As time goes by … da ist die Monika Martin doch tatsächlich 54, setzt der Bernhard Brink doch glatt noch 10 Jahre obendrauf und haben die «Amigos»-Brüder Ulrich vor einem respektive drei Jahren das Rentenalter erreicht. Diese «Grauen Showbiz-Panther» standen am Donnerstag ebenso auf der Heiteren-Bühne wie junger Nachwuchs. Gegen 8000 Besucher hat die generationenübergreifende Vielfalt der Künstlerinnen und Künstler ans 17. Volksschlager Open Air gelockt – so viele wie auch schon in den letzten Jahren. Mit einem Wort: ausverkauft!

Neu ist, dass immer mehr «Habitués» mit Klapp-Fauteuils bewaffnet anreisen. Die Reih’ um Reihe aufgepflanzten Sitze werden teilweise zur Herausforderung für die Stehplatzbesucher, von denen viele sich als Alternative fürs Anlehnen an eines der zahlreichen kleinen, runden Bartischchen entscheiden. Da lassen sich denn auch recht bequem Hunger und Durst stillen. Tatsache ist, dass es sich mit geölter Kehle nicht nur besonders gut singen lässt, sondern dass auch das Zuhören noch mehr Spass macht. Allerdings nur, wenn sich keine Magenknurr-Geräusche dazugesellen.

Fahnen und Fähnchen

Ohne die Bedeutung des Konzertes schmälern zu wollen: Essen und Trinken nehmen jeweils eine sehr zentrale Rolle am Volksschlager Open Air ein. Ob italienisch, mexikanisch, chinesisch, gut-eidgenössisch – ob Eichhof, Rivella oder Caipirinha: Die Öfen und Grills glühen, die Kühlschränke laufen auf Hochtouren, und je später der Abend, desto mehr «Fahnen» sind zu riechen. Nebst diesen gab es diverse an lange Stangen montierte Fähnchen, die über Stunden hinweg von nimmermüden Fans geschwenkt wurden: blau-weisse Rauten für Bayern, Rot-Weiss-Rot für Österreich und Schweizerkreuze über Abertausenden von Köpfen erinnerten an Bilder von längst geschlagenen Schlachten.

Aber nein doch! Am Volksschlager Open Air auf dem Heitern geht’s – nomen est omen – heiter zu. Hier wird mitnichten gekämpft, wohl aber gibt es Sieger – Sieger in der Gunst der Besucher.

«Jodelzirkus» zum Jubiläum

Nummer 1 waren heuer ganz klar Oesch’s die Dritten. Als sie nach der Pause ins Rampenlicht traten, streifte das Publikum seine bis dahin überraschende Zurückhaltung schlagartig ab: Melanie braucht keine fünf Töne und keine drei Worte, um begeisterten Applaus zu ernten. Mit der ihr eigenen Natürlichkeit und ihrem Können vertritt sie, zusammen mit ihrer Familie, das unverfälschte, mitreissende Schweizer Volksschlager-Gut. Und das seit bald 20 Jahren: 2017 stehen eine grosse Jubiläumstournee sowie die Veröffentlichung des Deluxe-Albums «Jodelzirkus» inklusive DVD an. Aus «Jodelzirkus», der als Studioalbum bereits im kommenden Oktober erscheint, gaben die Oesch’s eine überzeugende Kostprobe. Aber auch die «zwöi rehbruni Ouge» rissen das Publikum einmal mehr schlichtweg von den Bänken und Klapp-Fauteuils.

Senioren sind Nummer 1

An Fans fehlt es auf dem Heitern jeweils auch nicht für die «Amigos». Deren aktuelles Album «Wie ein Feuerwerk» hat jüngst nicht nur hierzulande auf Anhieb Platz 1 erobert, sondern ebenso in den deutschen und österreichischen Charts. Dem Bernd und dem Karl-Heinz – in weissen Hosen und roten Hemden, was durchaus als Hommage an die Schweiz aufgefasst werden darf – flogen unterm heitern Himmel die Herzen des Publikums fast schon in Überschallgeschwindigkeit zu. Bernhard Brink seinerseits – deutscher Schlagersänger der alten Garde mit Berliner Schnauze und rauchiger Stimme – verwandelte mit Temperament und rassigen Liedern den lauschigen Platz beinahe in einen Hexenkessel.

Senn statt Ruefer

Mein persönlicher Sieger war der «Überraschungsgast»: Der Jazz- und Blues-Pianist Elias Bernet aus St. Gallen gab zusammen mit Hackbrett-Tausendsassa Nicolas Senn kurze, mitreissende Einlage mit «Quöllfrisch», einem Medley, sowie, in horrendem Tempo vorgetragen, dem «Circus Renz». Volksmusik, so meisterlich jazzig aufbereitet, heizte bei den zunehmend sinkenden Temperaturen nicht nur ein – sie elektrisierte geradezu. Jedenfalls mich.

Primär war Nicolas Senn für den an Olympia in Rio weilenden Sascha Ruefer eingesprungen. Senn löste die Aufgabe gut und gewissenhaft, aber auch etwas steif. Es ist auch nicht einfach, an die Stelle von Ruefer zu treten, der mit seinen alljährlich wiederkehrenden Sprüchen und dem «Vogellisi» für die Volksschlager-Fans längst zum festen Heitere-Bestandteil geworden ist.

Nebst den absoluten Lieblingen gewannen auch «öise» Stefan Roos, die junge deutsche Schlager-Boygroup «Feuerherz», die jungen Zillertaler sowie Marc Pircher & Band die Gunst des Publikums.