Zofingen

Rotary Club will Benjamin Giezendanner nicht aufnehmen – auch SVP-Bircher hatte schon Probleme

Benjamin Giezendanner war 2018 Grossratspräsident.

Benjamin Giezendanner war 2018 Grossratspräsident.

Er war Grossratspräsident, ist Nationalrat, und wird wohl bald Aargauer Gewerbeverbandspräsident – nur in den Rotary Club Zofingen schaffte es Benjamin Giezendanner nicht. In einer geheimen Abstimmung sprachen sich acht Mitglieder gegen seine Aufnahme aus.

Jeweils montags trifft sich im Hotel Zofingen oder im «Scharfen Ecken» in Rothrist eine Schar Männer zum Lunch – Männer, die Einfluss haben oder hatten. Frauen sind auch da, aber nur vereinzelt. Es ist das wöchentliche Treffen des Rotary Clubs Zofingen. Angehörige verschiedenster Berufe sind darin zusammengeschlossen, um Netzwerke aufzubauen und zu pflegen. Letzten Montag etwa gab es einen Vortrag zum Thema «natürliche Anstrichstoffe», nächste Woche steht ein «Plauderlunch» auf dem Programm. Wie andere Rotary Clubs auch unterstützt der Zofinger Ableger grosszügig gemeinnützige Projekte. Letzten Mai beispielsweise organisierte er ein Charity-Golfturnier, bei dem 25 000 Franken zusammenkamen. Das Geld floss in ein Projekt, das die Integration von sozial und wirtschaftlich benachteiligten Kindern und Jugendlichen in der Region fördert.

Weniger offensiv in der Öffentlichkeit will der Club über eine Angelegenheit sprechen, die ihn seit Jahren intensiv umtreibt und tiefe Verwerfungen hinterlassen hat. Der Rotary Club Zofingen lehnte es ab, den damaligen Grossrat und heutigen SVP-Nationalrat Benjamin Giezendanner in seine Reihen aufzunehmen. Auch Martina Bircher, inzwischen ebenfalls ins nationale Parlament gewählt, wäre dem Club gerne beigetreten, wenn man sie gewollt hätte. Sie zog sich wieder zurück, bevor ihre Aufnahme zur Abstimmung kam.

Doch der Reihe nach. Benjamin Giezendanner signalisierte vor rund zwei Jahren sein Interesse, bei den Zofinger Rotariern mitzumachen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er gerade sein Jahr als Grossratspräsident hinter sich. Bei den Rotariern fühle er sich zu Hause, hier würde er gerne Freundschaften aufbauen und pflegen, liess er diverse Clubmitglieder wissen.

Clubmitglied kritisiert geheime Abstimmung

In den nächsten Wochen und Monaten nahm das Aufnahmeprozedere zunächst seinen gewohnten Gang. Ein Götti empfahl Giezendanner zur Aufnahme, bei der dreiköpfigen Aufnahmekommission ging ein entsprechendes Aufnahmegesuch ein. Nach einem Gespräch mit ihm sprachen sich Kommission und Vorstand einstimmig für die Aufnahme des Transportunternehmers aus. Es herrschte die einhellige Meinung vor, Giezendanner erfülle die Aufnahmekriterien quasi perfekt: erfolgreicher Unternehmer, aufstrebender Politiker, überzeugter Milizoffizier. Dass die Sache alles andere als perfekt über die Bühne gehen würde, war spätestens klar, als eine schriftliche Einsprache gegen die Aufnahme Giezendanners einging. Versuche der Aufnahmekommission, die Einwände des Einsprechers im Gespräch zu klären, scheiterten.

Im November 2018 schliesslich wurde das Aufnahmegesuch den versammelten Mitgliedern vorgelegt. Einige versuchten noch, eine offene Abstimmung herbeizuführen – vergeblich. In der geheim durchgeführten Abstimmung – so sehen es die Statuten bei einer Einsprache vor – sprachen sich acht Mitglieder gegen die Aufnahme Giezendanners aus. Bei heute 72 Mitgliedern ist das zwar eine kleine Gruppe. Aber in den Statuten steht, dass zur Aufnahme eines Neumitglieds höchstens drei Gegenstimmen zulässig sind. Was darüber ist, ist ein Njet.

Seit dieser Abstimmung ist im Rotary Club Zofingen nichts mehr, wie es vorher war, wie mehrere Mitglieder übereinstimmend berichten. «Rotariern unwürdig war vor allem die anonym durchgeführte Abstimmung», meint ein langjähriges Mitglied. Es kam zu mindestens einem Rücktritt, manche Mitglieder meiden seither das Hotel Zofingen, einen von zwei Versammlungsorten des Clubs. Benjamin Giezendanner will sich auf Anfrage nicht zu der Angelegenheit äussern; er habe die Geschichte persönlich mittlerweile abgehakt. Über die Gründe, warum man ihn nicht wollte, kann nur spekuliert werden; die allermeisten Mitglieder halten sich bedeckt. Möglicherweise wurden alte Rechnungen beglichen, auch mit Benjamins Vater Ulrich Giezendanner, der seit langem Mitglied im Club ist.

Ebenfalls nicht mehr so gut auf den hiesigen Rotary Club zu sprechen ist die Aarburger Gemeinderätin und SVP-Nationalrätin Martina Bircher. Sie wurde 2017 angefragt, ob sie Interesse hätte, mitzumachen. Es war das Jubiläumsjahr und der damalige Präsident hatte sich vorgenommen, in Zofingen erstmals eine Frau aufzunehmen. Die beiden einzigen Frauen, die heute dabei sind, kamen durch Zuzug zum Club, sie wurden anderswo aufgenommen. Die aufstrebende Grossrätin aus Aarburg schien eine gute Kandidatin, die erste Frau zu sein, die in Zofingen aufgenommen würde. Mit dem Eingang des Aufnahmegesuchs ging das Prozedere wie üblich in die erste Runde.

Präsident Thomas Burgherr äussert sich nicht

Doch nach dem Gespräch mit der Aufnahmekommission und deren Empfehlung, Bircher aufzunehmen, regte sich Widerstand. Mindestens fünf Mitglieder signalisierten klar, ihr die Aufnahme zu verweigern. Als diese davon erfuhr, setzte sie einen geharnischten Brief auf und zog ihr Aufnahmegesuch zurück. Bircher bestätigt den Vorgang auf Anfrage. Offenbar hatten ein paar Männer Mühe damit, eine Frau aufzunehmen. «Ich habe deutlich geschrieben, dass ich unter solchen Umständen nicht Mitglied eines solchen Clubs sein möchte», sagt sie.

Besonders ärgerlich ist die Nicht-Aufnahme Giezendanners und Birchers für deren Parteikollegen und Nationalrat Thomas Burgherr, der den Rotary Club zurzeit präsidiert. Mehrfach habe er gedroht, das Präsidium, das jeweils ein Jahr dauert, gar nicht erst anzutreten, sagen mehrere Mitglieder. Burgherr selbst will weder zur Causa Giezendanner noch zum Fall Bircher etwas sagen: «Ich will das nicht weiter kommentieren», sagt er auf Anfrage.

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