Dieter Egli ist ein leiser Mensch. Keiner, der sich in den Vordergrund drängt. Aber er kann auch ganz schön laut werden und heftig argumentieren. Zum Beispiel während der Budgetdebatte im Grossen Rat. Wenn er sich gegen den Leistungsabbau zulasten der Schwächsten wehrt. «Manchmal bin ich schon eine Rampensau», sagt der 47-jährige Co-Fraktionschef der SP. «Wenn die rechte Ratshälfte auf einen Nachtwächterstaat hinsteuert, der gesellschaftliche Solidarität negiert, der alles dem Markt überlässt und sich nicht in wirtschaftliche Fragen einmischt, dann werde ich heftig und laut und durchaus auch emotional.»

Ihn ärgert die permanente Spardiskussion. «Man müsste sie gar nicht führen. Wir könnten die Steuern gezielt leicht erhöhen. Das würde kaum jemandem wehtun», erklärt Egli. Der Kanton sei gut aufgestellt, biete seinen Bürgerinnen und Bürgern viel. Und diese Leistungen müssten auch bezahlt werden. «‹Was kostet es?› ist meistens die erste Frage in der Politik und nicht: ‹Was bringt es uns?›» kritisiert Egli. In einer Zeit, in der das Sparen das politische Handeln präge, seien auch gar keine grossen Würfe mehr möglich. «Es getraut sich ja gar niemand mehr, neue Projekte zu lancieren». So sei es kein Zufall, dass in letzter Zeit immer wieder Grossratssitzungen mangels Geschäften ausgefallen sind.

Der Schauspieler

Dieter Egli spielt gern Theater. Seit vielen Jahren gehört er zum Ensemble der Aarauer Truppe «GaukeLaien»; er spielt auch immer wieder in freien Produktionen mit, aktuell laufen die Proben zum Reformationsspiel «Quasimodo» von Claudia Storz, das am 17. Januar in der Stadtkirche Aarau Premiere feiert. Wenn Dieter Egli sich als «Rampensau» bezeichnet, weiss er genau, wovon er spricht. «Ja, ich debattiere gern, ich kann recht gut Krach machen, wenn es nötig ist.» Entsprechend variiert er die Tonalität seine Voten virtuos und ganz nach Bedarf in der Bandbreite zwischen «ziemlich langweilig» und «Feuer im Dach», erklärt er, je nachdem, was die Situation erfordere. Doch die Auftritte als politischer Einzeldarsteller sind die Ausnahme. «Ich bin ein Teamplayer», sagt Egli. «Ich kann mich recht gut zurücknehmen.»

So bezeichnet er es als eine seiner Stärken, dass er als Kommunikationsprofi es auch in der politischen Arbeit versteht, die richtigen Leute für einen Einsatz zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu motivieren. Der Ausdruck «Strippenzieher» gefällt ihm nicht; «Dramaturg» schon eher.
Dieter Egli leistet sich die Politik. Seit Jahren arbeitet er zu 80 Prozent in der Kommunikation verschiedener Unternehmen und Organisationen. Aktuell leitet er die Kommunikation Schweiz der Gewerkschaft Syna. Ein Tag pro Woche gehört der politischen Arbeit für die SP Aargau im Grossen Rat, in den Kommissionen, an der Basis. Die finanzielle Entschädigung dafür ist höchstens symbolischer Art.

Egli verzichtet also auf 20 Prozent seines Lohns, um politisieren zu können. «Das habe ich mir noch gar nie so überlegt», sagt er; Politik sei, so gesehen, schon ein teures Hobby. Aber das sei es ihm auch wert. «Ich bin gerne Politiker», erklärt Egli. Ihm gefällt die politische Alltagsarbeit.

«Auch eine zehnstündige Kommissionsdiskussion kann durchaus ihren Reiz haben», sagt Egli. Als Motivation für die politische Arbeit nennt Egli die Lust, sich gesellschaftlich einzubringen. Die Gewissheit, dass man gemeinsam etwas bewirken kann. «Es interessiert mich, den Bürgerinnen und Bürgern auch Themen näher zu bringen, die auf den ersten Blick belanglos oder gar langweilen erscheinen.»

Der Hauptmann

Seine thematischen Schwerpunkte sind Finanz- und Wirtschaftspolitik, dazu auch Sicherheitspolitik. Für einen Soziologen und Kunsthistoriker sind das doch eher ungewöhnliche Felder. «Das kommt daher, dass ich in der SP viele Themen bearbeite, die zwar wichtig sind, aber nicht besonders beliebt. Als ehemaliger Hauptmann habe ich zudem einen militärischen Hintergrund. Also lag Sicherheitspolitik nahe. Seither bin ich bei der SP Spezialist für alles, was mit Uniformen zu tun hat.» So präsidierte Egli 2005 bis 2009 die grossrätliche Kommission für öffentliche Sicherheit und seit wenigen Wochen ist er zudem Präsident des Verbandes der Aargauer Kantonspolizistinnen und -polizisten.

