Pfahlbauer
Schatz vom Hallwilersee wird mit Kies zugeschüttet – für 650‘000 Franken

Das einzige Weltkulturerbe im Aargau liegt gut versteckt im Hallwilersee. Jetzt soll die Pfahlbausiedlung Beinwil-Aegelmoos mit Kies zugedeckt werden. Die Kiesschicht schützt die Fundstelle und kostet 650 000 Franken.

Jörg Meier
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Sicht auf die Fundstelle Beinwil-Aegelmoos. Die Furche in der Mitte schmerzt die Archäologen. Sie ist das Ergebnis einer unerlaubten Ankerung eines Bootes in der Uferschutzzone und hat Teile der obersten Kulturschicht zerstört.
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Forschungstaucher im Einsatz. Die Siedlung liegt nahe am Ufer und nur gut einen Meter tief unter Wasser.
Die Fundstelle wurde bisher erst partiell erforscht; vordringlich geht es darum, die Reste der Siedlung zu schützen.

Sicht auf die Fundstelle Beinwil-Aegelmoos. Die Furche in der Mitte schmerzt die Archäologen. Sie ist das Ergebnis einer unerlaubten Ankerung eines Bootes in der Uferschutzzone und hat Teile der obersten Kulturschicht zerstört.

Kantonsarchäologie AG/UWA ZH

Der Aargau hat, was die meisten anderen Kantone nicht haben: Er hat Anteil an einem Unesco-Weltkulturerbe. Die Freude wird einzig dadurch etwas getrübt, dass das Weltkulturerbe unsichtbar ist, weil es sich auf dem Grund des Hallwilersees befindet. Es handelt sich um Reste von Pfahlbauten. Doch sie werden kaum wahrgenommen; der aufmerksame Wanderer erkennt und liest vielleicht die Hinweistafel beim Aegelmoos, die ihm erklärt, dass nur wenige Meter vom Ufer weg eine der wichtigsten archäologischen Fundstellen zur Urgeschichte des Aargaus und der Schweiz liegt. Aber grundsätzlich bleibt das Aargauer Unesco-Weltkulturerbe vorwiegend unsichtbar; es erschliesst sich allenfalls dem Taucher. Dass ein Welterbe, das sich nicht zeigen lässt, nur schwer zu vermitteln und erst recht zu vermarkten ist, auch wenn es noch so einzigartig ist, bestätigt auch Stephan Wyss, Ressortleiter archäologische Untersuchungen bei der Kantonsarchäologie. «Es ist gerade deshalb wichtig, der Aargauer Bevölkerung zeigen zu können, dass sich in unserem Kanton bedeutende Teile eines Weltkulturerbes befinden. Wir werden die Schutzmassnahmen aus diesem Grund filmisch begleiten und regelmässig Informationsveranstaltungen durchführen.» Konkrete Massnahmen für feste oberirdische Installationen sind allerdings zurzeit nicht geplant. Bisher ist das Museum Burghalde in Lenzburg der einzige Ort, der Originalfundgegenstände aus dem Hallwilersee öffentlich präsentiert. In Seengen steht immerhin seit 1989 am Seeufer beim Männerbad einsam ein nachgebautes Pfahlbauerhaus aus der Bronzezeit.

Schleichende Zerstörung

Die bis zu einem Meter mächtigen Fundschichten im Aegelmoos befinden sich vollständig unter Wasser. Dadurch waren organische Überreste wie Bauhölzer, Gerätschaften oder Textilien bisher grundsätzlich vor der Zersetzung geschützt. «Diese organischen Reste, man hat auch Speisereste wie Knochen oder Kerne von Früchten gefunden, ermöglichen Rückschlüsse auf die materielle Kultur und die Lebensführung der damaligen Bewohner», erklärt Stephan Wyss. Die Fundstelle sei ein bemerkenswertes archäologisches Archiv.
Doch dieses einzigartige Archiv ist gefährdet. Grosse Teile der 3000 bis 6000 Jahre alten Siedlungsschichten liegen ohne Schichtüberdeckung ungeschützt am Seegrund. Sie sind dort Strömungen und Wellenschlag ausgesetzt. Die dadurch verursachte, anhaltende Erosion hat innerhalb weniger Jahre bereits wesentliche Teile der Siedlungsreste zerstört. «Schäden verursachen auch die Boote, die immer wieder in der Uferschutzzone ankern, obwohl das verboten ist», sagt Wyss. Es bestehe dringender Handlungsbedarf. Denn ohne Schutzmassnahmen wäre die Fundstelle innerhalb weniger Jahrzehnte unwiederbringlich zerstört.

