Rücktritt

Rudolf Hug war 16 Jahre lang bei Axpo: «Strom ist nicht alles, aber ohne Strom ist alles fast nichts»

Rudolf Hug: EU-Stromabkommen bringt Chancen in Süddeutschland.

Rudolf Hug: EU-Stromabkommen bringt Chancen in Süddeutschland.

Der Unternehmer Rudolf Hug tritt nach 16 Jahren aus dem Verwaltungsrat der Axpo zurück. An öffentlichen Kontroversen mangelte es in all den Jahren nicht.

Volle 16 Jahre war der Unternehmer Rudolf Hug aus Oberrohrdorf Mitglied des Axpo-Verwaltungsrates, zuletzt dessen Vizepräsident. Am Freitag wurde er an der Axpo-Generalversammlung verabschiedet. In diesen 16 Jahren hat Hug Höhen und angesichts eines fast endlos fallenden Strommarktpreises auch Tiefen miterlebt, die er sich vorher nicht ausmalen konnte. Würde er wieder zusagen? Hug ohne zu zögern: «Ich habe es keinen Moment bereut, war mit Herzblut dabei und würde es sofort wieder tun.» Doch wie kam er in diese Funktion? Als Unternehmer und Politiker war er als Finanz- und nicht als Energiespezialist profiliert. Er war aber bekannt dafür, genau hinzuschauen.

Damals fand im Verwaltungsrat der erst zwei Jahre zuvor aus den Nordostschweizerischen Kraftwerken (NOK) hervorgegangenen Axpo ein markanter Wechsel statt. Das Gremium wurde verkleinert und professionalisiert. Die Aargauer Regierung (nur der amtierende Energiedirektor blieb im Verwaltungsrat) wollte mehr unternehmerisches Know-how einbringen. Da kam sie 2003 auf den erfolgreichen Unternehmer, der damals auch für die FDP im Grossen Rat sass. Rudolf Hug hatte viel mit Strom zu tun, die Technik faszinierte ihn damals wie heute. Er sagte zu.

Axpo-Dividende rettete Budget

Schon zu Beginn wurde er in den Prüfungs- und Finanzausschuss des Axpo-VR gewählt, den er in den letzten neun Jahren präsidierte. Rasch geriet er aber ins Visier anderer Parlamentarier, die verlangten, er müsse im Verwaltungsrat politische Positionen einbringen. So trat er 2005 aus Gründen der «good governance» aus dem Parlament zurück. Zuvor gelang ihm aber noch ein Husarenstück. Das schwierige Kantonsbudget 2004 drohte im Grossen Rat zu scheitern. Da holte Hug in Kenntnis der guten Axpo-Zahlen vom Verwaltungsratspräsidenten spontan die Befugnis ein, im Rat mitzuteilen, dass die Axpo-Dividende höher ausfallen werde als erwartet. Damit war das Budget gerettet.

In Hugs ersten Axpo-Jahren war die Schweizer Stromwelt noch in Ordnung. Die Axpo und die anderen Energiekonzerne schrieben enorme Gewinne. Die Kantone als ihre hauptsächlichen Besitzer (der Aargau und die kantonseigene AEW halten je rund 14 Prozent an der Axpo) konnten sich über hohe Dividenden freuen. Hug: «Es wurde dann aber zu einer richtigen Achterbahnfahrt. Anfangs verdiente die Axpo bis über eine Milliarde, dann, zur Zeit des grössten Strompreiszerfalls, verlor sie bis über eine Milliarde Franken.» Anfangs hatte Hug öfters bremsend einwirken müssen, damit man das reichlich vorhandene Geld nicht zu schnell ausgab: «Das hat sich ausbezahlt. So hatten wir ein dickes Finanzpolster, als die Strompreise später dramatisch fielen.»

Schliesslich ist die Energieversorgung ein grosses öffentliches Thema. So geriet die Axpo ins Kreuzfeuer der Kritik, als sie in Italien Gas-Kombikraftwerke baute und die Turbinen dafür nicht bei Alstom, sondern bei Ansaldo bestellte. Man habe diesen Kauf intern dann nochmals ganz genau angeschaut, erinnert sich Hug. Und man sei zum Schluss gekommen, dass die Vergabe so richtig war.