Dieter Egli, Grossrat SP, im Gespräch mit AZ-Autor Jörg Meier, am 7. Dezember im Restaurant Einstein Aarau.

Dieter Egli, Grossrat SP

Dieter Egli, Grossrat SP, im Gespräch mit AZ-Autor Jörg Meier, am 7. Dezember im Restaurant Einstein Aarau.

Dieter Egli ist in Windisch aufgewachsen und wohnt immer noch dort. «Weil es praktisch ist», sagt Egli, obschon er sich früher nicht habe vorstellen können, dass er in Windisch bleibe. Doch so passe es: Wohnen als Single in Windisch, Politisieren im Aargau, Arbeiten ausserhalb des Kantons. In Windisch ist Egli politisch sozialisiert worden. Als Katholik leitete er in der reformierten Jungschar, zusammen mit ehemaligen Jungwachtleitern kandidierte er 1994 auf der «Jungen Liste» als 24-Jähriger für den Einwohnerrat und konnte später «nachrutschen».

Damals präsidierte er auch den Verband der aargauischen Jugendorganisationen. Als die Regierung dem Sucht-Präventionsprogramm «Rüeblichrut» die Gelder streichen wollte, wehrten sich die Jugendorganisationen; an vorderster Front Dieter Egli. Die systematische Lobbyarbeit im Grossen Rat war erfolgreich: Die Präventionsgelder wurden nicht gestrichen. «Das war ein Schlüsselerlebnis für mich», sagt Egli, «ich erkannte, dass man der Politik eben nicht einfach ausgeliefert ist, sondern sehr wohl etwas bewirken kann.»

Dieter Egli ist keiner, der sich vordrängt. Hätte ihn die SP im Jahre 2005 nicht angefragt, gut möglich, dass es gar nie einen Grossrat Dieter Egli gegeben hätte. «Ich hatte kein politisches Elternhaus, auch keinen Coach oder Förderer», sagt Egli. Vielleicht sie auch deshalb eine politische Karriereplanung nie ein Thema gewesen. «Dadurch konnte ich mir aber eine gewisse Lust und Unabhängigkeit bewahren.» Wohin führt sein politischer Weg? Natürlich lockt der Nationalrat. «Aber auch ein Amt in der Exekutive wäre reizvoll», verrät Egli. Oder lockt ihn nach dem angekündigten Rücktritt des Führungsduos Burgener/Wermuth auch das Präsidium der Kantonalpartei?

«Das überlege ich mir schon. Einerseits, weil es interessant wäre. Andererseits auch, weil ich der Partei vieles verdanke. Im Vordergrund stehen für mich aber auch Leute, die noch nicht so lange in der Politik sind und frische Ideen mitbringen», erklärt Egli diplomatisch.

Der Marathonläufer

Dieter Egli ist Läufer. «Ich bin nicht schnell, aber ausdauernd», sagt er; im Herbst hat er den Berliner Marathon erfolgreich absolviert. Beim Laufen kommen ihm die besten Ideen. «Ich renne, und es denkt.» So entstehen die meisten seiner Voten und Reden beim Joggen. «Rennen tut mir gut und ich tue es nur für mich», erzählt er; die hohe Konzentration bei der Vorbereitung auf einen Marathonlauf weise manchmal geradezu autistische Züge auf.
Dieter Egli ist ein sozialer Mensch.

Es verletzt ihn, wenn Wutbürger aller Couleurs ihm als Politiker nicht vertrauen, ihm unterstellen, er sei ohnehin wie alle Politiker nur auf den eigenen Vorteil aus. «Mein Erfahrung ist: Alle Kolleginnen und Kollegen aus allen Parteien nehmen ihren politischen Auftrag sehr ernst. Gerade in der Kommissionsarbeit zeigt sich, wie viel Wissen und zeitliches Engagement die Grossrätinnen und Grossräte investieren», sagt Egli. Deshalb wünscht er sich, dass die Bürgerinnen und Bürgern denen, die sich in der Politik engagieren, wieder etwas mehr vertrauen.

Und was wünscht sich Egli von der Aargauer Politik? «Wir sollten selbstbewusster werden. Grosszügiger sein gegenüber den andern, aber auch gegen uns selber. Wir sollten wieder den Mut haben, uns das zu leisten, was wichtig ist für unsern Kanton, auch wenn es uns etwas kostet.»