Tattoo-Sommer
Schattenseiten des Tattoo-Booms: «Qualitätsstudios leiden unter den Dumpingstudios»

Die Preise in den Studios sind unter Druck. Dies, weil sich jeder und jede Tätowierer oder Tätowiererin nennen darf. Oft leidet die Qualität unter dem Konkurrenzkampf.

Alice Sager, Larissa Hunziker und Jakob Weber
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Cécille Kull (32), Gelernte Pflegefachfrau, Mutter, Aarau «Der Koi-Karpfen, der den Spruch «Don’t forget to love yourself» umkreist, war mein erstes Tattoo. Seit sechs Jahren ziert er meinen Oberarm. Ich schaue durch meine soziale, empathische Art immer zuerst auf die anderen und gehe dabei selbst ein wenig vergessen. Deswegen ist der Spruch zu meinem Lebensmotto geworden. Der Koi steht unter anderem für Glück und Wandelbarkeit. Das Herz im Zentrum symbolisiert meine philippinischen Wurzeln. Das gesamte Tattoo hat eine Kollegin von mir, die Künstlerin ist, designt. Ich steche mir lieber ein Tattoo, als zum Zahnarzt zu gehen.»
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Cécille Kull (32), Gelernte Pflegefachfrau, Mutter, Aarau «Der Koi-Karpfen, der den Spruch «Don’t forget to love yourself» umkreist, war mein erstes Tattoo. Seit sechs Jahren ziert er meinen Oberarm. Ich schaue durch meine soziale, empathische Art immer zuerst auf die anderen und gehe dabei selbst ein wenig vergessen. Deswegen ist der Spruch zu meinem Lebensmotto geworden. Der Koi steht unter anderem für Glück und Wandelbarkeit. Das Herz im Zentrum symbolisiert meine philippinischen Wurzeln. Das gesamte Tattoo hat eine Kollegin von mir, die Künstlerin ist, designt. Ich steche mir lieber ein Tattoo, als zum Zahnarzt zu gehen.»
Janett Mayer (33), Produkt- Managerin, Seon «Das Tattoo auf meinem linken Oberschenkel habe ich erst dieses Jahr im April gemacht. Es bedeutet mir sehr viel, weil es die schlechten Erfahrungen darstellt, die ich in meinem Leben gemacht habe. Ich kann diese mit dem Tattoo verarbeiten. Es ist sehr vielfältig. Man muss genau hinsehen, um alle Details zu erkennen. Unten ist eine Klippe, von welcher eine Frau runterfällt, oben an der Klippe steht ein Mann. Die Frau, die fällt, soll mich darstellen. Oben sind drei Gesichter. Das Erste weint, das Zweite ist erschüttert und das Dritte ist gleichgültig. Rund um die Gesichter sind Krähen, die als Beschützer da sind. Viele Leute sind über das Tattoo schockiert, wenn ich die Bedeutung erkläre. Ich finde es aber unglaublich schön.»
Sonja Vogel (61), Kaufm. Angestellte, Schönenwerd SO «Ich heisse Vogel und habe den schönsten Vogel auf die Haut tätowiert – den Eisvogel. Ich habe mir das Tattoo immer gewünscht, aber nie den Mut gehabt, eines zu machen. Zu meinem 40. Geburtstag habe ich mich dann überwunden. Es war mein Geburtstagsgeschenk an mich. Zuerst hatte ich die Blume, der Vogel kam erst vor kurzem dazu. Die Jackie in Aarau ist eine sehr gute Tätowiererin, bei ihr habe ich den Vogel gemacht. Das Erste habe ich bei Feel Ink in Künten gemacht.»
Tattoo-Sommer 2017: Die dritte Ausgabe
Fabian Wingeier (25), Sanitär- und Heizungsinstallateur, Oberflachs «Meine Haut ist leider gerade sehr trocken, darum mache ich das Tattoo nass, damit man es auf dem Foto besser sieht. Der Schriftzug ist lateinisch: «Non quia difficilia sunt non audemus, sed quia non audemus difficilia sunt». Es bedeutet: ‹Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig›. Das ist mein Lebensmotto. Alles was man nicht macht, verpasst man. Es ist mein Ansporn. Das Tattoo habe ich seit zwei Jahren.»
Fabian Wingeier (25), Sanitär- und Heizungsinstallateur, Oberflachs «Meine Haut ist leider gerade sehr trocken, darum mache ich das Tattoo nass, damit man es auf dem Foto besser sieht. Der Schriftzug ist lateinisch: «Non quia difficilia sunt non audemus, sed quia non audemus difficilia sunt». Es bedeutet: ‹Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig›. Das ist mein Lebensmotto. Alles was man nicht macht, verpasst man. Es ist mein Ansporn. Das Tattoo habe ich seit zwei Jahren.»

