Ein Bauer vernachlässigt seine Tiere – das macht Schlagzeilen und sorgt für berechtigte Empörung. Wie aber kam es so weit? Burnout trifft auch Landwirtinnen und Landwirte – sogar häufiger als den Durchschnitt der übrigen Bevölkerung. Dies hat eine Studie von Agroscope und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ergeben. Die Betroffenen leiden unter vielfältigen Symptomen, sicher aber unter sehr starker und langandauernder Erschöpfung. Die Entwicklung verläuft meist schleichend und lange unbemerkt – man spricht von einer Burnout-Spirale.

Der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) nimmt die Situation nicht auf die leichte Schulter – und reagiert im Internet mit einer Plattform für Vermittlung von Hilfe und Unterstützung. Aufgeschaltet sind Porträts ausgewiesener Coaches – Mediatorinnen oder Rechtsanwältinnen. Allen ist gemein, dass sie ausgebildete Agronomen sind und die Landwirtschaft aus eigener Erfahrung sehr gut kennen.

Bäuerin hilft Bauernfamilien

Einer dieser Coaches ist Nicole Amrein, die am Zofinger Niklaus-Thut-Platz ein Beratungsunternehmen führt. Die studierte Agronomin hilft Landwirten bei Hofübergaben, entwickelt Betriebskonzepte und steht ihnen in Krisen bei. Bevor sie sich selbstständig gemacht hat, arbeitete Amrein – die auch Betriebswirtschafterin ist – am Aargauer Landwirtschaftszentrum auf der Liebegg als Lehrerin und Beraterin. Spezialgebiet: «Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion». In dieser Zeit ist sie vielen Bauernfamilien begegnet, bei denen sich ein Burnout abzeichnete, die überlastet waren und resignierten.

Der Mensch im Zentrum

Sie spricht von Bauern, die täglich einen Verlust erwirtschaften – wegen vermeintlich fehlender Alternativen aber dennoch nichts verändern. Ihnen hilft Amrein als bäuerliche Fachberaterin. Wie den Hof und die Arbeit strukturieren? Die Milchwirtschaft zugunsten einer Muttertierhaltung aufgeben? Würde eine Direktvermarktung, beispielsweise ein Hofladen, Sinn machen? Nicht überall, der Betrieb muss für die Konsumentinnen und Konsumenten am «Weg» liegen. Eine Analyse tut not. Den Betrieb in die eigene Hand nehmen, lautet Nicole Amreins Botschaft.

«Es geht mir um die Menschen», sagt sie und spricht die vielen zwischenmenschliche Probleme an, die sich auf einem Landwirtschaftsbetrieb ergeben können – Ehe-, aber auch Generationenkonflikte. So ist sie auch zur Expertin im bäuerlichen Bodenrecht und für Hofübergaben geworden. «Lösungsorientiert bringe ich Sie weiter: als Person, im Zusammenleben mit Ihren Mitmenschen und in der Betriebsführung», schreibt sie auf ihrer Website. Frauen und Landwirtschaft: Amrein hat sich auch in der Paar-Beratung weitergebildet.

Der Zufall will es: Morgen ist internationaler «Tag der Frauen in ländlichen Gebieten». Krass, was Frauen in Entwicklungsländern tagtäglich leisten müssen. Und in der Schweiz? Dazu der Bäuerinnen- und Landfrauenverband: «Bei uns erledigen Frauen 36 Prozent der in der Landwirtschaft anfallenden Arbeit. Aber nur 1,8 Prozent sind als Betriebsleiterinnen oder Eigentümerinnen registriert.» Oft arbeiten Bäuerinnen in der Schweiz ihr Leben lang auf den Betrieben, die ihren Männern gehören. Selten mit einem in Franken ausbezahlten Lohn, der diesen Namen verdient. «Dementsprechend mager sind Altersvorsorge und soziale Absicherung.» Dies kritisiert auch Amrein. Für sie ist ein Bauernbetrieb eine gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Mann und Frau.