Der Aargau hat, was die meisten anderen Kantone nicht haben: Er hat Anteil an einem Unesco-Weltkulturerbe. Die Freude wird einzig dadurch etwas getrübt, dass das Weltkulturerbe unsichtbar ist, weil es sich auf dem Grund des Hallwilersees befindet. Es handelt sich um Reste von Pfahlbauten. Doch sie werden kaum wahrgenommen; der aufmerksame Wanderer erkennt und liest vielleicht die Hinweistafel beim Aegelmoos, die ihm erklärt, dass nur wenige Meter vom Ufer weg eine der wichtigsten archäologischen Fundstellen zur Urgeschichte des Aargaus und der Schweiz liegt. Aber grundsätzlich bleibt das Aargauer Unesco-Weltkulturerbe vorwiegend unsichtbar; es erschliesst sich allenfalls dem Taucher. Dass ein Welterbe, das sich nicht zeigen lässt, nur schwer zu vermitteln und erst recht zu vermarkten ist, auch wenn es noch so einzigartig ist, bestätigt auch Stephan Wyss, Ressortleiter archäologische Untersuchungen bei der Kantonsarchäologie. «Es ist gerade deshalb wichtig, der Aargauer Bevölkerung zeigen zu können, dass sich in unserem Kanton bedeutende Teile eines Weltkulturerbes befinden. Wir werden die Schutzmassnahmen aus diesem Grund filmisch begleiten und regelmässig Informationsveranstaltungen durchführen.» Konkrete Massnahmen für feste oberirdische Installationen sind allerdings zurzeit nicht geplant. Bisher ist das Museum Burghalde in Lenzburg der einzige Ort, der Originalfundgegenstände aus dem Hallwilersee öffentlich präsentiert. In Seengen steht immerhin seit 1989 am Seeufer beim Männerbad einsam ein nachgebautes Pfahlbauerhaus aus der Bronzezeit.

Schleichende Zerstörung

Die bis zu einem Meter mächtigen Fundschichten im Aegelmoos befinden sich vollständig unter Wasser. Dadurch waren organische Überreste wie Bauhölzer, Gerätschaften oder Textilien bisher grundsätzlich vor der Zersetzung geschützt. «Diese organischen Reste, man hat auch Speisereste wie Knochen oder Kerne von Früchten gefunden, ermöglichen Rückschlüsse auf die materielle Kultur und die Lebensführung der damaligen Bewohner», erklärt Stephan Wyss. Die Fundstelle sei ein bemerkenswertes archäologisches Archiv.
Doch dieses einzigartige Archiv ist gefährdet. Grosse Teile der 3000 bis 6000 Jahre alten Siedlungsschichten liegen ohne Schichtüberdeckung ungeschützt am Seegrund. Sie sind dort Strömungen und Wellenschlag ausgesetzt. Die dadurch verursachte, anhaltende Erosion hat innerhalb weniger Jahre bereits wesentliche Teile der Siedlungsreste zerstört. «Schäden verursachen auch die Boote, die immer wieder in der Uferschutzzone ankern, obwohl das verboten ist», sagt Wyss. Es bestehe dringender Handlungsbedarf. Denn ohne Schutzmassnahmen wäre die Fundstelle innerhalb weniger Jahrzehnte unwiederbringlich zerstört.

Die Lösung heisst Kies

Doch wie schützt man ein Weltkulturerbe, das am Seegrund liegt? Umfangreiche Abklärungen der Kantonsarchäologie, Bohrungen und Prospektionstauchgänge, führten schliesslich zur Lösung. Und die heisst ganz einfach Kies. Auch Erfahrungen, die auf anderen Seen gemacht wurden, bestätigen, dass eine Abdeckung mit Kies den besten Schutz der Fundstelle vor Erosion bietet. Das Vorgehen ist einfach: Zuerst befreien spezialisierte Forschungstaucher die Oberfläche von Schlick und dokumentieren und entfernen aus dem Boden ragende Pfahlstümpfe. Anschliessend verlegen sie ein Geotextil über die ganze Fundstelle. Dieses wird dann mit einer rund 20 cm dicken Kiesschicht zugedeckt. Der Kiestransport erfolgt durch einen speziellen Ponton mit «Jalousie-Boden». Der Ponton wird mit Kies gefüllt und über der zu schützenden Fläche platziert. Wird der «Jalousie-Boden» geöffnet, fällt der Kies gleichmässig auf den Seegrund und überdeckt die Fundstelle, ohne dass eine grosse Wassertrübung entsteht.

Bisher kaum erforscht

Mit dieser Massnahme kann das einzigartige Kulturgut Beinwil-Aegelmoos für mindestens 50 Jahre geschützt werden. Der Abschluss der Arbeiten ist für Herbst Winter 2017/18 geplant. An den Sanierungskosten in der Höhe von rund 650 000 Franken beteiligt sich neben dem Kanton auch der Bund.

Die Siedlung Aegelmoos wurde 1996 entdeckt, als Taucharchäologen den Zustand der bekannten Fundstellen dokumentierten und gleichzeitig die Ufer des Hallwilersees systematisch nach weiteren Siedlungsstellen absuchten. Obschon die Fundstelle ein grosses Potenzial biete, sei sie bisher nur punktuell erforscht, sagt Archäologe Wyss. Vorläufig sei keine Ausgrabung geplant. Denn primärer Auftrag der Kantonsarchäologie sei es, Objekte zu erhalten und zu schützen.

Tauchen im Welterbe: Die Unesco-Stätte Beinwil-Aegelmoos

Tauchen im Welterbe: Die Unesco-Stätte Beinwil-Aegelmoos

Die prähistorischen Pfahlbaureste bei Beinwil-Aegelmoos im Hallwilersee gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Seit der Entdeckung im Jahr 1996 überprüft die Kantonsarchäologie Aargau in regelmässigen Abständen den Zustand dieser exponierten Fundstelle. Tauchen Sie mit!

Doch wie kommt die Pfahlbausiedlung auf den Seegrund? Ist der Boden abgesunken oder der Pegel des Sees gestiegen? «Beides», erklärt Stephan Wyss. «Im Mittelalter wurde das Mühlenwehr bei Schloss Hallwyl gebaut. Dadurch stieg der Seespiegel um rund 80 Zentimeter. Aber auch die Seekreide, auf der die Bauten standen, wurde im Laufe der Jahre komprimiert. So kam es, dass die Überreste der prähistorischen Siedlung nach und nach im See versunken sind.»

2011 wurde in Paris die Serienkandidatur «Prähistorische Pfahlbauten rund um die Alpen» von der Unesco akzeptiert. 111 Fundstellen in sechs Ländern (Schweiz, Deutschland, Österreich, Slowenien, Italien und Frankreich) gehören seither zum universellen Erbe der Menschheit, mittendrin: der Kanton Aargau. Aber nicht etwa mit der Habsburg, wo Weltgeschichte ihren Anfang nahm; es sind zwei prähistorische Siedlungsreste, versunken im Schlick des Hallwilersees.