Lenzburg
«Schlimm für Angehörige»: Opferhilfe kritisiert Gefängnisleiter wegen Aussagen über Thomas N.

Die Aussagen des Lenzburger Gefängnisleiters Bruno Graber sorgen für Kopfschütteln. Die Opferhilfe und Angehörige kritisieren, wie er über den Vierfachmörder Thomas N. gesprochen hat.

Noemi Lea Landolt
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Gefängnis-Leiter Bruno Graber erzählte im Fernsehen, dass ihm Thomas N. gesagt habe, er fände es fantastisch, wie nett man in Lenzburg zu ihm sei. (Montage)

Gefängnis-Leiter Bruno Graber erzählte im Fernsehen, dass ihm Thomas N. gesagt habe, er fände es fantastisch, wie nett man in Lenzburg zu ihm sei. (Montage)

Severin Bigler/Sandra Ardizzone/Marco Tancredi

Viele Zuschauerinnen und Zuschauer konnten nicht glauben, was sie gehört hatten. Im «Talk Täglich» auf Tele M1 erzählte Bruno Graber, der Chef des Zentralgefängnisses Lenzburg, der nach 36 Jahren in Pension geht, dass er regelmässig mit Thomas N. gesprochen habe. Er habe den Vierfachmörder zum Beispiel gefragt, wie es ihm gehe und dieser habe geantwortet, es sei «fantastisch», wie nett man hier zu ihm sei. Bruno Graber führte aus, man müsse darauf achten, dass es Straftätern den Umständen entsprechend gut gehe. Es sei wichtig, auch ihnen Wertschätzung entgegenzubringen. Die meisten Gefangenen kämen schliesslich irgendwann wieder auf freien Fuss, dann zahle sich das aus.

Diese Aussagen dürften bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern für Kopfschütteln gesorgt haben. Auch Georg Metger hat das Gespräch gesehen. Er war der Lebenspartner der ermordeten Carla Schauer. In einem Leserbrief an die AZ schreibt er: «Bruno Grabers zynische Worte wirken auf mich wie ein Faustschlag ins Gesicht der Angehörigen der Opfer, die immer noch verzweifelt versuchen, das Geschehene zu verarbeiten.» Den Angehörigen gehe es nicht «fantastisch» und «nicht mal den Umständen entsprechend gut», schreibt er und fragt, ob Bruno Graber auch so sprechen würde, wenn seine Familie «auf brutalste Art ausgelöscht worden wäre».

«Es bringt nichts, Leute, die eine solch schlimme Tat begangen haben, schlecht zu behandeln» – Ausschnitte aus dem «TalkTäglich» mit Bruno Graber:

Täter im Zentrum – und die Opfer?

Susanne Nielen, die Leiterin der Beratungsstelle Opferhilfe Aargau Solothurn, versteht Georg Metger sehr gut. Sie hat die Angehörigen der Rupperswil-Opfer eng begleitet – auch während des viertägigen Prozesses vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Sie sei von Angehörigen auf die Fernsehsendung und Bruno Grabers Aussagen aufmerksam gemacht worden.

«Für Angehörige ist es schlimm, wenn so verharmlosend über einen Täter gesprochen wird»: Susanne Nielen, Leiterin der Opferhilfe Aargau Solothurn.   

«Für Angehörige ist es schlimm, wenn so verharmlosend über einen Täter gesprochen wird»: Susanne Nielen, Leiterin der Opferhilfe Aargau Solothurn.   

Sandra Ardizzone

Es sei für Angehörige immer schwierig, wenn Täter eine Plattform bekämen, sagt Susanne Nielen. Sie stört, dass Bruno Graber während seines Auftritts überhaupt nicht an die Angehörigen der Opfer gedacht hat und ihr Leid mit keinem Wort erwähnt hat, obwohl Moderator Rolf Cavalli nachgebohrt hatte. «Ich hätte mir von Bruno Graber mehr Sensibilität gewünscht», sagt sie. «Für Angehörige ist es schlimm, wenn so verharmlosend über einen Täter gesprochen wird.»

Leid vergisst man nicht

Thomas N. habe unsägliches Leid verursacht. «Das haben Angehörige vier Jahre nach dem Mord nicht einfach vergessen. Das vergessen sie nie.» Umso schlimmer sei es, «wenn freundlich über Menschen gesprochen wird, die Schreckliches getan haben», sagt Susanne Nielen. Vorwürfe will sie dem Gefängnisleiter dennoch nicht machen. «Er hat es bestimmt nicht böse gemeint, hat aber einfach nicht weit genug gedacht.»

«Herr Graber hatte sich tatsächlich unglücklich ausgedrückt»: Marcel Ruf, Direktor der Justizvollzugsanstalt Lenzburg.    

«Herr Graber hatte sich tatsächlich unglücklich ausgedrückt»: Marcel Ruf, Direktor der Justizvollzugsanstalt Lenzburg.    

Chris Iseli

Auch im Gefängnis Lenzburg gab der Fernsehauftritt zu reden. Bruno Grabers Chef, Gefängnisdirektor Marcel Ruf, sagt auf Anfrage der AZ: «Herr Graber hatte sich tatsächlich unglücklich ausgedrückt.» Marcel Ruf stellt klar, die Mitarbeitenden würden alle Gefangenen so gut es geht immer gleich behandeln. «Dabei gewähren wir weder einen möglichst angenehmen noch einen möglichst unangenehmen, sondern einen gesetzeskonformen Vollzug.» Bruno Graber selber will nun mit Georg Metger Kontakt aufnehmen und ihn abseits der Öffentlichkeit einmal treffen, wie «Tele M1» berichtet.

