Nachgefragt
«Reserven fehlen im ganzen Kanton»: KSA-Chefarzt Fux widerspricht Regierungsrat Gallati

Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Aarau, schlägt alarmierendere Töne an als der Gesundheitsdirektor und die Kantonsärztin.

Noemi Lea Landolt
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Christoph Fux ist Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Aarau.

Christoph Fux ist Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Aarau.

Britta Gut

Regierungsrats Jean-Pierre Gallati sagt, die Spitäler hätten genug Kapazitäten. Sehen Sie das gleich?

Christoph Fux: Leider nicht.

Warum?

Weil er den Fokus auf die Betten und nicht auf das Personal legt. Beim gesamten Pflegepersonal und den Ärzten auf den Intensivstationen ist die Situation kritisch. In allen anderen Bereichen ist sie gerade mal ausreichend. Reserven zur Aufarbeitung der verschobenen Operation fehlen damit im ganzen Kanton.

Die Spitäler hätten also genügend Betten, aber das Personal fehlt?

Genau. Ähnliches gilt auch für die Beatmungsplätze: Wenn Regierungsrat Gallati sagt, es gebe eine Reserve von 33 Prozent, stimmt das zwar. Aber die Betten sind trotzdem besetzt, weil
zumindest bei uns am Kantonsspital Aarau jeder Intensivplatz auch ein Beatmungsplatz ist. Wenn diese Betten voll sind, spielt es für uns keine Rolle, ob eine Person beatmet wird oder nicht. Fakt ist, das Bett ist besetzt, der Beatmungsplatz entsprechend nicht frei.

Christoph Fux im aktuellen Tele-M1-"Tagesgespräch":

Liegt der Gesundheitsdirektor also falsch, wenn er sagt, die Kapazitäten der Spitäler würden reichen?

Es ist eine Frage der Optik. Im Moment ist die Situation an den Spitälern unter Kontrolle. Wir müssen keine Patienten abweisen, die eine intensivmedizinische Behandlung oder eine dringliche Operation brauchen. Wir müssen kaum Patienten in ausserkantonale Spitäler verlegen. Der Kanton kann sich selbst versorgen. Aber der Preis dafür ist hoch.

Wie ist das zu verstehen?

Wir müssen aktuell zahlreiche nicht-dringlichen Operationen verschieben. Jedes Spital hat die Zahl der Eingriffe um zumindest einen Drittel oder gar die Hälfte heruntergefahren. Diese Operationen müssen wir irgendwann nachholen. Auch das Pflegepersonal ist im Moment maximal belastet, um nicht zu sagen an der Grenze der Belastbarkeit. Dazu kommen coronabedingte Ausfälle auch bei den Mitarbeitenden.

Sie schlagen alarmierendere Töne an als der Gesundheitsdirektor und die Kantonsärztin.

Für mich war die Tonalität fatal, weil sie keine Verhaltensänderung der Bevölkerung einforderten. Dabei hat der Bund gesagt, dass wir die Fallzahlen alle zwei Wochen halbieren müssen, wenn wir die Festtage gut überstehen wollen. Davon sind wir im Aargau weit entfernt. Weihnachten wird zu mehr Risikoverhalten und mehr Fällen führen, da brauchen wir Reserve. Und bei durchschnittlich 300 neuen Fällen pro Tag nehmen wir täglich drei Todesfälle in Kauf. Es braucht eine Debatte, ob dieser Preis für Freiheit und Wirtschaft gerechtfertigt ist. Insbesondere, weil wir schon bald impfen können.

Was fordern Sie vom Regierungsrat?

Er sollte zumindest an die Selbstverantwortung der Aargauerinnen und Aargauer appellieren. Wir würden uns auch wünschen, dass sich bis am 23. Dezember nur noch Personen aus maximal zwei Haushalten treffen dürfen.

Sind Sie zuversichtlich, dass diese Massnahmen kommen?

Der Kanton Aargau hat gar keine Wahl. Bundesrat Alain Berset hat klar gesagt, was er erwartet und dass er Massnahmen anordnen wird, wenn die Kantone nicht selber handeln sollten. Was mich erstaunt, ist, dass sich viele Menschen erst anders verhalten, wenn ihnen das jemand vorschreibt. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen in einen freiwilligen «privaten Lockdown»gehen, im Homeoffice arbeiten und bis Weihnachten primär virtuelle Kontakte pflegen.