Fast schadenfroh flimmert sie über den Bildschirm, die Liste der Schweizer Gemeinden, welche die beste Lebensqualität bieten sollen. Auf den obersten Rängen findet sich kaum Abwechslung: Kanton Luzern, Zürich, Zürich, Zug, nochmals Zürich. Dort muss das Leben wunderbar sein, besser, als in den hiesigen Gemeinden. Oberwil-Lieli schafft es als erste Aargauer Gemeinde ins Rating, sie landet auf Platz 11 – kein schlechtes Resultat. Doch bis zum nächsten Eintrag muss der hoffende Aargauer lange scrollen. Es folgen mehrere Dutzend Plätze, erneut besetzt von Zürcher und Zuger Gemeinden, nur wenige Ausnahmen sind dabei. 

Und dann taucht sie auf, die zentral in der Deutschschweiz gelegene Gartenstadt Aarau. Auf Rang 76 (letztes Jahr: 191). Eine Stadt mit kulturellem Angebot, eine Stadt mit Charme, umgeben von Natur. Mit ruhigen Wohnquartieren und urbanen Altstadtvierteln. Mit Bars und Cafés an der Aare und Grünflächen in der Innenstadt. Wie kann eine Stadt wie diese so schlecht abschneiden? Ist die Lebensqualität in Aarau tatsächlich so tief?

Jein. Denn wichtig ist, wie Lebensqualität beurteilt wird. Und die Weltwoche hat bei ihrer Definition sieben klare Kriterien:

  1. Wohnen (z.B. Immobilienpreise, Wohnbautätigkeit, Leerwohnungsziffer)
  2. Arbeitsmarkt (Arbeitslosenquote, Firmenneugründungen, Beschäftigte im Dienstleistungssektor)
  3. Bevölkerung (Sozialhilfeempfänger, Jugendanteil, Bevölkerungswachstum)
  4. Steuerbelastung (Für Singles, Familien und Senioren)
  5. Erreichbarkeit (Reisezeit mit Mitteln des öffentlichen Verkehrs und/oder Auto zum nächsten Zentrum und zur nächsten Grossstadt)
  6. Versorgung (Anzahl Ärzte, Spitäler, Schulen, Einkaufszentren, Lebensmittelläden, Freizeit und Kulturangebote)
  7. Sicherheit (Straftaten gegen das Strafgesetzbuch, Betäubungsmittel- und Ausländergesetz)

Steuerparadiese wie die Gemeinden im Kanton Zug haben es also schon im Voraus leichter, höhere Ränge zu ergattern. Die Steuerbelastung ist denn auch einer der Gründe, welche die Stadt Aarau einen besseren Rang gekostet haben. Denn bei den Steuern befindet sie sich auf Platz 234 von den 921 ausgewerteten Gemeinden. Am schlechtesten schneidet Aarau mit Platz 679 (Vorjahr 908) in der Sicherheit ab, gefolgt von der Bevölkerungsstruktur (489), dem Arbeitsmarkt (200) und dem Wohnen (105). Ein besseres Resultat gibt es bei der Erreichbarkeit (Rang 83). Diese Zahlen weisen eigentlich darauf hin, dass Aarau einen noch schlechteren Platz belegen sollte. Trotzdem auf einem zweistelligen Rang landen konnte die Stadt nur wegen der Versorgung: Von allen 921 Gemeinden ist sie dort auf dem ersten Platz. 

Es zeigt sich also: Kultur, Freizeit und Gesundheit sind in Aarau qualitativ hochstehend. Die Kriterien, welche die Stadt auf einen schlechteren Rang bringen, sind eher finanzieller Natur.

Den restlichen Aargauer Gemeinden zieht oft die Erreichbarkeit einen Strich durch die Rechnung. Denn nicht in der Nähe einer Grossstadt zu liegen senkt die Lebensqualität nach Definition der Weltwoche um einiges.

So finden sich sehr viele Aargauer Gemeinden um den 350. Rang und zwischen dem 500. und dem 700. Platz. Die Schlusslichter: Menziken schneidet auf dem 883. Rang (letztes Jahr: 867) am schlechtesten ab, Murgenthal und Brittnau sollen ebenfalls keine hohe Lebensqualität bieten. Wohnen, Arbeitsmarkt und Bevölkerungsstruktur sind hauptsächlich dafür verantwortlich. 

Es ist unbestritten, dass einige Aargauer Gemeinden in abgelegenen Gebieten liegen, dass andere nicht viele Arbeitsplätze bieten und die Wohnbautätigkeit vielerorts tief ist. Besonders, wenn sie mit Zürcher oder Zuger Gemeinden und Grossstädten verglichen werden. Ob die Lebensqualität im Aargau deshalb wirklich tiefer ist als in anderen Kantonen, ist hingegen fraglich.