Cécille Kull (32), Gelernte Pflegefachfrau, Mutter, Aarau «Der Koi-Karpfen, der den Spruch «Don’t forget to love yourself» umkreist, war mein erstes Tattoo. Seit sechs Jahren ziert er meinen Oberarm. Ich schaue durch meine soziale, empathische Art immer zuerst auf die anderen und gehe dabei selbst ein wenig vergessen. Deswegen ist der Spruch zu meinem Lebensmotto geworden. Der Koi steht unter anderem für Glück und Wandelbarkeit. Das Herz im Zentrum symbolisiert meine philippinischen Wurzeln. Das gesamte Tattoo hat eine Kollegin von mir, die Künstlerin ist, designt. Ich steche mir lieber ein Tattoo, als zum Zahnarzt zu gehen.»

Wer sich in diesen Tagen in den Badis umschaut, wird schnell feststellen: Die Tattoos sind sehr beliebt. «Früher haben sich nur die harten Jungs tätowiert. Es war ein Akt der Rebellion. Heute können sich auch 18-jährige Frauen ein grosses Tattoo stechen lassen, ohne sofort vorverurteilt zu werden», erklärt Rosario «Rossi» Sorbello vom Tattoo-Studio Inner Fire in Baden.

Entsprechend gestiegen ist die Nachfrage – aber auch das Angebot. «Es kann jeder ein Schild heraushängen und behaupten, er sei Tätowierer», erklärt Björn Bleninger von Raketenwacholder in Lenzburg.

Neu eine Meldepflicht

In der Tat ist in der Branche vieles ungeregelt. Aber es gibt in der Schweiz seit 2008 immerhin Vorschriften zur Sicherheit von Tätowierungen. Der Bund legt etwa fest, welche gesundheitsgefährdenden Stoffe nicht in den Farben enthalten sein dürfen. Seit dem Mai 2017 müssen sich Tattoo-Studios zudem registrieren lassen.

Bereits seit 1994 existiert der Verband Schweizerischer Berufstätowierer (VST). In der Schweiz seien 600 Studios gemeldet, davon gehörten etwa 45 dem Verband an, erklärt Andy «Stächi» Humm von Swiss-Tattoo in Hausen. Er ist Mitglied des VST-Vorstandes. Ein besonderes Anliegen ist ihm der zweitägige Hygienekurs, den der Verband anbietet.

Alle befragten Tätowierer sind sich einig: Die Tattoos werden immer günstiger. In Billig-Studios wird bereits für 50 Franken pro Stunde gestochen. «Da können wir nicht mithalten», sagt Andy Humm. In seinem Studio seien die Preise sehr unterschiedlich. Je nach Komplexität des Motivs. «Ein Schriftzug sei viel günstiger als ein anspruchsvolles Bild. Ein ungefährer Richtwert seien 150 bis 200 Franken pro Stunde.

Bei Björn Bleninger von Raketenwacholder werden etwa 200 Franken pro Stunde verrechnet. Er sagt: «Die Qualitätsstudios leiden unter den Dumpingstudios.» Die Kunden würden fragen, warum die anderen billiger seien. Zu den Gründen gehört neben dem Konkurrenzdruck der Preisrückgang beim Material und dessen bessere Verfügbarkeit (Internet).

Andy Humm hofft, dass die Leute vermehrt auf die Qualität des Tätowierers achten und nicht nur auf den Preis. Er ist auf Cover-ups spezialisiert und muss oft Tattoos verbessern, die von Dumpingstudios schlecht gestochen worden sind.

Patrick Huber von Kunststich Aarau weist darauf hin, dass ein Tattoo etwas fürs ganze Leben ist: «Es gibt schon Sparfüchse. Aber die kommen auf die Welt, wenn das Tattoo schlecht gemacht ist.»

Den ganzen Köper verschönern

Viele Leute entwickeln eine Art Tattoo-Sucht. «Beim ersten Mal sind die Kunden oft unsicher», erklärt Björn Bleninger. Wenn es gut gelaufen sei, sinke die Hemmschwelle und der Wunsch, noch ein Tattoo stechen zu lassen, steige. Rosario Sorbello aus Baden glaubt: «Es ist weniger eine Sucht als ein Überwinden von Hemmschwellen.» Nach dem erfolgreichen Einstieg stellen sich die Leute vor den Spiegel und denken: «Oh, da hat es noch Platz» oder «Oh, das wäre noch schön» – und schon sind sie Stammkunde eines Tätowierers.