Falls für die Nachfolge von Franziska Roth ein Mann gewählt wird, ist die fünfköpfige Aargauer Regierung ab 2020 rein männlich. Das ist bei den Diskussionen, ob am 20. Oktober eine Frau gewählt werden soll, ob Dossierkenntnisse oder Führungserfahrung stärker zu gewichten seien, und welche Politikerinnen überhaupt infrage kommen, eines der grossen Themen.

Mit dem Grünen Severin Lüscher ist erst ein Kandidat bekannt. Bei allen anderen Parteien laufen derzeit die internen Prozesse. Entsprechend bedeckt halten sie sich, nur wenig dringt darüber nach draussen, ob sie überhaupt antreten wollen und falls ja, mit wem.

SP-Nationalrätin Feri hat ihr Interesse bereits bekundet, ebenso hat BDP-Grossrätin Maya Bally angedeutet, dass die Kandidatur sie interessieren würde. Feri und Bally sind bei den letzten Wahlen der inzwischen zurückgetretenen Franziska Roth unterlegen.

Während sich bei den Grünen keine Frau zur Verfügung gestellt hat, scheint der Pool an möglichen Kandidatinnen bei den bürgerlichen Parteien deutlich grösser zu sein. Sowohl SVP wie auch FDP und CVP haben Frauen in ihren Reihen, deren Profil den Anforderungen für das Amt als Regierungsrätin durchaus entspricht.

SVP: Bircher bereits angefragt

Bei der SVP werden momentan zwei Namen genannt: Die im Herbst zurücktretende Nationalrätin Sylvia Flückiger sowie Martina Bircher, Grossrätin und Vizeammann von Aarburg. Sylvia Flückiger sagt, sie habe mit der Findungskommission Stillschweigen vereinbart, sie äussert sich also nicht zu einer allfälligen Kandidatur.

Für sie sprechen würde die langjährige politische Erfahrung: Flückiger ist seit 2007 im Nationalrat, von 2000 bis 2008 war sie im Aargauer Grossen Rat, davon während fünf Jahren Mitglied der Gesundheitskommission. Sie kennt sich entsprechend mit den Themen des Departements Gesundheit und Soziales (DGS) aus. Allerdings ist Sylvia Flückiger mit 67 Jahren bereits im Pensionsalter.

Martina Bircher andererseits ist erst 35 Jahre alt. Die noch lange politische Karriere, die sie vor sich hat, könnte für sie als Regierungsrätin sprechen. Dass sie als Vizeammann erst wenig Exekutiverfahrung vorweist, eher dagegen.

Bircher ist seit 2017 im Parlament und in der Kommission Gesundheit und Soziales – auch sie ist deswegen mit den Dossiers des vakanten Departements vertraut und hat sich insbesondere mit ihren Vorstössen zu Sozialhilfe und Asylwesen einen Namen gemacht.

Sie vertritt zudem stramm den Kurs der SVP. Die Findungskommission der Partei hat Bircher bereits angefragt. Und die Grossrätin scheint auch nicht abgeneigt: Gegenüber der AZ sagt Martina Bircher, sie habe ihre Partei um Bedenkzeit gebeten, einen solchen Entscheid fälle man nicht leicht.

Gesundheitspolitikerin für FDP?

Das sagt auch Martina Sigg von der FDP auf die Frage, ob sie für den Regierungsrat kandidiert. Als Apothekerin mit eigenem Geschäft gelte es, sich eine solche Kandidatur besonders gut zu überlegen. Ansonsten verweist sie auf die Parteileitung, noch sei nichts entschieden und die Gespräche noch am Laufen.

Sigg ist Präsidentin der FDP Frauen Aargau. «Ich bin der Meinung, dass es gut wäre, eine Frau zu präsentieren», sagt die Schinznacherin.

Dieses Anliegen hätten die FDP-Frauen entsprechend bei der Parteileitung deponiert. Aber es geht nicht nur um die Frauenfrage: «Dossierkenntnisse wären bestimmt auch von Vorteil», findet Martina Sigg – diese hat sie als Mitglied der Gesundheitskommission.

Der gleichen Meinung ist die Fraktionspräsidentin der FDP, Sabina Freiermuth. Eine reine Männerregierung sei wohl nicht mehr zeitgemäss, dass dies überhaupt thematisiert werden muss, stört sie aber: «Wenn die Parteien ihre Personalpolitik richtig betreiben, dann haben sie fähige Personen beider Geschlechter.»

Das ist ihrer Meinung nach bei der FDP der Fall. Das Geschlecht als alleiniges Kriterium lässt Freiermuth aber nicht gelten. «Wenn eine Person alles mit bringt, was es für den Regierungsrat braucht, entscheide ich nicht anhand des Geschlechts.

Fachkenntnisse sind dabei auch nicht alleinentscheidend, wie die jüngsten Ereignisse zeigen, muss sich ein Regierungsmitglied in alle Fachbereiche einarbeiten können», sagt sie.

Zu einer möglichen eigenen Kandidatur hält sich Freiermuth bedeckt.

Ruth Humbel interessiert

Auch bei der CVP werden derzeit noch keine Namen genannt. Wie die AZ weiss, soll die Nationalrätin und schweizweit anerkannte Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel einer Kandidatur nicht abgeneigt sein. Sie war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Auch eine Kandidatur mit Grossrätin Edith Saner soll in der Partei bereits diskutiert werden.

Saner kommentiert die Anfrage der AZ nicht weiter, sondern sagt, dieses Thema stehe für sie derzeit nicht im Vordergrund. Als Präsidentin des Vereins Aargauischer Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen (VAKA) bringt sie Dossierkenntnisse mit, im Grossen Rat ist sie seit 2014.

Laut Parteipräsidentin Marianne Binder ist klar, dass Ruth Humbel und Edith Saner zuoberst auf der Liste für die Nationalratswahlen stehen. Für Binder kommt eine Kandidatur für den Regierungsrat nicht infrage. Sie ist die Kandidatin der CVP für den Ständerat. Die Partei führe aber mit verschiedenen Leuten Gespräche, sagt sie.

CVP-Fraktionspräsident Alfons Paul Kaufmann, Koordinator für die Kandidatur seiner Partei, versichert, dass man nur eine Kandidatin oder einen Kandidaten präsentieren werde, hinter dem die Partei «zu 100 Prozent» stehen kann. «Fachkompetenz im Gesundheitswesen, Führungserfahrung und Sozialkompetenz sind die zentralen Eigenschaften, welche die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Franziska Roth mitbringen muss», sagt er. Nur so hätten die Unsicherheiten im DGS ein Ende. Kaufmann lässt deswegen auch offen, ob die CVP überhaupt jemanden nominieren wird: «Das tun wir nur, wenn wir eine valable Kandidatin oder einen valablen Kandidaten haben.»