Frau Meier, hat Sie der starke Anstieg an Sozialhilfebeziehenden um 5,5 Prozent überrascht? Worauf führen Sie den Anstieg zurück?

Nein, die Statistik bestätigt unsere Beobachtungen. Für ältere Personen bietet der Arbeitsmarkt zu wenige Stellen. Ebenso wirkt sich eine restriktivere Praxis der Invalidenversicherung negativ auf die Entwicklung der Sozialhilfequote aus. Der Bund erstattet die Kosten bei Flüchtlingen nur für eine bestimmte Zeit. Das erklärt den Anstieg von Personen wie zum Beispiel aus Afrika, welche jetzt in der ordentlichen Sozialhilfestatistik erfasst werden. Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren weiter verstärken.

Welche Bedeutung hat der Wegfall von einfacheren Tätigkeiten für schlecht Ausgebildete? Gibt es effektiv weniger solche Jobs als früher?

Schlecht ausgebildete Personen sind besonders stark betroffen von der Arbeitsmarktentwicklung. Sind diese Personen über 45 Jahre wird die Stellensuche fast aussichtslos. Im Arbeitsmarkt sind heute nur noch sehr wenige Nischenarbeitsplätze zu finden, diese werden stetig wegrationalisiert. Ausserdem steigen die Anforderungen der Ausbildungen stetig. Gleichzeitig gibt es aber immer noch Real- und SekudarschülerInnen, welche auch gerne Ausbildungsplätze hätten, den Anforderungen der Ausbildungen aber nicht entsprechen. Hier wird die Schere künftig  immer weiter aufgehen.

Was sind die Gründe für den starken Anstieg von Bezügern bei den 46- bis 64-jährigen? Sind da auch immer mehr gut Ausgebildete dabei, die keine Stelle mehr finden?

Auf dem Arbeitsmarkt werden Personen ab 45 Jahren bereits als "alt" gehandelt. Die Einstellung von Personen ab 45 Jahren ist für Arbeitgeber "teurer" als die Anstellung von jüngeren Personen. In der Sozialhilfe stellen wir keinen Trend der gut ausgebildeten fest. Diese finden oft individuelle Lösungen wie z.B. Frühpensionierungen, selbstständige Arbeit etc.

Warum sind – zum Glück – so wenig Pensionierte auf Sozialhilfe angewiesen? Trägt hier das Drei-Säulen-Prinzip noch, reichen Ergänzungsleistungen oder melden sich viele Bezugsberechtigte gar nicht?

Personen im AHV Alter haben bei Bedarf Anspruch auf Ergänzungsleistungen und müssen daher nicht mit Sozialhilfe unterstützt werden. Nur dank diesen Leistungen kann das Drei-Säulen-Prinzip aufrecht erhalten werden. Eine gut funktionierende Altersvorsorge ist für die Entwicklung der Kosten in der Sozialhilfe sehr wichtig.

Es lässt sich in der Sozialhilfe jedoch die Tendenz erkennen, dass Personen im Pflegeheim wieder Sozialhilfe beanspruchen müssen, da in diesem Lebensabschnitt die EL doch nicht ausreicht.

Warum ist der Anteil Ausländer in der Sozialhilfe doppelt so hoch wie ihr Bevölkerungsanteil?

Nicht die Eigenschaft als "Ausländer" dieser Personen ist entscheidend!

Personen, welche schlecht integriert, schlecht oder mangelhaft ausgebildet sind,  sind per se stärker von Sozialhilfe betroffen. Dies gilt namentlich auch für Schweizerinnen und Schweizer.

Allerdings sind Ausländerinnen und Ausländer in der Gruppe der schlecht integrierten / nicht qualifizierten Personen und damit "automatisch" auch der Gruppe von Sozialhilfe beanspruchenden Menschen übervertreten. Also: mangelnde Kompetenzen und allenfalls Sprachprobleme - nicht die Nationalität – ist das Problem. 

Wir bedauern, dass der Bund den Gemeinden zwar immer mehr Flüchtlinge zuweisen, aber nicht bereit sind, in viel grösserem Mass als heute Mittel zu deren Integration zur Verfügung zu stellen. Dies kommt unsere Gesellschaft langfristig teuer zu stehen.

Wie schätzen Sie die Solidarität unter den Gemeinden ein? Man hört immer wieder, dass einzelne Gemeinden Sozialhilfebezügern das Zügeln empfehlen, weil man andernorts günstiger wohnen könne.

Mit den allermeisten Gemeinden arbeiten wir gut zusammen. Häufige Wohnortswechsel in Verbindung mit Sozialhilfebezug gibt es gemäss der BFS Statistik wenn überhaupt, nur bei einem kleinen Teil der unterstützten Personen. Natürlich gibt es auch hier schwarze Schafe.

Wie gross ist das Problem von Working Poor, also von Leuten, die arbeiten, denen das Einkommen aber trotzdem nicht reicht?

Da die Bedarfsrechnung in der Sozialhilfe sehr tief ist (und nach der jüngsten Revision der SPV gerade für Familien noch deutlich reduziert wird), kennen wir z.B. in Aarau fast keine Working Poor. Wir sind aber überzeugt, dass zahlreiche Familien über ein tiefes Einkommen verfügen, welches gerade ganz knapp über unserer Bedarfsrechnung liegt. Dies sind Working Poor, welche bei der Sozialhilfe nicht aktenkundig werden. Familien, welche jahrelang auf einem Level leben müssen, welche in etwa den Ansätzen der Sozialhilfe entspricht, sind – besonders mit Blick auf die Kinder – ein grosses gesellschaftliches Problem, das die Sozialhilfe nicht lösen kann.