Als Ruth Jo. Scheier 2009 in der az-Rubrik «Neu im Grossen Rat» gefragt wurde, welcher Vorstoss noch geschrieben werden müsse, sagte sie: «Nachdem stets viele, teilweise unbedachte oder ‹Prestige-Vorstösse› eingereicht werden, möchte ich an dieser Stelle an die Qualität der Vorstösse appellieren.»

Unbedacht ist bei der 40-Jährigen wohl kaum je etwas. Die Buchhalterin und kaufmännische Leiterin eines Silotechnik-Herstellers nimmts genau. Sie sagt: «Ich bin eine technisch Veranlagte. Ich habe es gerne nachvollziehbar und gründlich. Wenn es im System einen Fehler gibt, finde und behebe ich ihn.»

Es war ein Satz, der Scheier politisierte. Als sie sich als Präsidentin zweier Kinderkrippen in der Arbeitsgruppe des Badener Krippenpools für eine einfache Lösung einsetzte, wurde ihr oft beschieden, ihr Modell sei «schon gut, aber politisch nicht machbar».

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Irgendwann habe sie den Satz nicht mehr hören können. «Er hat mich so genervt, dass ich selber sehen wollte, wie viel nicht machbar ist.» Sie trat der GLP bei und wurde im ersten Anlauf in den Grossen Rat gewählt. In ihrem Wohnort Wettingen sitzt sie im Einwohnerrat.

Als Bauerntochter in Engelberg OW aufgewachsen, lernte sie früh, Verantwortung zu übernehmen. Wenn im Sommer ihre Gspänli in der Badi planschten, waren sie und ihre Geschwister die, die hinter dem Zaun am steilen Bord das Gras mähten. «Dafür wurden wir sehr freiheitlich erzogen», erzählt Scheier, die heute Mutter einer 17-jährigen Tochter ist.

Sie sang im Kirchenchor, spielte Tschinelle und Bongo in einer Gugge und sagt: «Ich bin ein Rhythmusmensch.» Da ist es wieder: das Genaue. Sie spielt nicht die Melodie, sondern gibt den exakten Takt an.

Maya Bally (BDP), Ruth Jo. Scheier (GLP) und Robert Obrist (Grüne) bei Moderator Christian Dorer im «Talk täglich».

Maya Bally (BDP), Ruth Jo. Scheier (GLP) und Robert Obrist (Grüne) bei Moderator Christian Dorer im «Talk täglich».

Verantwortung übernehmen: Darum geht es ihr auch jetzt. Sie würde künftig lieber in der Exekutive mitbestimmen. Die Mitte stärken. Gesetze ausarbeiten, «die für die ganze Gesellschaft sind, nicht nur für einen Teil».

Probleme entstünden dort, wo man zu wenig miteinander rede, das sehe man etwa im Asylwesen. «Ich bin auch nicht für eine Willkommenskultur. Man darf Anforderungen stellen. Aber nicht nach dem Motto: Ich Chef, du nix. Sondern auf Augenhöhe. Rede mitenand!»

Im Gesundheitssystem ortet sie einen «massiven Konstruktionsfehler»: «Alle Player wollen, dass der Kuchen möglichst gross ist, und ihr Stück möglichst gross ist.» So könne man keinen Sparanreiz schaffen.

«Ihnen traut das niemand so recht zu – wie wollen Sie das trotzdem schaffen?»

«Ihnen traut das niemand so recht zu – wie wollen Sie das trotzdem schaffen?»

az-Chefredaktor Christian Dorer fühlt Bally, Scheier und Obrist (v.l.) auf den Zahn.

GLP-intern hatten viele Kandidaten für den Regierungsrat abgesagt. Vizepräsidentin Scheier glaubt an die Chance ihrer Partei, sagt aber: «Ich mache mir keine Illusionen, es ist auch in Ordnung, wenn ich nicht gewählt werde.»

Gar nicht gern gehört hat sie aber den «Jekami-Vorwurf»: Ihre Kandidatur wurde nach Bekanntwerden als aussichtslos, ja kontraproduktiv kritisiert. «Ich finde, es ist Teil unserer Demokratie: Den Anspruch zu haben, dass nur die grossen Parteien kandidieren dürfen, ist doch genauso undemokratisch.»

Bleibt die Frage: Was macht dieses «Jo.» im Namen? Jetzt lacht sie wieder. Als Teenager sei ihr der Name Ruth 50 Jahre zu alt vorgekommen. «So habe ich einfach meinen zweiten Vornamen Johanna genommen und abgekürzt.» Viele kennen sie sogar nur als «Dscho». Inzwischen hat sie sich mit der «Ruth» versöhnt. Auf dem Wahlplakat stehen beide Namen. Gründlich und bedacht.