Interview

Richter Ruedi Bürgi prägte das Obergericht 30 Jahre lang: «Man muss manchmal eine harte Haut haben»

Oberrichter Ruedi Bürgi geht nach 35-jähriger Richtertätigkeit in den Ruhestand – aber eigentlich hätte er gerne noch lange weitergemacht.

Oberrichter Ruedi Bürgi geht nach 35-jähriger Richtertätigkeit in den Ruhestand – aber eigentlich hätte er gerne noch lange weitergemacht.

Der Jurist hat in den vergangenen 35 Jahren die Rechtsprechung im Aargau massgeblich mitgeprägt. Jetzt wird er pensioniert und blickt zurück auf sein Leben als Richter.

Er würde gerne noch einige Jahre weiter machen. Doch jetzt ist Schluss. Oberrichter Ruedi Bürgi wird pensioniert und muss das Obergericht nach 35 Jahren verlassen. Einspruch zwecklos.

Wir treffen ihn am Obergericht. Zuerst sitzen wir in seinem Büro, dann wechseln wir in den Gerichtssaal. Er spricht präzis, strukturiert und sehr offen. Von der Leidenschaft für seinen Beruf, die er sich bis heute erhalten hat. Über Recht und Gerechtigkeit. Und man spürt die leise Wehmut über den Abschied.

Im Handball standen Sie viele Jahre im Tor. Gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen einem guten Torhüter und einem guten Hüter des Rechts?

Ruedi Bürgi: Was für eine Frage! (überlegt) Beide, Torhüter und Richter, haben eine bewahrende, schützende Aufgabe, der eine verhindert ein Tor, derandere entscheidet, ob das Recht eingehalten ist. Und beide müssen sich an die Normen halten, der Torhüter an die Regeln des Spiels, der Richter an die Gesetze. Das passt tatsächlich gut zu mir.
Aber: Vorsicht mit Regeln!

Wie meinen Sie das?

Der Gedanke, mit möglichst umfassenden Regeln würden Probleme vermieden, ist ein Trugschluss. Normen können nur mithelfen, das Zusammenleben zu ordnen, indem sie Leitplanken setzen. Aber es gilt: Nur das Nötige regeln, mit je weniger Regeln man auskommt, desto besser kann man sie handhaben. Ein gutes Gesetz ist eines, das vieles umfasst und dennoch schmal bleibt.

Gerichtssaal im Aargauer Obergericht: Hier hat Ruedi Bürgi von 1991 bis 2019 gerichtet. .

Gerichtssaal im Aargauer Obergericht: Hier hat Ruedi Bürgi von 1991 bis 2019 gerichtet. .

Sie waren fünf Jahre Obergerichtsschreiber, danach 30 Jahre Oberrichter – wie bleibt man dabei so fröhlich?

Ganz einfach: Ich mache meine Arbeit gern. Ich habe es bis heute für ein Privileg gehalten, Oberrichter sein zu dürfen.

Wollten Sie schon als Kind Richter werden?

Nein. Es zog mich als Jugendlicher eher zur Literatur und zu den Sprachen. Zuerst habe ich ja auch nicht Jus studiert, sondern Französisch und Spanisch.

Und dann?

Dann habe ich erkannt, dass mich die Juristerei doch mehr anzog, ich sah die breiteren Berufsmöglichkeiten, obwohl mir – aus heutiger Sicht – die Arbeit als Lehrer, die Arbeit mit jungen Menschen, auch sehr gut gefallen hätte.

Warum sind Sie Richter und nicht Anwalt?

Ein Anwalt muss wohl immer auch Lösungen suchen, das würde zu mir passen, aber er muss häufig nach den Interessen seiner Klienten kämpfen, darf die Konfrontation nicht scheuen, muss offensiv sein. Als Mensch bin ich aber einer, der sich gerne alles gründlich von allen Seiten her anschaut, der beobachtet, abwägt und dann entscheidet. Argumentieren liegt mir, streiten jedoch kann ich nicht so gut. Da passt das Amt des Richters also schon zu meiner Persönlichkeit.

Hat man als Oberrichter ein strenges Leben?

Ja, die Arbeitsbelastung ist hoch, da hätte es einem manchmal schon zu viel werden können, aber die Arbeit ist so erfüllend und spannend zugleich, dass die Frage des Aushaltens nie ein Thema war. Und da ich die Arbeit gründlich machen, mich in die Fälle hineinleben wollte, hat es mich auch nie gestört, den nötigen Einsatz zu leisten.

Was sagt Ihnen 5.46?

Das ist die Abfahrtszeit des Zuges in Wohlen, mit dem ich am Morgen jeweils zur Arbeit nach Aarau fahre. Das hat sich so ergeben, es macht mir nichts aus, früh aufzustehen, und ich schätze es, wenn ich in den Morgenstunden ungestört arbeiten kann.