Kontroversen löste auch der Bau des riesigen Speicherkraftwerks Linth-Limmern aus. Kritiker fragten von Beginn weg, ob sich dieses wirklich rechnen werde. «Als der Bau beschlossen wurde, war ein Ersatzkernkraftwerk in Planung und es wurde viel Spitzenenergie über Mittag gebraucht», so Hug, und weiter: «Wasser sollte mit dem Strom des Kernkraftwerks, den man nachts nicht brauchte, wieder hochgepumpt werden und so zur Versorgungssicherheit beitragen», was Umweltorganisationen heftig kritisierten. Dass es nicht gleich zu einer Ertragsperle würde, habe man gewusst, sagt Hug. Es habe die Renditevorgaben aber knapp erfüllt.

Inzwischen haben sich die Rahmenbedingungen massiv verändert. Durch die zahllosen Solaranlagen in Deutschland ist mittags genug Strom vorhanden und das Ersatzkernkraftwerk war in der Schweiz nach Fukushima kein Thema mehr. Hug ist aber überzeugt, dass durch die vielen Wind- und Solaranlagen in Deutschland die Stabilität des Netzes schlechter wird. Insbesondere wenn die AKW im süddeutschen Raum abgestellt werden: «Dann können wir, wenn auch mit einem anderen Geschäftsmodell als geplant, den Strom als Regelenergie verkaufen. Voraussetzung dafür ist allerdings das fertig ausgehandelte Stromabkommen mit der EU, das diese auf Eis gelegt hat.»

Fukushima änderte alles

Die grössten Einschnitte in Hugs Axpo-Zeit waren der Tsunami und die darauffolgende Atomkatastrophe von Fukushima, die daraufhin vom Schweizervolk an der Urne bestätigte Energiestrategie 2050 des Bundes (der Aargau lehnte sie ab) und der Strompreiseinbruch in Europa. Hug ist heute noch überzeugt, dass der Entscheid, Kernenergie von Gesetzes wegen zu verbieten, falsch war. Es werde neue Anlagen mit inhärenter Sicherheit geben. Er glaubt nicht, dass es allein mit erneuerbaren Energien gelingen wird, den Energiehunger der Menschen zu stillen, wenn die deutschen und Schweizer AKW dereinst abgeschaltet sind und die fossilen Brennstoffe aus Klimaschutzgründen durch Strom ersetzt werden. Ihm ist aber klar, dass mit oder ohne Kernenergieverbot in der Schweiz keine AKWs der heutigen Generation mehr gebaut werden können.

Deshalb sieht er für eine Übergangszeit Gas-Kombikraftwerke, die weniger CO2 ausstossen als Kohlekraftwerke, als Lösung. Es ist ihm ernst damit. Denn das Bundesamt für Bevölkerungsschutz identifiziere als aktuell grösstes Risiko für die Schweiz eine mehrere Wochen anhaltende Stromunterversorgung. Die Schadenberechnungen gingen bis zu 100 Milliarden Franken und Tausende Todesopfer. Hug: «Das vergisst oder verdrängt man gern, weil wir heute in Europa Überkapazitäten haben.» Hugs Credo: «Strom ist nicht alles, aber ohne Strom ist alles fast nichts.»

Strompreis erholt sich spürbar

In den letzten Jahren beschäftigte Hug vorab der dramatische Strompreiszerfall, der durch den schwächeren Euro noch verstärkt wurde, und der Axpo, Alpiq und anderen tiefrote Zahlen und viele hochbesorgte Schlagzeilen bescherte. In dieser Phase stand Hug als Präsident des Prüfungs- und Finanzausschusses im Zentrum des Orkans. Man diskutierte Notfallszenarien. Das ist nicht viel mehr als ein Jahr her. Inzwischen hat sich der Strompreis spürbar erholt. Er ist zwar noch lange nicht auf dem einstigen Niveau, und der Kraftwerkspark der Axpo rentiert insgesamt immer noch nicht, aber, so Hug: «Zum Glück erleben wir dank dem etwas wieder erstarkten Euro und höherer Marktpreise eine deutliche Entspannung. Wir schaffen es aus eigener Kraft», sagt er zu den finanziellen Perspektiven der Axpo.

Was tut Hug jetzt, ohne Axpo? Langweilig wird es ihm nicht. Er behält weitere Verwaltungsratsmandate und kann jetzt Reisen für seine grosse Leidenschaft, die Tierfotografie, etwas einfacher planen. Am meisten freut er sich auf weitere Buchprojekte. Noch in diesem Jahr soll ein Buch über das Pumpspeicherwerk Limmern erscheinen, illustriert vorwiegend mit Bildern von Rudolf Hug, die er in allen Phasen des Baus geschossen hat.

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