Schadstoffe
Dioxin aus der Kehrichtverbrennung: Ergebnisse der Bodenproben in Buchs, Oftringen und Turgi sollen im zweiten Quartal 2022 vorliegen

In den 1970er-Jahren starben in Suhr mehrere Kühe – laut der Bauernfamilie wegen Dioxin aus der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Buchs. Der Regierungsrat hält in der Antwort auf einen SP-Vorstoss fest, dies sei nicht bewiesen. Dennoch will der Kanton bis Mitte 2022 den Boden um die KVA Buchs, Oftringen und Turgi untersuchen.

Fabian Hägler
Drucken
Heute hält die Kehrichtverbrennungsanlage Buchs alle Schadstoffgrenzwerte ein, in den 1970er-Jahren war dies nicht der Fall.

Heute hält die Kehrichtverbrennungsanlage Buchs alle Schadstoffgrenzwerte ein, in den 1970er-Jahren war dies nicht der Fall.

Zvg

In der Umgebung der Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Turgi wurde der Prüfwert für das hochgiftige Dioxin bei Messungen in den 1990er-Jahren an zwei Stellen überschritten – das zeigten Recherchen der AZ Mitte Oktober. Stärker im Fokus stand indes die KVA Buchs, weil in der Nähe in den 1970er-Jahren mehrere Kühe eines Bauern erkrankten und notgeschlachtet werden mussten. Die betroffene Familie führte dies auf Schadstoffe aus der Kehrichtverbrennungsanlage zurück.

Nach einem Bericht des «Tages-Anzeigers» stellte SP-Grossrat Martin Brügger dem Regierungsrat in einem Vorstoss mehrere kritische Fragen. Nun liegt die Antwort vor – darin hält die Regierung fest, es sei nicht bewiesen, dass Schadstoffe aus der KVA Buchs dazu geführt hätten, dass die Kühe erkrankten. Der Regierungsrat räumt ein, dass die Grenzwerte für Staub in den Rauchgasen der Anlage in den ersten Jahren nach der Inbetriebnahme 1973 überschritten worden seien.

«Keine Evidenz für die KVA als Ursache der Tiererkrankungen gefunden»

Die kantonalen Behörden wurden darauf aktiv und forderten Massnahmen bei der KVA. Zudem wurden Expertengutachten der ETH Zürich und der Uni Bern eingeholt, wie der Regierungsrat schreibt. Doch «bis 1979 konnte keine Evidenz für die KVA als Ursache der Tiererkrankungen gefunden werden», heisst es in der Antwort weiter. Die umweltrechtliche Aufsicht der Behörden sowie die Umweltschutzmassnahmen der KVA in den 1970er- und 1980er-Jahren mit den heutigen Massstäben zu bewerten, erachtet der Regierungsrat gemäss Mitteilung nicht für angezeigt.

Er betont aber: «Heute ist die umweltbezogene Überwachung – gestützt auf die aktuelle Umweltschutzgesetzgebung – sowohl von Anlagen als auch der betroffenen Schutzgüter (Boden, Luft, Wasser) wesentlich umfangreicher als damals.» Die Umweltfachstellen des Kantons Aargau vollziehen laut der Regierung im Austausch mit anderen Kantonen und den Bundesbehörden das Umweltrecht, namentlich auch unter Anwendung des Vorsorgeprinzips.

Rauchgasreinigung und Entstickungsanlagen reduzieren Dioxin-Ausstoss

Dennoch will der Kanton den Boden rund um die drei Aargauer Kehrichtverbrennungsanlagen Buchs, Oftringen und Turgi nochmals auf Dioxinrückstände untersuchen. Dies war schon Mitte November nach der Abgeordnetenversammlung des Gemeindeverbandes bekannt geworden, dessen Mitglieder ihren Abfall in die KVA Buchs liefern. In der Antwort auf den Vorstoss von Martin Brügger gibt der Regierungsrat nun weitere Details bekannt.

Dioxine entstehen als unerwünschte und giftige Nebenprodukte bei Verbrennungsprozessen. Bei den drei KVA im Kanton Aargau wurden Anfang der 1990er-Jahre, ausgelöst durch die neue Luftreinhalte-Verordnung, weitergehende Rauchgasreinigungsanlagen in Betrieb genommen. Damit wurden die Dioxin-Emissionen aus den Anlagen stark reduziert, mit der späteren Inbetriebnahme der Entstickungsanlagen wurden sie weiter vermindert.

Kanton wird nach hohen Dioxinwerten bei einer KVA in Lausanne aktiv

Im Rahmen der Luftemissionsüberwachung der drei Aargauer KVA gehört auch Dioxin zum Messprogramm. Der Boden rund um die Anlagen wurde laut dem Regierungsrat bisher nicht intensiver auf Rückstände des giftigen Schadstoffes untersucht. Aufgrund der hohen Dioxinbelastungen rund um eine ehemalige Kehrichtverbrennungsanlage in Lausanne wird die zuständige Abteilung für Umwelt im Aargau nun aber aktiv.

Gemäss der Antwort des Regierungsrats soll ein unabhängiges Büro und Labor rund um die drei Aargauer KVA nächstes Jahr Bodenproben nehmen und auf Dioxin analysieren. In einer Besprechung zwischen dem Departement Bau, Verkehr und Umwelt und Vertretern der Anlagen wurde Mitte November das Vorgehen für die Untersuchungen besprochen. Bei der Festlegung des Messprogramms sollen die aktuellsten Erkenntnisse aus den Messungen um die KVA in Lausanne einfliessen.

Aargau will Ergebnisse der Bodenproben mit früheren Resultaten vergleichen

Die Ergebnisse der geplanten Untersuchungen um die drei Aargauer KVA sollen mit den Resultaten der Messungen aus den 1990er-Jahren sowie aktuellen Ergebnissen im Raum Lausanne und allenfalls weiteren Messkampagnen rund um Schweizer KVA-Standorte verglichen werden können. Die Resultate der Dioxin-Untersuchungen werden im zweiten Quartal des Jahres 2022 erwartet. Ob sich daraus weiterer Handlungsbedarf ergibt, hängt laut dem Kanton von den Ergebnissen der Messungen ab.

Entwarnung gibt der Regierungsrat bei einer Frage zum Grundwasser, die SP-Grossrat Brügger gestellt hatte. Es gebe keine Verdachtsmomente, die auf Belastungen von früheren oder heutigen Rauchgasemissionen aus der KVA Buchs zurückzuführen wären. Entsprechend gibt es auch kein darauf ausgerichtetes Grundwasserüberwachungsprogramm. Es wird seit Jahren eine grossräumige Grundwasserüberwachung des Areals Lostorf wegen dort vorhandener ehemaliger Abfalldeponien durchgeführt.

Brügger hielt zudem fest, die Filterasche aus der KVA Buchs sei jahrelang in Säcken auf dem Gelände «Lostorf» gelagert worden. Er wollte wissen, ob es eine Garantie gebe, dass diese Säcke dicht waren und fragte, wo die Asche letztlich deponiert worden sei. Die Regierung schreibt, in den Jahren 1984 bis 1994 seien staub- und luftdichte «Bigbags» auf einer asphaltierten Fläche zwischengelagert worden. Bis ins Jahr 1985 wurden auch einige Säcke mit Filterasche in der Sondermülldeponie Kölliken abgelagert. Nach deren Schliessung wurden die Säcke in Deutschland in Untertagedeponien entsorgt, heisst es in der Antwort weiter.

Aktuelle Nachrichten