Unverständnis

Rollstuhlgängige Haltestellen: «Wir brauchen keine Luxuslösung»

Treffen mit Karl Emmenegger, um zu testen, wie einfach/schwer es ist, in den Bus einzusteigen und wie die Situation für behinderte und eingeschränkte Personen ist. (17. Oktober 2018)

Warum ein Betroffener nicht versteht, dass rollstuhlgängige Haltestellen so viel kosten.

Treffen mit Karl Emmenegger, um zu testen, wie einfach/schwer es ist, in den Bus einzusteigen und wie die Situation für behinderte und eingeschränkte Personen ist. (17. Oktober 2018)

Karl Emmenegger führt ein schönes Leben, ist nicht krank und hat sich nie behindert gefühlt, obwohl er seit 40 auf den Rollstuhl angewiesen ist. Für ihn ist völlig unverständlich, dass rollstuhlgängige Haltestellen so viel kosten.

Karl Emmenegger (66) ist seit einem Autounfall vor 40 Jahren an den Rollstuhl gefesselt. Die Aufnahmeprüfung für eine Pilotenausbildung hatte er kurz davor geschafft. Aus und vorbei. Und trotzdem sagt der einstige Spitzenhandballer beim damaligen BTV Aarau und frühere Nationalspieler heute, er habe ein schönes Leben, sei nicht krank, habe sich nie behindert gefühlt.

Wir stehen mit ihm an der Haltestelle Salhöhe auf der Linie Barmelweid–Erlinsbach–Aarau, um den Bus Richtung Tal zu besteigen. Im Wartebereich ist die Strasse leicht nach hinten geneigt. Ein Rollstuhlfahrer muss aufpassen und sogar leicht aufwärtsrollen, um die vom hilfsbereiten Chauffeur ausgeklappte Rampe hochzufahren. Emmenegger ist fit, er schafft es allein. Manche andere bräuchten aber Hilfe, um sicher in den Bus zu kommen.

Nun, die Situation hier wird sich bald ändern. Es liegt ein Projekt vor, um die Haltestelle Salhöhe behindertengerecht zu machen. Der Kanton Aargau kauft der Gemeinde Kienberg SO dafür sogar 100 Quadratmeter Boden ab (dieser bleibt aber solothurnisch). Wenn man schon dabei ist, sollte man dringend auch einige bestplatzierte Parkplätze, die hier für Ausflügler reichlich vorhanden sind, für Behinderte reservieren, empfiehlt Emmenegger nachdrücklich.

Einst im Gepäckwagen

Er ist aber dankbar dafür, was man heute infrastrukturell und gerade auch im öffentlichen Verkehr für Behinderte tut. Damit bringe man ihnen auch Wertschätzung entgegen. Er erinnert sich an Zeiten, da er für eine Bahnreise samt Rollstuhl mit dem Hubstapler in einen Vieh- oder Gepäckwagen verfrachtet worden ist. Im Winter war es da bitterkalt und zugig. Heute sei vieles anders: «Ich kenne inzwischen Rollstuhlfahrer, die ein Generalabonnement haben.» Umso weniger versteht er, dass es die SBB fertigbringen, einen neuen Zug zu beschaffen, der im Praxistest für Rollstühle durchfällt.

Emmenegger hat im Paraplegikerzentrum Nottwil den Bereich berufliche Wiedereingliederung aufgebaut und geleitet. Auch jetzt, als Pensionierter, coacht er teilzeitlich Arbeitgeber und Behinderte: «Integration braucht Entgegenkommen und Kompromissbereitschaft von beiden Seiten.» Er ist stolz darauf, dass er, obwohl er beim Unfall damals schlecht versichert war und nachher raschestmöglich wieder Geld verdienen musste, nie eine IV-Rente oder Sozialhilfe bezog.

Die Forderung, die Postautomillionen für Bushaltestellen einzusetzen, unterstützt Emmenegger sehr. Dass der Umbau so viel kostet, wie das Baudepartement darlegt, versteht er nicht: «Wir brauchen keine Luxuslösung, sie müssen bezahlbar sein.» Eine Rampe an der Haltestelle, ein absenkbarer Bus und eine Klappe, die man per Knopfdruck ausfahren kann und die sich mittels Sensoren so weit absenkt, dass man problemlos hineinfahren kann, würden reichen.

Bei der Anpassung sei auch die Verhältnismässigkeit zu beachten, sässen doch nur zwei Prozent der Menschen im Rollstuhl. Emmenegger: «Das sage ich als Steuerzahler und Rollstuhlfahrer: Einfache und zweckmässige Lösungen, dafür schnell.»

Meistgesehen

Artboard 1