Evelyn Reimann leidet unter Elektrosensibilität und kann kaum noch schlafen. Sie führt dies unter anderem auf die technologische Aufrüstung der Kupferkabel in ihrem Haus durch Swisscom zurück. Das Unternehmen bestreitet vehement, dass die Strahlung durch das sogenannte Vectoring die gesundheitlichen Probleme der Tochter von SVP-Nationalrat Maximilian Reimann auslöst.

Die AZ hat vergangene Woche über den Fall berichtet. Nun entwickelt sich die Auseinandersetzung zum Schlagabtausch zwischen Reimann und der Swisscom. Die Firma hatte festgehalten, die Strahlung der Internetleitung betrage in Reimanns Haus maximal 0,1 Promille des Immissionsgrenzwertes.

Streit um Grenzwerte

Loris Fabrizio Mainardi, der Rechtsvertreter von Evelyn Reimann, hält fest, die Grenzwerte der Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISV) seien hier rechtlich nicht anwendbar. Swisscom-Sprecherin Sabrina Hubacher entgegnet, kabelgebundene Anlagen, also die Internetleitung bei Reimann, erzeugten sehr kleine Immissionen. «Die NISV schreibt für diese Infrastruktur keine vorsorglichen Anlagegrenzwerte vor, da die Immissionen aus technischen Gründen weit unter den gültigen Grenzwerten liegen.»

 

Die Immissionsgrenzwerte der Verordnung sollten aber auch von diesen Anlagen eingehalten werden, hält Hubacher fest. So werde – mit grosser Sicherheitsmarge – der Schutz vor nachgewiesenen thermischen Effekten gewährleistet.

Reimanns Anwalt betont derweil, eine Gesundheitsgefährdung seiner Mandantin müsse nicht nachgewiesen werden. Das Umweltschutzgesetz untersage nicht nur schädliche, sondern auch unnötige Immissionen, wenn es technologische Alternativen gebe. Swisscom-Sprecherin Hubacher hält fest, das Gesetz verlange, dass die Belastungen so weit reduziert würden, wie es technisch und betrieblich möglich und wirtschaftlich tragbar sei.

«Technologische Alternativen sind zwar vorhanden, aber deren Umsetzung ist äusserst zeitaufwendig und die von der Wirtschaft und Bevölkerung verlangte Breitbandversorgung ist nicht innert sinnvoller Zeit machbar, wenn nicht Technologien wie Vectoring eingesetzt werden.» Hubacher sagt, die Alternative wäre Glasfaser bis in die Häuser oder Wohnungen. Dies würde den Breitbandausbau aber um Jahrzehnte verzögern.

Swisscom: Nicht nachvollziehbar

Mainardi betont, die Störeinflüsse stammten nicht von der Vectoring-Strahlung allein, sondern entstünden in Wechselwirkung mit weiteren Elementen wie Bahnstrom und lokalen elektrotechnischen Gegebenheiten. Hubacher sagt, ein solches Zusammenwirken von Effekten sei aus Sicht von Swisscom nicht nachvollziehbar. Elektromagnetische Felder verschiedener Frequenzen würden sich ohne gegenseitige Wechselwirkung überlagern.

«Zudem teilen wir die Hypothese nicht, dass weit unterhalb der Immissionsgrenzwerte Vectoring-spezifische Effekte entstehen, die nur in Kombination mit der Situation auf der Liegenschaft Reimann auftreten sollen.» In einem weiteren Schritt daraus einen kausalen Zusammenhang zu den Beschwerden von Evelyn Reimann zu konstruieren, sei wissenschaftlich-technisch nicht nachvollziehbar.

Entscheiden muss im Fall Reimann letztlich der Kanton. Heiko Loretan von der Abteilung Umwelt sagt, man habe die Swisscom nach der Eingabe von Reimanns Anwalt aufgefordert, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Die Antwort des Unternehmens erwarte er in den nächsten Wochen, danach erhalte die Reimann-Seite die Möglichkeit, darauf zu antworten, schliesslich werde das Departement eine Verfügung erlassen. Wie diese ausfällt, ist völlig offen, weil das Verfahren noch läuft, kann sich Loretan nicht zu inhaltlichen Fragen äussern.