Die Lösung heisst Kies

Doch wie schützt man ein Weltkulturerbe, das am Seegrund liegt? Umfangreiche Abklärungen der Kantonsarchäologie, Bohrungen und Prospektionstauchgänge, führten schliesslich zur Lösung. Und die heisst ganz einfach Kies. Auch Erfahrungen, die auf anderen Seen gemacht wurden, bestätigen, dass eine Abdeckung mit Kies den besten Schutz der Fundstelle vor Erosion bietet. Das Vorgehen ist einfach: Zuerst befreien spezialisierte Forschungstaucher die Oberfläche von Schlick und dokumentieren und entfernen aus dem Boden ragende Pfahlstümpfe. Anschliessend verlegen sie ein Geotextil über die ganze Fundstelle. Dieses wird dann mit einer rund 20 cm dicken Kiesschicht zugedeckt. Der Kiestransport erfolgt durch einen speziellen Ponton mit «Jalousie-Boden». Der Ponton wird mit Kies gefüllt und über der zu schützenden Fläche platziert. Wird der «Jalousie-Boden» geöffnet, fällt der Kies gleichmässig auf den Seegrund und überdeckt die Fundstelle, ohne dass eine grosse Wassertrübung entsteht.

Bisher kaum erforscht

Mit dieser Massnahme kann das einzigartige Kulturgut Beinwil-Aegelmoos für mindestens 50 Jahre geschützt werden. Der Abschluss der Arbeiten ist für Herbst Winter 2017/18 geplant. An den Sanierungskosten in der Höhe von rund 650 000 Franken beteiligt sich neben dem Kanton auch der Bund.

Die Siedlung Aegelmoos wurde 1996 entdeckt, als Taucharchäologen den Zustand der bekannten Fundstellen dokumentierten und gleichzeitig die Ufer des Hallwilersees systematisch nach weiteren Siedlungsstellen absuchten. Obschon die Fundstelle ein grosses Potenzial biete, sei sie bisher nur punktuell erforscht, sagt Archäologe Wyss. Vorläufig sei keine Ausgrabung geplant. Denn primärer Auftrag der Kantonsarchäologie sei es, Objekte zu erhalten und zu schützen.

Doch wie kommt die Pfahlbausiedlung auf den Seegrund? Ist der Boden abgesunken oder der Pegel des Sees gestiegen? «Beides», erklärt Stephan Wyss. «Im Mittelalter wurde das Mühlenwehr bei Schloss Hallwyl gebaut. Dadurch stieg der Seespiegel um rund 80 Zentimeter. Aber auch die Seekreide, auf der die Bauten standen, wurde im Laufe der Jahre komprimiert. So kam es, dass die Überreste der prähistorischen Siedlung nach und nach im See versunken sind.»

2011 wurde in Paris die Serienkandidatur «Prähistorische Pfahlbauten rund um die Alpen» von der Unesco akzeptiert. 111 Fundstellen in sechs Ländern (Schweiz, Deutschland, Österreich, Slowenien, Italien und Frankreich) gehören seither zum universellen Erbe der Menschheit, mittendrin: der Kanton Aargau. Aber nicht etwa mit der Habsburg, wo Weltgeschichte ihren Anfang nahm; es sind zwei prähistorische Siedlungsreste, versunken im Schlick des Hallwilersees.

Auf Begeisterung folgte Streit

Die ersten Funde von Pfahlbauten lösten nach 1850 in der Schweiz grosse Begeisterung für die neu entdeckten Vorfahren aus.