Der Arbeitsweg von Ruedi Bürgi zum Aargauer Obergericht fing früh an: Um 5.38 Uhr auf das Velo steigen, um die S-Bahn von 5.46 in Wohlen zu nehmen.

Der Arbeitsweg von Ruedi Bürgi zum Aargauer Obergericht fing früh an: Um 5.38 Uhr auf das Velo steigen, um die S-Bahn von 5.46 in Wohlen zu nehmen.

Dazu entstand mit der Zeit eine kleine Schicksalsgemeinschaft des zweitvordersten Wagens im Morgengrauen. Menschen, die vom Freiamt nach Aarau oder Bern fahren: die Simone aus Muri, die Marianne aus Boswil, der Beat aus Wohlen, der Vinzenz aus Dottikon, die Martina aus Staufen und der unbekannte Herr, der in Lenzburg mit einem Lächeln und einem «schöne Tag» den Zug verlässt; kurze, manchmal auch flüchtige Begegnungen, aber trotzdem starke Argumente, um um 5.38 Uhr aufs Velo zu steigen und zum Bahnhof zu radeln.

Wie hat sich die Arbeit am Obergericht in den letzten 35 Jahren verändert?

Als ich anfing, gab es noch keine Computer. Verhandlungen wurden von Hand protokolliert. Urteilsbegründungen wurden auf dicke braune Schallplatten diktiert und von den damals ausschliesslich weiblichen Sekretärinnen mit der Schreibmaschine getippt. Die eingehenden Fälle wurden von Hand chronologisch in ein grosses Registerbuch eingetragen, dies war die einzige Möglichkeit, später den Fall wiederzufinden.

Nahm auch die Zahl der Fälle zu?

Wir haben bedeutend mehr Fälle zu beurteilen als früher. Am markantesten war die Entwicklung beim Versicherungsgericht. Waren es in den 80er-Jahren rund 30 Fälle pro Jahr, sind es heute rund 1000. Zum Glück half uns das Parlament in diesen Jahren explodierender Fallzahlen und bewilligte trotz sonstiger finanzieller Notlage und einschneidender Sparprogramme mehrmals die dringend notwendigen Anpassungen im Personalbestand. Darf ich noch weitere Veränderungen nennen?

Nur zu!

Früher erstatteten fast ausschliesslich Richter die schriftlichen Urteilsvorschläge als Grundlage für die Entscheidfindung. Heute übernehmen zu einem markanten Teil die Obergerichtsschreiber diese Aufgabe. Das macht den Job des Gerichtsschreibers attraktiver. Es entbindet die Richter aber nicht, die Akten trotzdem gut zu studieren. Früher bildeten in den grösseren Fällen fünf Richter den Spruchkörper. Heute sind es aus Spargründen im Zivil- und Strafgericht nur noch drei. Ich bedauere das.

Warum?

Wenn fünf und nicht nur drei Richter einen Fall beurteilen, sind der Diskurs zur Wahrheitsfindung und die juristische Beurteilung in der Regel offener und umfassender.

Wie steht es mit der Frauenquote am Obergericht? 

Sie hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert, die Oberrichterinnen sind aber noch immer deutlich in der Minderheit. Am Obergericht arbeiten im Gesamten 9 Oberrichterinnen und 19 Oberrichter.

Das Interesse der Öffentlichkeit, speziell auch der Politik, für das Obergericht hat deutlich zugenommen. Eine gute Entwicklung?

Ja. Grundsätzlich ist mehr Öffentlichkeit gut. Dies dient auch der Transparenz der Rechtsprechung. Ich war ungeachtet dessen schon immer der Meinung, dass die Justiz auch nach aussen sichtbar sein soll, auch nach aussen ein Gesicht zeigen soll. Da ist auch in Kauf zu nehmen, dass es in der Natur der medialen Berichterstattung und der Macht der Schlagzeile liegt, dass vor allem dann berichtet wird, wenn durch Kritik an Urteilen ein Spannungsfeld entsteht.

Wie gehen Sie generell mit Kritik an der Arbeit des Obergerichts um?

Ich würde mir wünschen, dass wir uns der Kritik noch etwas mehr stellen. Es wäre meiner Meinung nach in manchen Fällen sinnvoll, wenn wir den Medienschaffenden im Rahmen unserer Möglichkeiten etwas mehr erklären könnten, als oft in den knapp gehaltenen Medienmitteilungen des Kantons steht. Das will man aber heute bewusst nicht. Die Richter sollen durch die Zurücknahme hinter die Stimme der Medienbeauftragten Nicole Payllier geschützt werden, damit sie ihre Arbeit weiterhin unbefangen und ohne öffentlichen Druck verrichten können. Das hat natürlich auch seine Berechtigung. Umgekehrt könnten wir – ohne uns anzubiedern – die Medien auf besondere Fälle und Fragestellungen und Entwicklungen hinweisen.

