Zehntausende feierten im Juni 2014 am Argovia-Fäscht eine riesige Party. Doch die friedliche Stimmung kippte nachts um kurz vor drei Uhr. Ausserhalb des Festgeländes gerieten zwei Gruppen junger Männer aneinander. Ein falsch verstandener Spruch führte zu einer Schlägerei, an deren Ende drei Verletzte zurückbleiben. Als die Polizei eintraf, waren die Täter bereits verschwunden. Mit einem Zeugenaufruf suchte die Kantonspolizei nach Hinweisen. Die Rede war von «insgesamt zirka zwölf beteiligten Männern».

Einer, der zu Angreifern gehört haben soll, musste sich am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Brugg verantworten. Die Staatsanwaltschaft, die nicht am Prozess erschien, wirft dem jungen Mann vor, die Opfer mit einem Elektroschockgerät traktiert zu haben. Sie fordert einen Schuldspruch wegen Angriffs und Widerhandlung gegen das Waffengesetz, eine Busse von 1000 Franken sowie eine bedingte Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je 30 Franken. Dabei stützt sie sich primär auf die Aussagen der Opfer, zwei von ihnen seien sich «fast sicher» gewesen, dass der Beschuldigte sie mit dem Elektroschockgerät angegriffen habe – der eine schätzte die Wahrscheinlichkeit auf 70, der andere auf 90 Prozent.

«Ich war gar nicht am Tatort»

Der heute 22-Jährige bestritt, bei der Schlägerei vor Ort gewesen zu sein – und wiederholte dies am Prozess mehrmals. Vom Richter aufgefordert, seinen Besuch am Argovia-Fäscht zu schildern, erzählte er von seinem Kollegen, der zu viel getrunken habe, vom Essen und angetroffenen Bekannten. Ob er von der Schlägerei etwas mitbekommen habe? «Nein.» Die Antwort kam schnell. Angesprochen auf Aussagen, die im Widerspruch zu denen von anderen Befragten stünden, blieb er bei seiner Version und antwortete auf den Einwand, dass er am Tatort gesehen worden sei: «Das kann nicht sein, weil ich nicht da war.» Vor der Urteilsberatung sagte er: «Ich habe mit dieser Sache nichts zu tun. Das ist mein Schlusswort.» Die Frage, wer die übrigen Beteiligten der Schlägerei waren, konnte nie geklärt werden und blieb auch vor Gericht unbeantwortet.

Gehirnerschütterung, Nasenbeinbruch, Prellungen, Rissquetschwunden. Der Verteidiger las einige der Verletzungen vor, welche die drei Opfer bei der Schlägerei erlitten hatten und sagte: «Das ist erstellt, alles andere sind Behauptungen.»

Er forderte für seinen Mandanten einen Freispruch und kritisierte das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. In der Anklageschrift sei erstmals der Vorwurf aufgetaucht, dieser habe einen Elektroschocker eingesetzt, in den beiden Strafbefehlen davor sei davon nie die Rede gewesen. «Das wirkt ein wenig willkürlich», sagte der Anwalt.

Ausserdem seien die Opfer betrunken gewesen und die Identifizierung erst Tage nach dem Vorfall und über eine Liste von Bildern erfolgt, deren Herkunft unklar sei. Einer der Angegriffenen sagte aus, die Grösse des Beschuldigten stimme mit jener des Täters überein. Der Verteidiger bat seinen Mandanten, kurz aufzustehen. «Seine Körpergrösse von 1,77 Meter entspricht exakt dem statistischen Mittel», sagte er. Als Alleinstellungsmerkmal sei dies ungenügend. Mit Sicherheit habe keiner der drei Verletzten den Beschuldigten identifizieren können.

Lob und Kritik vom Richter

Der Gerichtspräsident fand lobende Worte für die Verteidigung («sehr treffend ausgeführt») und äusserte Kritik an der Staatsanwaltschaft («Voruntersuchung mangelhaft geführt»). Um den Beschuldigten verurteilen zu können, müsse seine Beteiligung an der Tat unzweifelhaft bewiesen sein, doch ein direkter Beweis fehle. «Niemand bezeichnete ihn direkt als Täter.»

Auch konnte weder das Elektroschockgerät gefunden noch bewiesen werden, dass er überhaupt ein solches besessen habe, sagte der Gerichtspräsident in der Urteilsbegründung. Ausserdem könne er nicht nachvollziehen, wieso alle anderen Verfahren eingestellt worden seien und der Beschuldigte sich als einziger vor dem Richter verantworten müsse. Nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» sprach das Bezirksgericht den jungen Mann frei.