In der jungsteinzeitlichen Pfahlbauphase soll es im Schweizer Mittelland gleichzeitig etwa 500 Siedlungen gegeben haben. Da diese aber in der Regel nur etwa 20 Jahre bestanden, geht die Forschung davon aus, dass in der Schweiz in der ungefähr 2000 Jahre dauernden Epoche der Pfahlbauer über die ganze Zeitspanne etwa 50 000 Dörfer gebaut und wieder aufgegeben wurden.

Doch woher rührt die eigenartige Faszination, welche die Pfahlbauer und ihre Kultur auf uns ausüben? Häufig bleibt ja nicht viel vom Geschichtsunterricht hängen, aber an die Lektionen über die Pfahlbauer in der Primarschule, daran können sich auch nach Jahren noch viele erinnern. Wer schon etwas älter ist, wird auch noch das Schulwandbild vor Augen haben, das den Schülern damals zeigte, wie die Pfahlbauer gelebt haben, respektive, wie man sich das früher eben vorgestellt hat: Im Wasser auf Pfählen stehende Holzhütten, die Dorfgemeinschaft friedlich zusammen, barfuss, in leichtem Gewand.

«Die Faszination hat sicher auch mit der Abenteuer-Romantik zu tun, die das Leben in einer Pfahlbauerhütte auf den ersten Blick vermittelt», sagt der Archäologie Stephan Wyss.

Ikone für Schweizer Identität

Die ersten Pfahlbauten in der Schweiz sind im Winter 1854 am Zürichsee entdeckt worden. Die Entdeckung stiess auf weltweites Interesse. Die Begeisterung ragte weit über den engen Kreis der Fachleute hinaus. Das Bild von Dörfern auf Seeplattformen und Holzpfählen faszinierte eine breite Öffentlichkeit. Gleichzeitig verstand man diese sonderbare Art der Siedlungsform als Beleg für den «Sonderfall Schweiz», der sich nun bis zu den Ursprüngen der modernen Zivilisation zurückverfolgen liess. Jetzt konnte die Schweiz den klassischen Hochkulturen der Antike auch eine eigene Kultur entgegenhalten. Bisher wusste man kaum etwas über die Geschichte der Schweiz vor den Helvetiern und den Römern. Auch aus diesem Grunde lasse sich die Begeisterung für die Pfahlbauten erklären, sagt Wyss. Die neu entdeckten «Ur-Schweizer» sorgten für einen regelrechten Hype; die neuen Vorfahren wurden landesweit idyllisiert und idealisiert, an Festumzügen waren sie das beliebteste Sujet, Albert Anker malte Pfahlbauer und mit den Pfahlbauern war die Schweiz auch an der Weltausstellung 1867 vertreten. Die Pfahlbauer wurden zur «Ikone der Schweizer Identität» (Georg Kreis).

Der Pfahlbauerstreit

Dann aber kam der Pfahlbauerstreit, der alles infrage stellte und jahrzehntelang die Wissenschaft beschäftigte. Dabei ging es um die Frage, ob die Pfahlbauten an Land, am Ufer oder im Wasser gestanden haben. Dieser Streit ist inzwischen durch viele neue Ausgrabungsergebnisse ad absurdum geführt worden. Es gab sowohl an Land als auch am Ufer richtige Pfahlbauten, die über dem Boden an Land und im Wasser standen. Was es aber nicht gab, sind ganze Dörfer auf einer gemeinsamen Plattform umgeben von Wasser nach der romantischen Vorstellung des 19.

ahrhunderts, sogenannte Wasserpfahlbauten. Die Pfahlbausiedlungen konnten am besten im Winterhalbjahr in Zeiten zurückweichenden Wasserstandes errichtet werden. Mit fallendem Seespiegel wurden, dies zeigen Ausgrabungen, immer mehr Pfahlbauhäuser in den feuchten Grund der Uferflächen gestellt. Allerdings musste vom Baumeister bei der Errichtung der abgehobenen Hausböden auch das jährliche Hochwasser nach der Schneeschmelze mit eingerechnet werden.

Was bedeutet dies für die Siedlung in Beinwil-Aegelmoos: Stand sie im See oder nur am See? «Wir gehen davon aus, dass sie auf einer inselähnlichen Landzunge am See stand», sagt Wyss.

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