Gelb vor Rot. TCS vor Rega. In dieser Reihenfolge werden die Rettungshelikopter im Aargau aufgeboten, so will es der Kanton. Der Entscheid fiel auf dem Höhepunkt des Kampfs um die Hoheit am Aargauer Himmel, der national für Schlagzeilen sorgte.

Das war vor zwei Jahren. Seither steigt die Zahl der Einsätze stetig an. 2013 verdoppelten sie sich gegenüber dem Vorjahr auf 241 Primär- und Sekundärflüge. Nun sind die Zahlen für 2014 bekannt: Sie zeigen erneut einen starken Anstieg. Die Rega meldet 99, der TCS 213 Einsätze. Die total 312 Flüge bedeuten eine Zunahme um fast einen Drittel – innerhalb eines Jahres.

«Seltsam», findet Ulrich Bürgi. Der Chefarzt und Leiter des Notfallzentrums am Kantonsspital Aarau (KSA) hat keine Erklärung für diese Entwicklung.

Zwar wachse die Bevölkerung und die Leute würden älter und kränker – beides trage sicher dazu bei. «Der Anstieg ist aber dennoch im Vergleich zum Vorjahr überproportional.» Um die Gründe dafür zu kennen, müssten die einzelnen Fälle analysiert werden.

Schnelle Interventionszeit des Helis ausschlaggebend

Beim Kanton hingegen zeigt man sich nicht überrascht über die erneute Zunahme. «Die Einsatzzahlen liegen im Rahmen des Erwarteten», sagt Balz Bruder, Mediensprecher beim Departement Gesundheit und Soziales.

Seine Erklärung: Einerseits die permanente Verfügbarkeit eines Luftrettungsmittels mit Notarzt; andererseits komme der Helikopter häufig dann zum Einsatz, «wenn mehrere Einsätze parallel stattfinden und dadurch der zuständige Rettungsdienst den Einsatz nicht bewältigen kann». Dabei sei die «sehr schnelle Interventionszeit des Helikopters ausschlaggebend». Dazu kommt: Bei weiten Distanzen würden die Rettungsdienste den schonenden und schnellen Transport schätzen, sagt Bruder. Anhaltspunkte für unnötige Aufgebote der Luftrettung gebe es bislang keine.

Bei den aktuellen Zahlen fällt auf: Die Rega flog gegenüber dem Vorjahr weniger sogenannte Primäreinsätze, bei denen die Mediziner zur Erstbehandlung an die Unfallstelle ausrücken. Gestiegen hingegen ist die Zahl der Sekundäreinsätze, also der Verlegungen von Spital zu Spital. Diese Aufträge laufen nicht über die Einsatzleitstelle, sondern direkt über die Spitäler.

«Bei schwierigen Sekundärtransporten bieten wir die Rega auf, weil sie über die nötige Kompetenz verfügt», sagt Ulrich Bürgi. Beim TCS hingegen werden die Primäreinsätze immer wichtiger. Dabei sollten die Sekundärflüge das Kerngeschäft bilden, wie die Verantwortlichen der TCS-Tochterfirma Alpine Air Ambulance (AAA) zu Beginn ihres Aargauer Engagements betonten.

TCS dehnt Einsatzgebiet aus

In der Zwischenzeit hat der TCS das Einsatzgebiet für den gelben Heli über die Kantonsgrenze ausgedehnt. Die Flüge ausserhalb des Aargaus werden ebenfalls von der Einsatzleitstelle disponiert, die dem Kantonsspital Aarau (KSA) angegliedert ist. Der TCS-Helikopter auf dem Flugplatz Birrfeld wird in den umliegenden Kantonen sowie seit Anfang 2015 im Landkreis Waldshut als subsidiäres Rettungsmittel eingesetzt.

Ein Ausbau der Flotte sei derzeit nicht geplant – trotz erweitertem Einsatzgebiet bleibt es beim einzelnen Rettungshelikopter «Lions 1». Im Kanton Zürich sei der TCS-Heli bisher nur für wenige Einsätze aufgeboten worden, sagt AAA-Sprecherin Petra Seeburger. Weil jeweils das nächstverfügbare Rettungsmittel aufgeboten werden müsse, lasse sich das primäre Einsatzgebiet nur limitiert vergrössern.

Wogen haben sich geglättet

Die Wogen zwischen den Luftrettern scheinen sich inzwischen geglättet zu haben. Kritik an der aktuellen Situation jedenfalls äussern die Konkurrenten keine. Rega-Sprecherin Karin Hörhager sagt: «Wir haben den damaligen Entscheid des Kantons Aargau zur Kenntnis genommen und respektiert.» Geändert habe sich seit der öffentlichen Debatte vor zwei Jahren für die Rega nichts. Auf die Frage nach Verbesserungspotenzial antwortet Hörhager: «Es ist nicht Aufgabe der Rega, etwaigen Handlungsbedarf beim Kanton Aargau zu beurteilen.»

Dort sieht man derzeit keinen Anlass, um an der aktuellen Situation etwas zu ändern. DGS-Sprecher Balz Bruder: «Die Versorgungssituation in Bezug auf die Rettung aus der Luft ist aus Sicht des Kantons gut.»

Ein wenig anders tönt es bei Ulrich Bürgi. Glücklich über den Entscheid des Kantons, den TCS-Heli in erster Priorität aufzubieten, ist der KSA-Chefarzt auch nach zwei Jahren nicht. Er sagt: «Für uns Ärzte ist nicht nachvollziehbar, warum der TCS aus Standortgründen bevorzugt wird. Die Rega deckt das Mittelland genügend ab und würde völlig ausreichen.»

Rega-Einsatz am Skilift Wegenstetten im Fricktal.

Rega-Einsatz am Skilift Wegenstetten im Fricktal anfangs Februar 2015.

Rega kauft drei neue Ambulanzjets für 130 Millionen Franken.

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