Wallach Latino

Schlechte Tierhaltung: «Besitzer realisieren nicht, wie ihnen die Situation über den Kopf wächst»

Wallach Latinos Schicksal ist kein Einzelfall: 2016 wurden insgesamt 56 Tiere beschlagnahmt. Laut Kantonstierärztin Erika Wunderlin werden Besitzer vom hohen zeitlichen Aufwand überrascht. Auch die Haltungskosten übersteigen oft die finanziellen Mittel.

Die lange Leidensgeschichte des Wallachs Latino hat keine bleibenden Schäden hinterlassen: Ganze 350 Kilogramm hat er seit seiner Beschlagnahmung zugenommen. Mittlerweile kann er sogar wieder leicht geritten werden. 

Viele az-Leser hat Latinos Schicksal tief berührt. Vor allem in einem Punkt sind sie sich einig: Was für eine Person lässt sein Tier derart verwahrlosen? «Die Vorbesitzerin war nicht immer schlecht zu ihrem Ross, sie hat ihm jahrelang sehr gut geschaut», sagt Silvia Gmür von der Meldestellte des Aargauischen Tierschutzverein. Gegenüber Tele M1 nimmt sie die Frau in Schutz: Sie sei von privaten Problemen eingeholt worden, die sowohl in finanziellen wie auch psychischen Schwierigkeiten mündeten.

Happy End für Pferd „Latino“

Happy End für Pferd „Latino“

Letzten Sommer wurde der Wallach vom Amtstierarzt beschlagnahmt, weil ihn seine Besitzerin vernachlässigt hatte. Wie steht es nun um das Pferd?

Den Eigentümern des Tannenhofs in Tennwil, wo Latino im vergangenen Jahr untergestellt war, schuldet sie immer noch rund 15'000 Franken. Ihre Probleme führten laut Gmür dazu, dass sie die Realität ausblendete. «Sie hat nicht gesehen, dass es dem Ross so schlecht geht.»

Schlechte Tierhaltung bedeutet nicht Tierquälerei

Ein Phänomen, welches das Veterinäramt regelmässig beobachtet, sagt Kantonstierärztin Erika Wunderlin in der Sendung «Fokus». «Nicht alle Besitzer, die Tiere schlecht halten, sind Tierquäler.» Im Gegenteil: Die Besitzer würden in vielen Fällen beteuern, wie sehr ihnen das Tier am Herzen liege und sich nicht von ihm trennen wollen. «Sie realisieren nicht, wie ihnen die Situation über den Kopf wächst.»

Im vergangenen Jahr musste das Veterinäramt 56 Tiere beschlagnahmen. «Ich glaube, der Hauptgrund ist, dass sich Menschen nicht vorstellen können, was für einen Aufwand ein Tier bedeutet», erklärt Wunderlin. So sei die Haltung eines Tieres mit hohen Kosten verbunden – vielen Besitzern fehle es jedoch am nötigen Kleingeld, um ihr Tier richtig versorgen zu können. Dies besonders dann, wenn medizinische Probleme auftauchen und ein Tierarzt zum Einsatz komme.

Vernachlässigte Tiere

Vernachlässigte Tiere

Immer wieder werden Tiere nicht fachgerecht gehalten. Wie kann es dazu kommen? Erika Wunderlin, Aargauer Kantonstierärztin, über solche Fälle.

Monatlich 400 bis 600 Franken

Besonders bei einem grossen Tier wie Wallach Latino müssen Besitzer mit Ausgaben von mehreren hundert Franken pro Monat rechnen. Da die wenigsten Besitzer über einen eigenen Stall verfügen, geben sie ihr Pferd in Pension – das kostet zusätzlich. Wunderlin schätzt die Kosten auf monatlich 400 bis 600 Franken. 

Im Vergleich dazu ist die Haltung von Hunden und Katzen um einiges günstiger: «Ein Hund kostet über den Daumen gepeilt einen Fünfliber pro Tag – mindestens», schätzt Wunderlin. Diese Kosten können jedoch ebenfalls ansteigen, sobald die Halter ihr Tier während den Ferien im Tierheim unterbringen oder das Tier unter komplizierten medizinischen Problemen leidet. 

Immerhin: Nur in seltenen Fällen trägt ein Tier, das schlecht behandelt wurde, bleibende Schäden davon. Bei einer entsprechend guten Haltung und Pflege erholen sich die meisten wieder. (sam)

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