Thomas N. nicht mehr in Lenzburg

Mit Thomas N. wird Bruno Graber nicht nur wegen seiner bevorstehenden Pensionierung nichts mehr zu tun haben. Der Vierfachmörder wurde 2017 – gut ein Jahr nach seiner Verhaftung – von Lenzburg in die Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf verlegt, wo er seine Strafe absitzt. Nur für die Dauer des erstinstanzlichen Prozesses war er noch einmal in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg untergebracht und wurde von dort aus von Polizisten zur Gerichtsverhandlung in Schafisheim gefahren.

Die Chancen, dass der heute 36-Jährige irgendwann wieder auf freien Fuss kommt, sind gering. Das Aargauer Obergericht hat im Dezember die vom Bezirksgericht ausgesprochene Verwahrung bestätigt. Das heisst, Thomas N. kommt erst raus, wenn von ihm keine Gefahr mehr ausgeht. Juristisch ist der Fall Rupperswil noch nicht abgeschlossen. Der Vierfachmörder hat das Urteil des Obergerichts ans Bundesgericht weitergezogen. Er kämpft für eine vollzugsbegleitende Therapie. Diese hatte ihm das Obergericht gestrichen.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute:

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.
46 Bilder
Als die Feuerwehr zu einem Brand in einem Haus an der Lenzhardstrasse ausrückt, können die Einsatzkräfte nicht ahnen, was auf sie zukommt.
In diesem Haus entdecken die Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen.
Wenig später nehmen Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit auf.
Zwei Tage nach den Morden teilt die Polizei mit: Bei den Opfern handelt es sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) ...
... sowie um die Freundin des älteres Sohnes, Simona (†21).
Rupperswil steht unter Schock. Vom Täter fehlt jede Spur.
Die Menschen im Dorf nehmen Anteil am Schicksal der Opfer: Zeichen der Anteilnahme vor dem Haus, in dem die Taten geschahen.
Viele Kerzen beim Haus der Opfer sind für diese angezündet.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnen dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs müssen rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
18. Februar 2016: Staatsanwaltschaft und Polizei informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz. Im Bild Staatsanwältin Barbara Loppacher und Kripo-Chef Markus Gisin.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Mit Flugblättern (in 7 Sprachen) sucht die Polizei nach Zeugen und Hinweisen.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt am Tattag um 9.51 Uhr Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind 9850 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt um 10.10 Uhr an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
April 2016: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst" macht Filmaufnahmen zum Mordfall von Rupperswil. Der Beitrag soll bald ausgestrahlt werden – doch dazu kommt es nicht mehr.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: "Der Täter ist gefasst. Es handelt sich um einen 33-jährigen Schweizer aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist."
Der Starbucks in Aarau: Hier nahm die Polizei Thomas N. fest.
Das ist er: Thomas N., neben dem Haus der Familie Schauer in Rupperswil. (Fotomontage)
Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N. zusammen mit seiner Mutter.
Bei Thomas N. zu Hause fand die Polizei diesen Rucksack samt Utensilien. Sie liessen befürchten, dass er eine nächste Tat bereits geplant hatte.
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird Thomas N. als amtliche Verteidigerin vor Gericht vertreten.
Thomas N. sitzt im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf in Haft.
Der Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg fand aus Platzgründen im Polizeigebäude in Schafisheim statt. 65 Medienschaffende und 35 Zuschauer verfolgten ihn.
Am 13. März 2018 begann der Prozess gegen den nun 34-jährigen Thomas N. vor dem Bezirksgericht Lenzburg.
Das Bezirksgericht Lenzburg: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Gerichtsschreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP) und Luca Cirigliano (SP).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten (rechts aussen).
Thomas N. (Mitte) neben seiner Verteidigierin Renate Senn, die 18 Jahre Freiheitsstrafe und eine ambulante vollzugsbegleitende Therapie forderte.
Brief-Ausschnitt: Thomas N. schrieb den Angehörigen einen Brief – aber ohne das Wort "Entschuldigung" zu verwenden. Während des Prozesses wurde dies bekannt.
Thomas N. vor Gericht. Er mied den Blick zu den Zuschauern. An den Prozess vor Obergericht wird er nicht erscheinen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (links) forderte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und eine lebenslängliche Verwahrung.
Thomas N. vor Gericht. Als Junge dachte er, er sei homosexuell. Später wurde ihm klar, dass er pädophil ist.
Der vierfache Mörder von Rupperswil AG (Bildmitte) soll verwahrt werden. Das Bezirksgericht Lenzburg verhängte eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und ordnete eine ordentliche Verwahrung an.
Das Urteil: Schuldig in allen Anklagepunkten, lebenslängliche Freiheitsstrafe, ordentliche Verwahrung, stationäre vollzugsbegleitende therapeutische Massnahme.
Gegen das Urteil erhob Thomas N. Berufung. Er wehrte sich gegen die ordentliche Verwahrung. Daraufhin erklärte auch die Staatsanwaltschaft Anschlussberufung: Sie fordert erneut eine lebenslange Verwahrung für den Vierfachmörder.
Am 13. Dezember kam es zum Prozess vor dem Aargauer Obergericht. Dieses entschied, dass der Vierfachmörder von Rupperswil ordentlich verwahrt wird, aber keine ambulante Massnahme (Therapie) erhält.
Thomas N. wohnte der Berufungsverhandlung nicht bei. Sein Gesuch, in dem er darum bat, von den Gerichtsverhandlungen dispensiert zu werden, wurde gutgeheissen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher ist zufrieden mit dem Urteil des Obergerichts.
Vierfachmörder Thomas N. und seine Verteidigerin Renate Senn beim Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg.

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis zum Urteil: Am 21. Dezember 2015 wird Rupperswil zum Schauplatz eines der grausamsten Mordfälle in der Schweizer Kriminalgeschichte.

SEVERIN BIGLER