Die Diskussion dauert noch nicht einmal fünf Minuten, als Bundesrätin Simonetta Sommaruga trotz Mikrofon von lauten Buh-Rufen aus dem Publikum übertönt wird. Rund 400 interessierte Zuhörer haben sich im Zentrum Bärenmatte in Suhr eingefunden, als Notlösung haben die Veranstalter spontan zusätzliche Stühle im Foyer aufgestellt.

Die Besucher sind überwiegend männlich und weisslichen Hauptes. Die Arme verschränkt, die Mundwinkel unzufrieden nach unten geformt. Die Stimmung im Saal ist bereits angespannt, bevor das Podium überhaupt angefangen hat. «Blick on Tour» hat an diesem Abend eingeladen, um sich eine Meinung zur sogenannt wichtigsten Abstimmung des Jahres zu bilden, der von der SVP lancierten Selbstbestimmungsinitiative.

Viele Besucher sind aber nicht gekommen, um sich eine Meinung zu bilden. Sondern um die ihre kundzutun. Als die Magistratin von «Blick»-Chefredaktor Christian Dorer auf der Bühne begrüsst worden war, hatte eine Minderheit im Saal zögerlich applaudiert. Doris Leuthard hätte sie noch gewarnt, sie gehe in die Höhle des Löwen, sagt Sommaruga und lächelt.

Soll das Schweizer Recht immer Vorrang haben vor internationalem Recht? Das war die Frage, die an diesem Abend hätte besprochen werden sollen. Wieso das Volk ihrer Meinung nach nicht immer das letzte Wort haben soll, fragt Christian Dorer die Bundesrätin, die die Initiative ablehnt. «Die Bevölkerung hat bei uns, wenn wir internationale Verträge abschliessen, immer das letzte Wort. Die Bevölkerung hat auch immer das letzte Wort, wenn man eine Volksinitiative umsetzt.» Gejohle aus dem Publikum ebnet den Weg für wütende Bürger. «Das stimmt nicht!», klingt es aus den hintersten Reihen. Moderator und Journalist Hannes Britschgi bittet die weiteren Podiumsteilnehmer zu Sommaruga auf die Bühne: Philipp Müller, FDP-Ständerat und Gegner der Initiative, Hans-Ueli Vogt, SVP-Nationalrat und Vater der Initiative, und Magdalena-Martullo-Blocher, SVP-Nationalrätin und Befürworterin der Initiative. «Das ist die einzige fähige Frau, die wir in der Politik haben!», ruft ein Mann in die Sitzreihe hinter ihm und klatscht demonstrativ in Richtung Journalisten.

Parteipolitik dominiert

Es gehe um die Frage, ob es tatsächlich noch so sei, dass die Bürgerinnen und Bürger das letzte Wort haben, sagt Hans-Ueli Vogt. Er hat Heimspiel und spielt gleich die Trumpfkarte der SVP: «Wir haben die Ausschaffungsinitiative angenommen, und was passiert? Einer aus Deutschland, der auf der Strasse Leute verprügelt, kann nicht ausgeschafft werden, weil er sich absurderweise auf die Personenfreizügigkeit berufen kann.» Vogt spricht den ganzen Abend mit lauter Stimme und mahnender Faust. Ein lautes «Jawohl!» ertönt aus den hintersten Reihen. Das Beispiel mit dem kriminellen Ausländer heizt das Publikum auf. Die Diskussion um das Thema des Abends entgleitet. Stattdessen werden bald Masseneinwanderung und Ausschaffungen diskutiert.

Mittlerweile bilden sich in den Sitzreihen Spalten. Voneinander abgewendete Schultern, so weit es der Platz erlaubt. Die Besucher hatten sich am Anfang des Abends willkürlich in den Saal gesetzt, das Klatschen des Nachbarn hat aber die Lagerzugehörigkeit verraten.

«Geh nach Hause, Müller!»

Philipp Müller weist Magdalena Martullo-Blocher darauf hin, dass sie den Ist-Zustand der Schweiz beschreibe. Dass es der Schweiz wirtschaftlich gut gehe, weil sie die internationalen Verträge habe. Trotzige Antworten der SVP-Nationalrätin werden von einer perlentragenden Dame Mitte siebzig mit einem hysterischen Lachen und Klatschen goutiert. «Das kann ja nicht sein, ich stehe da und muss mir all diesen Mist anhören», sagt Müller enerviert. «Dann geh doch nach Hause, Müller!», ruft ein Besucher laut. Die Stimmung wird immer aggressiver. «Verdammte Schweinerei!», ruft ein weiterer Herr.

Philipp Müller verurteilt die heftigen Zwischenrufe, vor allem auch die gegen Bundesrätin Sommaruga: «Das ging teilweise unter die Gürtellinie», teilt er der AZ mit. Die Befürworter der Initiative hätten offensichtlich gut mobilisiert: «Entsprechend aufgeheizt und einseitig war denn auch die Atmosphäre im Saal.» Besonders ein Mann in der zweiten Reihe habe nicht zitierfähige Obszönitäten und Beschimpfungen in seine Richtung gerufen. «Ich habe ihn ausfindig gemacht, und ich werde ihn anschreiben.» Von einer Anzeige sieht er ab. Trotzdem werde er wieder an solchen Podien teilnehmen: «Ich würde diesen Besucher beim nächsten Mal auf die Bühne bitten, damit er das ins Mikrofon sagen kann.»

Fragerunde entgleitet

Hannes Britschgi startet die Fragerunde. Ein Besucher wird während seiner Wortmeldung immer lauter. Ob es der Bundesrätin bewusst sei, was für ein Filz im Europarat stattfinde, was für eine Diktatur wir hätten. Wir hätten bereits 10 Jahre eine Nullzinspolitik von Mario Draghi. «Merken Sie das nicht?» Es werde Ende November nicht über Filz abgestimmt, entgegnet sie: «Die Initiative sagt, dass die Schweiz, wenn es einen Widerspruch gibt ...» Sommaruga wird unterbrochen durch einen Mann, der demonstrativ über die vorderste Reihe den Saal verlässt und sie verächtlich anschaut. Gelächter. «Sie sind eine Lügnerin!», ruft es aus den hinteren Reihen. «Wir sind in einer demokratischen Diskussion, habt Respekt füreinander», sagt Hannes Britschgi im Versuch, das Publikum zu besänftigen.

Das Podium ist vorbei und während die Sprecher im Saal noch Interviews geben, tunken die Besucher im Foyer ihre Bratwurst in Senf und diskutieren weiter. Das Thema Fremdenfeindlichkeit dominiert: «Frau Sommaruga sollte mal an den Bahnhof Aarau kommen, dann sieht sie, was sie angerichtet hat! Die Muslime lernen zu rauchen und zu trinken und gehen den Frauen nach», sagt ein Mann, schätzungsweise Mitte siebzig. «Die Grenzen müssen kontrolliert werden!», sagt weiter ein grossgewachsener Herr zu einer Frau.

«Ich habe in den Saal gerufen, weil Britschgi mir das Mikrofon weggenommen hat», erzählt ein Mann in einer Dreiergruppe stolz.

Sommarugas Personenschützer begleiten sie aus dem Saal. Immer wieder wird sie angesprochen: «Gehen Sie nachlesen», rät sie einem Herrn, der sie mit scharfem Blick kritisiert. Von Angesicht zu Angesicht. Man hat das Gefühl, dass die meisten an diesem Abend vor allem deswegen gekommen sind.