Wie gehen Sie persönlich mit Kritik an Ihrer Arbeit um?

Als Richter muss man manchmal schon eine harte Haut haben. Man fällt eine Entscheidung und kann sie nachträglich nicht ändern, nur erklären. Ich muss die Entscheidung, die ich nach bestem Wissen und Gewissen gefällt habe, tragen. Mit allen Konsequenzen.

Haben Sie auch schon falsch entschieden?

Die Möglichkeit des Irrtums respektive des Fehlers gehört zum Menschsein. Davon nehme ich mich und auch meine Kolleginnen und Kollegen nicht aus. Jeder Richter hat schon falsch entschieden. Entscheidend ist, dass wir alle Sorgfalt verwenden, um diese Zahl so klein wie möglich zu halten. Zudem gibt es einerseits die prozessualen Regeln, wie im Zweifel vorzugehen ist, und natürlich auch die Möglichkeit der Überprüfung durch die oberen Instanzen.

Also gab es auch Zweifel?

Ja, natürlich, Zweifel gibt es oft. Häufig kommt dies bei der Beurteilung von Lebenssituationen vor, bei denen nur zwei Personen dabei sind, also zum Beispiel bei Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs oder generell bei Beziehungsdelikten. Da steht Aussage gegen Aussage. Als Richter sammelt man Beweise, wägt ab: Reichen sie für eine Verurteilung? Oder gilt die Regel «in dubio pro reo»?

Ferdinand von Schirach wurde Schriftsteller, weil er als Strafverteidiger nachts nicht mehr schlafen konnte. Hatten Sie manchmal auch schlaflose Nächte?

Ich kann mich meistens recht gut abgrenzen. Es gelingt dann nicht so gut, wenn es um schicksalhafte Fälle geht, wenn Menschen unter einem Ereignis leiden und man noch nicht sieht, wie die Sache ausgeht.

Gibt es Fälle, die Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Ganz schwerwiegende Fälle bleiben natürlich haften, wenn es um die höchsten Rechtsgüter wie Leben und Gesundheit oder die sexuelle Integrität geht. Dann bleiben auch abstruse Fälle haften, Fälle von Nörglern und Querulanten, die etwas Anekdotisches haben. Haften bleiben aber auch immer die schon fast schicksalhaften Delikte, die niemand will, auch der Täter nicht, wie bei Arbeits- oder Verkehrsunfällen. Bei diesen Fällen leiden gleichsam sowohl Opfer wie Täter. Das geht auch mir als Richter und Mensch nahe und braucht seine Zeit, um es zu verarbeiten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bei einem meiner ersten Fälle ging es um eine Tötung, die nur aufgrund von indirekten Beweisen, sogenannten Hinweisen oder Indizien, gelöst werden konnte. Als Täter kamen drei Männer infrage. Wir hatten keine direkten Beweise wie Spuren oder Augenzeugen, sondern eben nur verschiedene Indizien. Einem der drei Männer konnte dann nachgewiesen werden, dass er kurz vor dem Tatzeitpunkt mit Zucker und Feuer experimentiert hatte.

Da die Leiche mit Zucker übergossen und dann angezündet worden war, um allfällige Spuren zu verwischen, wurde dieser Mann des Mordes schuldig gesprochen und zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Gewisse Zweifel blieben, aber das Gericht hat das genannte Indiz als schlüssig genug betrachtet, um von der Täterschaft überzeugt zu sein.

Nach 35 Jahren am Obergericht: Ist die Rechtsprechung gerecht?

Wahrheit und Gerechtigkeit müssen in jedem Fall neu gesucht werden. Solange ich Richter war, habe ich versucht, nicht nur der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, sondern auch – so gut dies immer möglich war – Gerechtigkeit walten zu lassen.

Würden Sie wieder Oberrichter werden wollen?

Die Arbeit als Richter war vom ersten bis zum heutigen bald letzten Tag eine grosse persönliche Herausforderung im Dienst der Gesellschaft und der Menschen und eine tolle Bereicherung zugleich, sie passte zu meiner Persönlichkeit und erfüllte mich. Ich würde es deshalb sehr gerne wieder tun.

Was folgt jetzt?

Ich freue mich, dass der dauernde Leistungs- und Erledigungsdruck wegfällt und entsprechend auf viele neue kleine und grosse Freiheiten. Gleichzeitig habe ich aber Respekt davor, nachdem ich 35 Jahre in ein funktionierendes System eingebunden war, nun meinem Leben eine neue Struktur zu geben. Ich stelle mir vor, dass es gut wäre, ein bis zwei Tage pro Woche einer fixen Tätigkeit nachzugehen, möchte aber auch zusammen mit meiner Frau mit dem Camper unterwegs sein, Sport, Spiel und Kultur und Kulinarik nicht zu kurz kommen lassen und – wenn der Körper mitmacht – auch im Tennis «no chli» besser werden.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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