahme betrafen alle Beanstandungen Produkte von Aargauer Brennereien und Direktvermarktern.

Die mangelhafte Deklaration ist das eine. Schlimmer wirds, wenn der Alkohol für seinen Konsumenten buchstäblich Gift ist. Bei immerhin fünf von 24 untersuchten Steinobstbränden (Kirsch, Zwetschgen, Pflümli, Mirabellen) überschritt der Urethangehalt mit 1,6 bis 3,4 mg/kg den gesetzlichen Grenzwert von 1 mg/kg deutlich.

Der Stoff bildet sich bei der Destillation aus den Steinen in der Obstmaische. Urethan gilt als krebserregend und genotoxisch (löst Änderungen im genetischen Material von Zellen aus). Die vorhandenen Warenmengen von den zu hoch getesteten Produkten wurden vom Amt für Verbraucherschutz beschlagnahmt.

Gebrannte Wasser aus dem Aargau haben es aber so oder so in sich. Bei acht von zehn Proben lag die Abweichung des effektiven von dem auf der Etikette deklarierten Alkoholgehalt ausserhalb der Toleranzgrenze, und zwar um bis zu plus 21,6 Volumenprozente.

Amt für Verbraucherschutz