Drastische Massnahme
Rothrist will renitenten Eritreer ausschaffen lassen: «Sehen keine andere Lösung»

Ein 17-jähriger Eritreer reiste im Juni 2014 als unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender (UMA) in die Schweiz ein. Seither gibt es immer wieder Probleme mit dem Gesetz, derzeit ist er obdachlos. Nun verlangt Rothrist eine drastische Massnahme – das Netzwerk Asyl stellt indes die Forderung infrage.

Fabian Hägler
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Die Gemeinde Rothrist ist nicht länger bereit, einen 17-jährigen Eritreer zu betreuen und fordert dessen Ausschauffung.

Die Gemeinde Rothrist ist nicht länger bereit, einen 17-jährigen Eritreer zu betreuen und fordert dessen Ausschauffung.

Keystone

«Er ist in unserem Land schlichtweg nicht tragbar.» So lautet die Einschätzung des Gemeinderats Rothrist zum 17-jährigen Eritreer R. F., der seit rund drei Jahren in der Gemeinde lebt. In einem Brief ans kantonale Migrationsamt, welcher der az vorliegt, verlangt der Gemeinderat drastische Massnahmen.

«Wir fordern die zuständigen Stellen auf, R.F. nach Vollendung des 18. Altersjahres (21.10.2017) die Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz zu entziehen und ihn auszuschaffen.» Sollte eine Ausschaffung nicht möglich sein, verlangt der Gemeinderat, «dass R. F. in die kantonalen Strukturen zurückgenommen wird». Die Gemeinde sei nicht länger bereit, eine derart renitente Person zu betreuen.

Für den Gemeinderat Rothrist ist der Fall klar: «Ausländer, die in ihrem Heimatland angeblich verfolgt sind und in die Schweiz flüchten, die jedoch nicht im Entferntesten gewillt sind, sich in unserem Land zu integrieren und sich an die bei uns geltenden Regeln und Vorschriften zu halten, verdienen keinen Schutz.»

Gemeinderat fühlt sich ohnmächtig

R. F. ist laut dem Rothrister Gemeindeschreiber Stefan Jung ein solcher Fall: «Wir fühlen uns ohnmächtig, sind ratlos und sehen keine andere Lösung, als die Ausschaffung zu beantragen.» Der junge Eritreer reiste im Juni 2014 als unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender (UMA) in die Schweiz ein. «Seine Mutter ist angeblich verstorben, sein Vater lebt vermutlich in Eritrea», heisst es im Brief des Gemeinderats ans Migrationsamt.

Der damals 14-Jährige wurde vorläufig aufgenommen und zog im August 2014 nach Rothrist zu seiner Halbschwester. Dort sei R. F. allerdings nicht lange tragbar gewesen. «Er hielt sich an keine Regeln, befolgte keine Anweisungen und blieb nächtelang von zu Hause fern.» Ausserdem habe der junge Eritreer immer wieder Diebstähle begangen und seine Halbschwester unter Druck gesetzt.

Probleme auch im Heim

In der Schule sei R. F. aufgrund seines frechen und unmotivierten Verhaltens zusehends untragbar geworden, «sodass er im Juli 2016 im Aufnahmeheim Seon platziert werden musste». Doch auch dies war keine Lösung: Weil er sich aggressiv verhielt und die Hausordnung nicht befolgte, musste der junge Eritreer das Heim schon im November 2016 wieder verlassen.

Seinem Vormund gelang es, für R. F. ein Zimmer in Rothrist zu mieten. Innert kürzester Zeit sei es aber zu Reklamationen der Mitbewohner gekommen. Der junge Eritreer habe sich nicht an die Hausregeln gehalten, häufig die Nachtruhe gestört und Mitbewohner bestohlen. Ende März 2017 erfolgte die Wohnungsausweisung. Gemäss Aussage des Vermieters hatte der Eritreer vor seinem Auszug die Wohnung komplett demoliert. «Momentan ist R. F. obdachlos.»

Der junge Eritreer sei trotz der grossen Unterstützung der Sozialen Dienste Rothrist nicht tragbar, schreibt der Gemeinderat. «Er konnte sich in keiner der angebotenen Wohnformen anpassen. Aufgrund seiner vielen Absenzen verwies ihn die Schulpflege im März 2017 von der Schule. Wegen seiner Delinquenz musste sich auch die Jugendanwaltschaft mit ihm befassen. Sein Vormund wurde von R. F. immer wieder grundlos beschimpft und bedroht.»

Kanton prüft Antrag aus Rothrist

Samuel Helbling, Sprecher des kantonalen Innendepartements, sagt auf Anfrage, der Antrag aus Rothrist werde geprüft. «Solange diese Prüfung im Gang ist, können wir keine Aussagen zu den Forderungen machen.» Grundsätzlich sei das Staatssekretariat für Migration in Bern zuständig, wenn es um Aufenthaltsbewilligungen oder einen Flüchtlingsstatus gehe.
Patrizia Bertschi, Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl Aargau, kennt den Fall von R. F. nicht. Sie müsse sich auf allgemeine Haltungen beschränken. «Ich weiss, dass das Leben von unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern nicht immer geradlinig verläuft», sagt sie.

Gerade bei traumatisierten jungen Flüchtlingen, die keine Therapie erhielten, könne der Weg sehr steinig sein. Auf die Forderungen des Gemeinderats angesprochen, sagt Bertschi: «Ich gehe davon aus, dass Rothrist einiges versucht hat.» Sie stelle sich die Frage, «was wir in derselben Situation mit Schweizer Jugendlichen machen würden».

Ein eritreischer Jugendlicher müsste aus ihrer Sicht die gleichen Möglichkeiten haben. «Eine Umplatzierung ist wohl nötig», sagt Bertschi. Dass eine kantonale Unterkunft der richtige Ort ist, bezweifelt sie aber. «Den Entzug der vorläufigen Aufnahme stelle ich infrage.»