Pfahlbauten
Schatz im Hallwilersee: Auf Begeisterung folgte Streit

Die ersten Funde von Pfahlbauten lösten nach 1850 in der Schweiz grosse Begeisterung für die neu entdeckten Vorfahren aus.

Jörg Meier
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In der jungsteinzeitlichen Pfahlbauphase soll es im Schweizer Mittelland gleichzeitig etwa 500 Siedlungen gegeben haben. Da diese aber in der Regel nur etwa 20 Jahre bestanden, geht die Forschung davon aus, dass in der Schweiz in der ungefähr 2000 Jahre dauernden Epoche der Pfahlbauer über die ganze Zeitspanne etwa 50 000 Dörfer gebaut und wieder aufgegeben wurden.

Sicht auf die Fundstelle Beinwil-Aegelmoos. Die Furche in der Mitte schmerzt die Archäologen. Sie ist das Ergebnis einer unerlaubten Ankerung eines Bootes in der Uferschutzzone und hat Teile der obersten Kulturschicht zerstört.
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Forschungstaucher im Einsatz. Die Siedlung liegt nahe am Ufer und nur gut einen Meter tief unter Wasser.
Die Fundstelle wurde bisher erst partiell erforscht; vordringlich geht es darum, die Reste der Siedlung zu schützen.

Sicht auf die Fundstelle Beinwil-Aegelmoos. Die Furche in der Mitte schmerzt die Archäologen. Sie ist das Ergebnis einer unerlaubten Ankerung eines Bootes in der Uferschutzzone und hat Teile der obersten Kulturschicht zerstört.

Kantonsarchäologie AG/UWA ZH

Doch woher rührt die eigenartige Faszination, welche die Pfahlbauer und ihre Kultur auf uns ausüben? Häufig bleibt ja nicht viel vom Geschichtsunterricht hängen, aber an die Lektionen über die Pfahlbauer in der Primarschule, daran können sich auch nach Jahren noch viele erinnern. Wer schon etwas älter ist, wird auch noch das Schulwandbild vor Augen haben, das den Schülern damals zeigte, wie die Pfahlbauer gelebt haben, respektive, wie man sich das früher eben vorgestellt hat: Im Wasser auf Pfählen stehende Holzhütten, die Dorfgemeinschaft friedlich zusammen, barfuss, in leichtem Gewand.

«Die Faszination hat sicher auch mit der Abenteuer-Romantik zu tun, die das Leben in einer Pfahlbauerhütte auf den ersten Blick vermittelt», sagt der Archäologie Stephan Wyss.

Ikone für Schweizer Identität

Die ersten Pfahlbauten in der Schweiz sind im Winter 1854 am Zürichsee entdeckt worden. Die Entdeckung stiess auf weltweites Interesse. Die Begeisterung ragte weit über den engen Kreis der Fachleute hinaus. Das Bild von Dörfern auf Seeplattformen und Holzpfählen faszinierte eine breite Öffentlichkeit. Gleichzeitig verstand man diese sonderbare Art der Siedlungsform als Beleg für den «Sonderfall Schweiz», der sich nun bis zu den Ursprüngen der modernen Zivilisation zurückverfolgen liess. Jetzt konnte die Schweiz den klassischen Hochkulturen der Antike auch eine eigene Kultur entgegenhalten. Bisher wusste man kaum etwas über die Geschichte der Schweiz vor den Helvetiern und den Römern. Auch aus diesem Grunde lasse sich die Begeisterung für die Pfahlbauten erklären, sagt Wyss. Die neu entdeckten «Ur-Schweizer» sorgten für einen regelrechten Hype; die neuen Vorfahren wurden landesweit idyllisiert und idealisiert, an Festumzügen waren sie das beliebteste Sujet, Albert Anker malte Pfahlbauer und mit den Pfahlbauern war die Schweiz auch an der Weltausstellung 1867 vertreten. Die Pfahlbauer wurden zur «Ikone der Schweizer Identität» (Georg Kreis).

Der Pfahlbauerstreit

Dann aber kam der Pfahlbauerstreit, der alles infrage stellte und jahrzehntelang die Wissenschaft beschäftigte. Dabei ging es um die Frage, ob die Pfahlbauten an Land, am Ufer oder im Wasser gestanden haben. Dieser Streit ist inzwischen durch viele neue Ausgrabungsergebnisse ad absurdum geführt worden. Es gab sowohl an Land als auch am Ufer richtige Pfahlbauten, die über dem Boden an Land und im Wasser standen. Was es aber nicht gab, sind ganze Dörfer auf einer gemeinsamen Plattform umgeben von Wasser nach der romantischen Vorstellung des 19. Jahrhunderts, sogenannte Wasserpfahlbauten. Die Pfahlbausiedlungen konnten am besten im Winterhalbjahr in Zeiten zurückweichenden Wasserstandes errichtet werden. Mit fallendem Seespiegel wurden, dies zeigen Ausgrabungen, immer mehr Pfahlbauhäuser in den feuchten Grund der Uferflächen gestellt. Allerdings musste vom Baumeister bei der Errichtung der abgehobenen Hausböden auch das jährliche Hochwasser nach der Schneeschmelze mit eingerechnet werden.

Was bedeutet dies für die Siedlung in Beinwil-Aegelmoos: Stand sie im See oder nur am See? «Wir gehen davon aus, dass sie auf einer inselähnlichen Landzunge am See stand», sagt Wyss.