Vor drei Jahren stürzte eine Frau die Treppe hinunter. Im Zuge einer Nachbehandlung begab sie sich zu einem Arzt. Im Behandlungszimmer lag sie im Hinblick auf eine physiotherapeutische Behandlung bekleidet auf dem Bauch, als der Arzt zur Entspannung der Rückenmuskulatur schritt. Dabei blieb es jedoch nicht.

Statt die Rückenverspannung zu lösen, fuhr der Arzt mit seinen Händen immer weiter Richtung Gesäss. Schliesslich landeten die Hände unter ihrer Hose und der Arzt berührte die Frau mit der Hand in ihrem Intimbereich - konkret an ihren Pobacken, ihrem Anus, ihrer Vagina und ihrer Klitoris. Die Frau wurde von diesem Übergriff vollkommen überrascht.

Da sie während der Behandlung auf dem Bauch und mit dem Gesicht nach unten lag, war sie widerstandsunfähig und physisch nicht in der Lage, sich gegen den sexuellen Übergriff zur Wehr zu setzen. Immerhin hörte der Arzt auf, als sie ihm sagte, dass er die Behandlung beenden soll.

28'800 Franken bedingt

Das Bezirksgericht Bremgarten sprach den Arzt im November 2015 der Schändung schuldig. Es verurteilte den Wüstling zu einer bedingten Geldstrafe von 240 Tagessätzen zu 160 Franken (38'400 Franken) sowie zu einer Busse von 9600 Franken.

Der Arzt erhob dagegen Berufung ans Obergericht und konnte damit einen Teilerfolg verbuchen: Das Obergericht bestätigte zwar die Verurteilung wegen Schändung, hob aber die Busse auf und reduzierte die bedingte Geldstrafe auf 180 Tagessätzen zu 160 Franken (28'800 Franken).

Der Arzt wandte sich in der Folge ans Bundesgericht und forderte einen Freispruch. In seiner Beschwerde warf er dem Obergericht vor, den Sachverhalt willkürlich festgestellt und den Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» verletzt zu haben.

Ausreden des Arztes

Er bestritt in Lausanne, die Patientin im Intimbereich berührt zu haben. Das Obergericht habe die stetigen Behandlungsunterbrüche sowie seinen Stress und Zeitdruck wegen des vollen Wartesaals ausser Acht gelassen. Diese Tatsachen liessen eine sexuelle Handlung als höchst unwahrscheinlich erachten. Zudem sei es bei der von der Patientin getragenen Jeans nicht ohne weiteres möglich, mit einer Hand so reibungslos und rasch nach unten vorzudringen, so dass eine Reaktion ausgeblieben sei, ehe die Hand Vagina und Klitoris erreicht hätten.

Die Bundesrichter haben alle Vorwürfe des Arztes abgewiesen. In ihren Augen ist aufgrund der Aussagen der Patientin erstellt, dass der Arzt sie missbraucht hat, als diese - auf dem Bauch liegend - zum Widerstand unfähig war. Aus Sicht der Patientin war klar, dass sie der Arzt nur dort anfassen werde, wo es medizinisch begründet war. Als sie der Arzt an den Hüften respektive am Steissbein behandelte, dachte sie erst, diese gehöre zur Behandlung und sei normal. Weiter durfte sie davon ausgehen, dass der Arzt ihre Wehrlosigkeit nicht ausnützt.

Genau dies tat er jedoch: Die Patientin war auch nach Meinung des Bundesgerichts dem Arzt ausgeliefert und konnte den Übergriff nicht rechtzeitig erkennen. Sie wurde von der sexuellen Attacke vollkommen überrascht und war vorübergehend widerstandsunfähig. Damit erfolgte aber die Verurteilung wegen Schändung zu Recht.